Arturo Vidal vor dem Copa-Finale

Das Jahr des Königs

Freitag, 03.07.2015 | 10:13 Uhr
König Arturo soll La Roja zum ersten Copa-Triumph der Geschichte führen
© getty
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Arturo Vidal ist auf seiner Position einer der besten Fußballspieler der Welt. Außerdem ist Vidal Discoschläger, Partytier und Alkoholraser. Jetzt trägt er die Hoffnungen von 17 Millionen Chilenen auf einen geschichtsträchtigen Triumph in der Copa America (22 Uhr im LIVE-TICKER). Denn dem Status des Normalsterblichen ist König Arturo in seiner Heimat trotz aller Schandtaten längst entwachsen.

Am Dienstagnachmittag macht sich Arturo Vidal auf den Weg zu Gary Medel. Das Weiterkommen in der Copa winkt, genauso wie das Grillfest bei seinem Mitspieler. Und schließlich ist es sein freier Tag. Stunden später liegt Vidals neuer Ferrari zerbeult und aufgerissen am Straßenrand der Routa 5 vor Santiago, bedeckt von Wüstenstaub. Genauso wie der gerammte, weiße Chevrolet mit dem Nummernschild DP VZ 88, der auf der Seite zum Liegen gekommen ist. Splitter liegen auf der Straße.

Was sich an diesem Dienstag Mitte Juni ereignet, liefert den Stoff für die Geschichte, die eine ganze Nation in Atem hält. Nachdem die Feierlichkeiten auf dem Medel'schen Anwesen allem Anschein nach ein voller Erfolg sind, geht's für den Star von La Roja ins Casino Monticello auf ein paar Runden Black Jack. Auf der Rückfahrt, so wollen es Augenzeugen gesehen haben, räumt Vidal bei Tempo 160 ein anderes Fahrzeug aus dem Weg, fliegt meterweit durch die Luft und landet unsanft im Sand.

"Wenn Sie Scheiße gebaut haben, haben Sie Scheiße gebaut, mein Herr", sagt ein Polizist, der den alkoholisierten Vidal abführen will. 1,2 Promille werden im Laufe der Nacht beim Juventus-Star festgestellt. "Leg' mir nur Handschellen an. Aber Du reißt ganz Chile in die Scheiße", schimpft Vidal, während er im Polizeiwagen davon fährt. Die Nachrichten überschlagen sich, Radio, TV und Internet kennen nur noch ein Thema.

Strafe ja - aber nicht jetzt

Die Konsequenz für Vidal? Lachhaft. Führerschein weg, zudem muss er sich regelmäßig im chilenischen Konsulat in Mailand melden. Die Lehre für den Rest der Welt? Ein Normalsterblicher ist der Volksheld, auf dessen Hochzeit sogar Staatspräsidentin Michelle Bachelet antanzte, in Chile schon lange nicht mehr. Und: In einer Situation, in der Chile die Copa America im eigenen Land gewinnen kann, steht der Fußball über allem. Auch über dem Gesetz.

Chile hat die Copa noch nie gewonnen. Das soll sich ändern, schließlich ist das - da ist man sich im Andenstaat einig - die beste Nationalmannschaft, die das rote Trikot je getragen hat. Doch weiß man im pathetischen und nationalstolzen Fußballland auch: Ohne Vidal wird das wohl nix. Dass der große Hoffnungsträger und wohl wichtigste Chilene gerade jetzt in den Schlagzeilen ist, das schmeckt im rechtstreuen Chile niemandem. Irgendwie muss man ihn schon bestrafen, so der der Konsens - aber doch nicht jetzt.

"Wir sollten Arturo jetzt nicht ausschließen, sondern ihn einschließen und uns um ihn kümmern", sagte Nationaltrainer Jorge Sampaoli, der in der ganzen Nation Steine von den Herzen der Fußballverrückten plumpsen ließ. "Er hat einen Fehler begangen, der nicht so schwerwiegend ist, um ihn auszuschließen."

Dass sich Vidal selbst unter Tränen geläutert zeigte und von seiner eigenen Schuld sprach - was er in einer ersten Videobotschaft noch verneinte - machte die Inszenierung perfekt. So schlimm war das doch alles gar nicht, ihm tut es leid und wir sollten jetzt schnell wieder Fußball spielen.

