Der Lieblings-Bösewicht beißt wieder

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 15.01.2014 | 16:00 Uhr
Der VfL Wolfsburg beendete die Hinrunde der laufenden Saison auf Tabellenplatz fünf
© getty
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Die Konkurrenz erkennt im VfL Wolfsburg mit dem VW-Konzern im Rücken einen veritablen Bayern-Jäger. Wolfsburg hat seit einiger Zeit aber deutlich mehr zu bieten als nur Geld.

Die Winterpause hat bis jetzt nicht viele Aufreger geboten. Die Klubs halten sich auf dem Transfermarkt größtenteils zurück, aus den Trainingslagern schaffen es die üblichen positiven wie nichtigen Wasserstandsmeldungen in den Fokus der Fans.

Es läuft ziemlich gemächlich dahin bis zum Start am Freitag in einer Woche. Zum Glück bietet wenigstens ein Klub ein wenig Angriffsfläche: Der VfL Wolfsburg hat sich auf den Weg gemacht, wieder zu einem der Lieblings-Bösewichte der Liga zu werden.

Seit ein paar Wochen hat sich eine Sichtweise etabliert, die zunächst vereinzelt befeuert wurde. Mit dem absehbaren Transfer von Kevin de Bruyne vom FC Chelsea nach Wolfsburg bekommt sie abermals Fahrt.

Imposante Zahlen und Fakten

Die Zahlen lesen sich enorm und sie passen auch hübsch in die momentane Diskussion. Geführt von Wolfsburgs Konkurrenz, nicht vom VfL selbst. Von 22 Millionen Euro Ablöse ist die Rede. Damit wäre De Bruyne der teuerste Transfer der Klubgeschichte und würde Luiz Gustavo ablösen, der diese Position erst im Sommer eingenommen hatte. 20 Millionen Euro hatte Wolfsburg damals an den FC Bayern überwiesen.

Zwei Rekordtransfers innerhalb von nur sechs Monaten. Ein Trainer, der nach einem Jahr endgültig angekommen ist und seinen Stil durchdrücken kann. Eine intakte Mannschaft, die nach schwierigen Phasen einen respektablen Teamgeist und Wettkampfhärte entwickelt hat und sich in Lauerstellung sogar für die Champions-League-Plätze gespielt hat.

30 Punkte und ein Torverhältnis von plus neun Treffern nach der Hinrunde bedeuten Klub-Rekord, selbst in der Meister-Saison 2008/09 hatte Wolfsburg weniger Zähler auf dem Konto. Das alles wirkt offenbar ziemlich Respekt einflößend auf einige andere Klubs.

"Gigantische VW-Macht"

Vor Weihnachten hatte Dortmunds Boss Hans-Joachim Watzke den VfL quasi auf eine Stufe mit dem BVB, Bayer Leverkusen und Schalke 04 gestellt.

"Wolfsburg hat die gigantische VW-Macht im Rücken. Und seit Allofs und Hecking das Sagen haben, wird ja auch sportlich ordentliche Arbeit abgeliefert. Ich habe schon seit Jahren gesagt, dass Wolfsburg bald wieder auf der Matte stehen wird. Das steht jetzt kurz bevor, alleine schon im Verbund mit dieser Finanzkraft, die der Konzern dahinter hat."

Immerhin hat Watzke, anders als einige seiner Kollegen, die handelnden Personen in seinen Ausführungen nicht vergessen. Er hat am eigenen Leib erfahren müssen, wie ihm die aufopferungsvolle Arbeit der letzten Jahre beschädigt wurde.

Die beiden Abgänge von Mario Götze und Robert Lewandowski zu den Bayern trafen und treffen den BVB schwer - dazu muss man noch nicht einmal die Verschwörungstheorien bemühen, die Bayern kauften ihre ärgsten Kontrahenten einfach so leer, nur um sie zu schwächen. Vielleicht kann Wolfsburg bei entsprechenden Offerten an seine Spieler in der Tat andere finanzielle Konter setzen - den VfL aber nur darauf zu reduzieren, wäre ein Trugschluss.

