Don Otto, der Letzte

Freitag, 17.07.2015 | 11:58 Uhr
Arturo Vidal wird aller Voraussicht nach bis 2020 in München unterschreiben
© getty
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In Jahr drei nach Pep Guardiolas Amtsantritt beim FC Bayern München hat der Katalane das Mittelfeld komplett umgekrempelt. Die Metamorphose des Herzstücks ist abgeschlossen, Arturo Vidal soll das letzte Puzzleteil sein. Jetzt heißt es: Erfolg oder nix.

Vier Jahre ist es her, da degradierten die Münchner Granden Arturo Vidal an der Säbener Straße zur Persona non grata. "Vidal verarscht Bayern", schimpfte sogar die Bild. Ein Mann ohne Moral, der zum Glück gar nicht erst zu ihnen nach München gekommen ist, wütete Karl-Heinz Rummenigge damals, ein Wort sei gebrochen worden, polterte Uli Hoeneß.

2011 war das, als Jupp Heynckes Leverkusen verließ und zum Rekordmeister zurückkehrte. Zum Chilenen hatte Don Jupp schon immer ein besonderes Verhältnis. Die Bayern rüsteten sich nach der Meisterschaft der Dortmunder zum Großangriff - was wäre da nahe liegender gewesen, den neuen Coach samt dessen Lieblingsschüler im Paket zu holen?

SPOX-Fünferkette: Vidal und der FC Bayern - passt das?

Die Rechnung, die sie im Süden im Kopf hatten, schien plausibel. Wurde aber ohne die Werkself gemacht. Denn am Rhein wollte man Vidal nur ungern verkaufen, schon gar nicht zu einem Ligakonkurrenten.

So waren alle privaten Versprechungen umsonst. Die öffentlichen Liebesbekundungen, geschenkt. Dass Berater Fernando Felicevich Druck machte auf Leverkusen, seinen Klienten zur Bild zum Interview zerrte und ihn Sachen sagen ließ wie: "Ich will nach München. Ich möchte unbedingt, dass sich die Vereine einigen."

Doch Bayer bliebt stur, genau wie der Wechselwunsch von Vidal. So war der Herzensverein wenige Wochen später und 452 Kilometer weiter südlich gefunden. Und an der Säbener Straße wüteten sie und polterten sie. Und Hoeneß sagte: "Das Wohl und Wehe des FC Bayern hängt nicht von Arturo Vidal ab."

Im Schatten von Schweinsteiger

Das tut es auch heute nicht, vier Jahre später. Doch es überrascht schon, dass Vidal, dem Wortbrecher ohne Moral, wieder alle Türen offen stehen beim FC Bayern.

Im Schatten des Bebens, das der Abschied von Ikone Bastian Schweinstiger ausgelöst hatte, fädelten die Münchner den bislang spektakulärsten Bundesligatransfer des Sommers ein. Leise, still und heimlich. Als die italienische Presse Wind davon bekamen, waren sich alle Parteien schon einig.

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Als die Meldung sich auch hierzulande als große Nummer im Wald der Transfergerüchte des Sommerlochs emanzipierte, saß Juve-Boss Beppe Marotta in seinem Büro in Turin. Telefonierte den Vormittag über mit den Münchner Verantwortlichen. Und verließ um 13.10 Uhr das Gebäude mit einer Übereinkunft.

Die Münchner wollten "noch nicht bestätigen, dass alles fix ist", so Rummenigge am Flughafen vor der Reise ins Reich der Mitte. Doch braucht es kein großes zwischen den Zeilen lesen, dass der Satz "Wir haben Interesse und ich hoffe, dass der Spieler am Ende des Tages zu uns kommt" bedeutet: Da wird nicht mehr viel schiefgehen. Nach SPOX-Informationen wird der Transfer zeitnah als offiziell verkündet.

Ein Arbeitspapier bis 2020 soll es angeblich sein mit einem Jahresgehalt von sechs Millionen Euro. Die Münchner überweisen rund 35 Millionen nach Norditalien, mögliche Bonuszahlungen noch nicht mit eingerechnet.