"Bis in den Tod"

Arturo Vidal hat einen Spitznamen in seiner Heimat. Rey Arturo, König Arturo. So wird er nicht umsonst genannt. Als der 28-Jährige in der schicksalsträchtigen Nacht nach dem Alkoholtest in einem Krankenhaus im Polizeiauto auf die Wache gebracht wurde, kamen die Ordnungshüter fast nicht vom Gelände des Spitals. So viele Fans, johlend und feiernd klopften sie auf den Wagen ein. Trikots, Fahnen und Smartphones im Anschlag.

Vor der Wache in der Gemeinde Bruin protestierten Anwohner, an die hundert sollen es laut der Süddeutschen Zeitung gewesen sein, die die Beamten beschimpften und Freiheit für ihren Arturo forderten. Arsenals Alexis Sanchez sagt nach den Vorwürfen, dass die Mannschaft ihrem Anführer folgen würde. "Bis in den Tod". Als die Chilenen vier Tage nach dem Unfall Bolivien mit 5:0 vom Platz fegten, gab es eine Handvoll kritische Transparente - die in der ihrem König zujubelnden Masse kaum auszumachen waren.

Von einem Sieg, so einfach "wie eine Spritztour im Ferrari", schrieb die Zeitung La Cuarta. Und das, obwohl seit letztem Jahr die Strafen für Verkehrsdelikte verschärft wurden. Die "Ley Emiliana" sieht für Unfälle unter Alkoholeinfluss mit verletzten Personen mindestens ein Jahr Haft vor. Doch spätestens mit dem Spiel gegen Bolivien - Chile war jetzt Gruppensieger - war ohnehin alles vergeben und vergessen.

Wie die anderen Entgleisungen, die da in Vidals unrühmlicher Akte stehen. Zum Beispiel die zehn Spiele Sperre aus dem Jahr 2011, als er vor einem Länderspiel gegen Uruguay mit Mitspielern betrunken ins Teamhotel gekommen war. Oder die Zwischenfälle in Italien. Im Oktober lieferte er sich eine Disco-Rauferei, kam im Morgengrauen zurück und auch noch zu spät zum Training. 100.000 Euro musste der Chilene an seinen Klub Juventus blechen. Alles vergeben und vergessen, genau wie wohl alles, was da noch kommen wird.

Zu gut für Konsequenzen

Vor allem, wenn König Arturo tatsächlich dafür sorgt, wonach eine ganze Fußballnation lechzt: Den Gewinn der Copa America. Vor der Saison hatte er noch prophezeit, es sei "sein Jahr". Räumt er im letzten großen Endspiel Lionel Messi & Co. aus dem Weg, wird es das zweifellos.

Und irgendwie würde es durchaus als Pointe herhalten. Dass derjenige, der dem gesunden Menschenverstand zufolge eigentlich in Haft sitzen müsste, am Ende das wichtigste Fußballturnier auf dem amerikanischen Kontinent entscheidet. Der, der eigentlich gar nicht mitspielen dürfte im Endspiel, nachdem er im Halbfinale mit einer Tätlichkeit gegen Perus Carlos Zambrano davongekommen war.

Vidal spielt eben so Fußball, wie er lebt. Wild, leidenschaftlich, rücksichtslos. Das kann leicht nach hinten losgehen. Bloß war Vidal, was den Fußball angeht, unter dem Strich schon immer zu gut, als dass er ernsthafte Konsequenzen zu fürchten gehabt hätte. Mittlerweile ist das auch so außerhalb des Platzes, zumindest in seiner Heimat.

Doch kann dieser bedingungslose Einsatz auch Gold wert sein. Vielleicht schon am Samstag, wenn die Hoffnung von 17 Millionen Chilenen auf seinen tätowierten Schultern ruht. "Wenn ich in den Krieg ziehen müsste", hat Juventus' Torwartlegende Gigi Buffon einmal gesagt, "würde ich ihn immer mitnehmen." Ob er auch bei Vidal im Auto mitfahren würde, ist eine andere Frage.

Arturo Vidal im Steckbrief

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