Kontrahenten sind sich ungewöhnlich einig

In Wolfsburg hat sich in den letzten zwölf Monaten einiges getan. Dass der Klub großzügig alimentiert wird und mit dem VW-Konzern immer ein sicheres Fangnetz hinter sich weiß, ist ja keine neue Erkenntnis.

Dass mittlerweile mit den hervorragenden Grundlagen auch wieder vernünftig gearbeitet und gehaushaltet wird, gerät aber in den Debatten eher in den Hintergrund. "Es war klar, dass VW großzügig sein wird, wenn es beim VfL anfängt zu laufen. Der VfL Wolfsburg hat durchaus Macht. Das ist ein mehr als ernst zu nehmender Konkurrent, aber das ist keine Überraschung", sagt Jürgen Klopp.

"Wolfsburg ist schwer im Kommen. Mit diesen wirtschaftlichen Möglichkeiten können wir nicht mithalten. Sie haben ja schon im Sommer mit Luiz Gustavo ein Ausrufezeichen gesetzt", sagte Rudi Völler im Hinblick auf den De-Bruyne-Deal. Bayer hätte den Belgier gerne selbst verpflichtet. Was Völler in dem Zusammenhang aber nicht sagt: Leverkusen hat dem VfL mit einem äußerst lukrativen Angebot erst vor einigen Wochen Talent Julian Brand weggeschnappt.

Horst Heldt vom FC Schalke 04 weiß sogar um die Gefühlslage in Wolfsburg. "Der VfL wird im Winter noch mal auf dem Transfermarkt nachlegen", prophezeite Heldt. "Aber glauben sie mir: Entspannt sind die auch nicht!"

Allofs: "Das ist Blödsinn"

Die Kontrahenten sind sich einig darüber, dass Wolfsburg in naher Zukunft eindringen kann in ihren Bereich, wenn hinter dem vermeintlichen Abonnement-Meister Bayern München die Plätze ausgespielt werden. Worauf sich die Aussagen im Gros beschränken, ist die Kaufkraft der Wölfe. Nur der VfL könne den Bayern auf lange Sicht so noch das Wasser reichen. Und genau diese Ansichten passen Manager Klaus Allofs gar nicht.

Die Mär vom Bayern-Jäger sei "Blödsinn", so Allofs. "Auch wir leben hier nicht im Schlaraffenland!" Und wo er schon mal in Fahrt war, legte der starke Mann veim VfL gleich noch nach. Die kolportierte Ablösesumme von 22 Millionen Euro sei "jenseits von Gut und Böse. In solch einem Bereich bewegen wir uns nicht. Auch in Wolfsburg gibt es nicht unendliche Ressourcen und einen Topf, der immer voll ist."

Neues Geld im Sommer?

Allofs geht es gehörig gegen den Strich, dass sich da mal wieder eine populistische Diskussion anbahnt, die die wirklich grundlegenden Dinge hinter den Kulissen links liegen lässt. "Wir haben andere Ausgaben runtergefahren und den Kader verkleinert. So sind wir in der Lage, jetzt noch einmal zu investieren", stellt er klar. "Deshalb klettern wir aber nicht binnen einer Saison vom Abstiegskandidaten auf Tabellenplatz zwei."

Eingedenk der Tatsache dürfte sich die Liga in der Sommerpause noch auf den einen oder anderen imposanten Transfer gefasst machen. Spitzenverdiener Diego steht unter Umständen ebenso zum Verkauf wie Bas Dost, der Vertrag von Ivica Olic läuft aus. Das damit womöglich eingenommene und eingesparte Geld wird Wolfsburg eher nicht auf die hohe Kante legen.

Als Allofs im Spätherbst 2012 als Geschäftsführer Sport in Wolfsburg anheuerte, lag ein massiver Berg an Arbeit vor ihm. Der wild wuchernde Kader war ein Problem, das fehlende beziehungsweise stark angeknackste Image des Klubs ein anderes.