Bei den Summen, die momentan über die Theken gehen schon fast ein Witzpreis für einen Spieler dieser Klasse. Angeblich soll man in Turin aber nicht traurig sein, dass sich ein Abnehmer für den Skandal-Profi gefunden hat. Seine Eskapaden, zuletzt die Sufffahrt während der Copa America, sollen den Juventus-Oberen zu viel geworden sein. Auch die anderen Interessenten, Arsenal oder Real - mit den Königlichen soll er sich sogar schon einig gewesen sein - seien auf Distanz gegangen.

Konfliktpotenzial vs. Weltklasse auf dem Zenit

Die Bayern schlugen dennoch zu. Sie haben sich einen Fußballer mit unbestritten viel Konfliktpotenzial gesichert. Und einen, der so gut ist wie wenige auf seiner Position. Einen Weltklasse-Kicker, der auf dem Zenit seines Schaffens ist, sprich: Jemanden, den es in der bayerischen Zentrale trotz viel Personal nicht gibt.

Vidal ist der letzte Teil der Metamorphose, mit der Pep Guardiola seit seiner Amtsübernahme das Herzstück des Bayernspiels verwandelt hat, auch wenn der ehemalige Leverkusener Michael Reschke gehörig mitgemischt haben dürfte bei der Verpflichtung Vidals. Denn unter Heynckes gab es wenig Fragen. Doppelsechs mit Schweinsteiger und Javi Martinez, Thomas Müller oder Toni Kroos davor.

Mit dem Abschied Schweinsteigers und Vidal als neuer Option ist das Mittelfeld endgültig transformiert. Kroos ist weg, genauso wie Schweinsteiger. Müller ist Stürmer, sagt Pep, Martinez gehört in die Innenverteidigung. Philipp Lahm und David Alaba rückten aus der Verteidigung in die Zentrale, wo sich auch Guardiolas Musterschüler Thiago, der letztjährige Wunschtransfer Xabi Alonso, der diesjährige Wunschtransfer Joshua Kimmich, Pierre-Emile Höjbjerg und Sebastian Rode Hoffnung auf Einsätze machen.

Vidal in der Verteidigung?

Auch das klassische 4-2-3-1, Heynckes' Erfolgssystem, dürfte mit dem Vidal-Transfer fast zur Gänze aussterben. Eine Option bleibt es freilich, doch mehr als drei Abwehrspieler werden es bei dem Angebot im Mittelfeld in der Regel wohl nicht mehr.

Eine Frage könnte dabei sogar lauten: Ist Vidal einer davon? Gespielt hat der den Verteidiger nicht nur in der Nationalmannschaft unter Peps Mentor Marcelo Bielsa, sondern auch bei Leverkusen. Vor vier Jahren wollten ihn die Bayern ob seiner Polyvalenz auch in der Defensive einsetzen.

Was neben aller Planspiele klar ist: Die Aggressivität, Wucht und Dynamik, die ein Vidal mitbringt, werden dem Münchner Spiel mehr als gut tun. Präsenz und Aufopferungsbereitschaft, Technik, Passspiel und Torgefahr: Vidal ist ein kompletter Spieler, der Box to Box mit seinen Qualitäten nach vorne, vor allem aber mit seiner giftigen Spielweise in die Defensive ein Unikum im FCB-Kader ist. Und einer, der dem Münchner Mittelfeld eine gehörige Portion Punch verleihen wird. Vielleicht genau so viel, dass es wieder etwas wird mit den ganz großen Zielen.

Denn Guardiola steht in seiner - Stand jetzt - letzten Saison beim FC Bayern mehr denn je unter Druck. Will er nicht als gescheitert gelten, muss er die Champions League gewinnen. Will man den Henkelpott holen, darf man sich einen Spieler wie Vidal nicht entgehen lassen. Den jetzt schon von vielen als Treter Abgestempelten - der seinen letzten Platzverweis für Juve im Februar 2012 kassierte.

Jetzt geht es um alles. Dafür wird "Don Otto", so die nicht ganz so majestätische Spitznamen-Alternative zu "Krieger" oder "König" in seiner Heimat, unter Umständen gar nicht der letzte große Transfer bleiben. "Ich möchte bis zum 31. August weitere Transfers nicht ausschließen", sagte Rummenigge vor dem Abflug Richtung China.

Arturo Vidal im Steckbrief

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