Radikale Entschlackungskur

Den Kader hat Allofs radikal entschlackt. 25 Spieler hat er allein seit vergangenem Sommer von der Gehaltsliste bekommen, nur sechs neue kamen dazu. Ausgeliehene und Dauerpendler wurden endlich weggeschickt. Hinter Borussia Mönchengladbach unterhält Wolfsburg den kleinsten Kader der Liga. 27 Spieler sind derzeit gelistet. "Spitzenreiter" Hoffenheim hat 35 Spieler im Kader.

Bei seiner Station davor in Bremen wurde Allofs am Ende seiner Amtszeit scharf angegangen. Seine Kritiker warfen ihm vor, dass ihm die Jahre den Biss geraubt hatten, die Transferflops hätten die wenigen Highlights längst übertroffen. Das ist auch kaum von der Hand zu weisen. Allerdings hatten sich für Allofs auch die Gegebenheiten grundlegend geändert.

Durch die Demission von Jürgen L. Born rutschte Allofs in eine Doppelfunktion als Sportdirektor und Vorsitzender der Geschäftsführung, die Zusammenarbeit mit Aufsichtsratschef Willi Lemke sorgte immer wieder für Spannungen. Allofs rieb sich zwischen den Posten auf, ließ selbst ein paar Prozent nach und vernachlässigte deshalb eine seiner Stärken: schlaue Transfers zu tätigen.

Kontinuität hat höchste Priorität

In Wolfsburg geht Allofs Schritt für Schritt vor, was den Verdacht nahe legt, dass weitere große Transfers in naher Zukunft folgen könnten.

"Wir haben den Kader verkleinert, der in seiner Größe eine Schwachstelle war. Auch die Zusammenarbeit mit den einzelnen Abteilungen wurde verbessert. Und: Wir haben es geschafft, den Menschen den VfL Wolfsburg besser zu erklären und damit auch ein bisschen nachvollziehbarer und sympathischer zu machen", sagte Allofs im SPOX-Interview vor wenigen Wochen.

Kontinuität auf allen Personalebenen genieße weiter oberste Priorität. Das schafft Sicherheit und Routine. Sein Trainer Dieter Hecking setzt diese Strategie immer besser mit den Profis durch.

Zwar weist die Mannschaft in Einzelbereichen immer noch Defizite auf (Wolfsburg kassierte mit sechs Gegentoren die meisten nach Standards) und kann mit dem allgemeinen Trend hin zu mehr deutschen Spielern auch noch nicht ganz mithalten (65 Prozent der eingesetzten Spieler bisher waren Ausländer), die grundsätzliche Entwicklung des Teams ist aber eindeutig positiv.

Warum nicht schon früher so?

Umso ärgerlicher sind die Abgänge der beiden Top-Talente Brand (17, Bayer Leverkusen) und Federico Palacios-Martinez (18, RB Leipzig) zu zwei ebenfalls üppig subventionierten Klubs. "So wie Leverkusen Julian Brand überredet hat, da können und wollen wir nicht mithalten", behauptet Allofs.

Die Diskussion um die neue Stärke der Wölfe führt eigentlich in die falsche Richtung. Dass das Potenzial in der Autostadt enorm ist, sollte niemanden überraschen.

Vielmehr stellt sich die Frage, warum dieses Potenzial mit Ausnahme der Meister-Saison bisher nie ausgeschöpft werden konnte. Wolfsburg selbst ist das beste Beispiel dafür, dass viel Geld nicht gleichbedeutend ist mit viel Erfolg. In den falschen Händen kann man damit auch jede Menge falsch machen.

"Bei aller Lust auf die Champions League wissen wir, dass es noch ein weiter Weg ist. Man darf nie vergessen, dass die anderen Klubs uns nicht nur loben, um uns zu schmeicheln", sagt Klaus Allofs. "Aber wir lassen uns nicht aufs Glatteis führen."

Das ist der VfL Wolfsburg

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