VfL-Geschäftsführer Klaus Allofs im Interview

"Wir haben doch Tradition"

Von Daniel Reimann
Donnerstag, 28.11.2013 | 17:49 Uhr
Wolfsburgs Geschäftsführer Klaus Allofs (r.) mit VW-Vorstandsboss Martin Winterkorn
© getty
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Weg vom Image des Retortenklubs: Klaus Allofs erklärt im Interview das neue Wolfsburger Selbstverständnis. Dazu spricht Wolfsburgs Geschäftsführer über die Chancen auf einen de-Bruyne-Transfer, Schwachstellen der Magath-Ära und die Perspektive der neuen VfL-Juwele.

SPOX: Sie sind seit gut einem Jahr beim VfL Wolfsburg. Haben Sie schon einmal für sich Bilanz gezogen?

Klaus Allofs: Ich werfe hin und wieder einen Blick zurück und frage mich: Was ist eingetroffen von dem, was man sich vorgenommen hat? Aber wenn ich das für mich alleine mache, ist das vor allem von persönlichen Dingen geprägt.

SPOX: Und wie steht es um die berufliche Bilanz?

Allofs: Wir haben seit meinem Antritt beim VfL bereits viel erreicht. Wir verfolgen unseren Weg konsequent und haben einige wichtige Aufgaben bewältigt. Derzeit sagt sich das zwar leicht, weil wir seit fünf Spielen ungeschlagen sind. Aber unabhängig davon haben wir schon viele Themen aufgearbeitet.

SPOX: Welche konkret?

Allofs: Im Winter haben wir zuallererst die Trainerfrage erfolgreich geklärt. Dann haben wir den Kader verkleinert, der in seiner Größe eine Schwachstelle war. Auch die Zusammenarbeit mit den einzelnen Abteilungen wurde verbessert. Und: Wir haben es geschafft, den Menschen den VfL Wolfsburg besser zu erklären und damit auch ein bisschen nachvollziehbarer und sympathischer zu machen.

SPOX: Eine Herkulesaufgabe mit Blick auf das gängige Klischee-Image des VfL. Wie sind Sie das angegangen?

Allofs: Der Klub selbst musste sich nicht verändern, sondern man musste den Weg, den der VfL geht den Menschen nur transparent machen. Dabei muss man oft auch gegen Vorurteile ankämpfen. Wir haben doch Tradition, nur ist sie nicht so alt wie bei anderen Klubs. Wir haben Fans, die sich total mit dem VfL identifizieren. Hier gibt es ein unfassbar fußballbegeistertes Umfeld. Und auch das soziale Engagement des Vereins wurde bisher kaum derart herausgestellt, wie es bei anderen Vereinen der Fall ist. All das haben wir verdeutlicht, da sind wir vorangekommen. Man kann nicht erwarten, dass die Leute einen Klub, mit dem sie zeitweise nicht so viel anfangen konnten, ein Jahr später plötzlich lieben. Aber wir werden mehr respektiert. Der beste Weg, um sympathischer zu werden, ist am Ende ohnehin immer der sportliche Erfolg.

SPOX: Für dieses Ziel wurde im Sommer Luiz Gustavo verpflichtet. Ein derart hochkarätiger Transfer passt aber kaum ins Bild der neuen Transferpolitik des VfL, oder?

Allofs: Vorab: Beim VfL Wolfsburg werden Ablösesummen auch immer gerne höher deklariert, als sie in Wirklichkeit sind. Damit müssen wir leben. Sie liegen schon eher richtig, wenn Sie prinzipiell 20 Prozent abziehen.

SPOX: In Sachen Luiz Gustavo war von bis zu 20 Millionen Euro die Rede. Minus 20 Prozent - das heißt die tatsächliche Ablöse lag bei rund 16 Millionen Euro?

Allofs: Die 18 bis 20 Millionen, über die spekuliert wurde, sind jedenfalls nicht korrekt. Aber es ist nicht unser Ziel, solche Zahlen ständig richtigzustellen. Richtig ist, dass Gustavos Verpflichtung ein wenig im Widerspruch zu den anderen Sommertransfers steht. Aber da will ich klarstellen: Wir haben nie einen Sparkurs gepredigt.

SPOX: Sondern?

Allofs: Wir wollen das Geld nur vernünftig ausgeben. Es macht Sinn, nicht viel zu viele Spieler im Kader zu haben, sondern auf Qualität zu achten. Einerseits legen wir großen Wert auf unsere Nachwuchsspieler und binden sie ein. Das sieht man an Maxi Arnold und Robin Knoche und das wollen wir so weiterführen. Dazu brauchen wir den guten, "normalen" Bundesligaspieler mit normalem Gehalt. Darüber hinaus wollen wir aber auch außergewöhnliche Spieler, mit außergewöhnlicher Qualität. Die kostet nun einmal Geld. Das gilt für Bayern, Dortmund, Schalke und Leverkusen genauso. Wenn wir unseren Kader mit solchen Spielern verstärken können, werden wir das auch weiterhin so handhaben.

SPOX: Sie sprachen Arnold und Knoche an. Hätten Sie erwartet, dass beide diese Saison so schnell zu Leistungsträgern werden?

Allofs: Das habe ich gehofft, ja. Beide waren schon im Jugendbereich herausragende Persönlichkeiten. Da hegt man schon die Hoffnung, dass sie sich entsprechend weiterentwickeln, auch wenn es Geduld braucht. Für uns ist ihre Entwicklung ein großes Glück: Wir predigen nicht nur, mehr Wert auf die Jugend legen zu wollen, sondern man sieht das an jedem Bundesliga-Spieltag. Der eingeschlagene Kurs ist offensichtlich und erkennbar.

SPOX: Besonders Maxi Arnold erfuhr einen kleinen Hype, er ist das Gesicht der neuen Wolfsburger Philosophie. Wie wichtig ist sein Wert für den VfL als Identifikationsfigur?

Allofs: Er ist ein junger Mann, der sich voll und ganz dem Fußball verschrieben hat, der diesen Beruf lebt. Und er fühlt sich wohl im Verein. Arnold ist dankbar für die Ausbildung, die er hier erfahren hat. Er muss gar keine besondere Rolle spielen, um eine Identifikationsfigur zu sein. Aber wir freuen uns natürlich, dass ein Spieler unsere Philosophie auch öffentlich repräsentiert. Doch in dieser Hinsicht muss man einen Robin Knoche genauso dazuzählen.

SPOX: Stimmt es, dass bereits vor zwei Jahren am Nachwuchsleistungszentrum Bilder mit dem Konterfei von Arnold und Knoche als Symbol für die Jugendarbeit aufgehängt wurden?

Allofs: Ja. Umso toller ist es, dass beide heute Gesichter des Klubs sind. Und dass sie sportliche Schlagzeilen schreiben. Das ist auch ein Kennzeichen großer Klubs: Dass man nicht nur als Mannschaft erfolgreich ist, sondern auch einzelne Spieler stärker werden und mehr öffentliches Interesse erfahren.

SPOX: Sie haben Arnold einst prophezeit, er könne den Weg von Draxler und Götze gehen. War das aufs Sportliche oder auf den Identifikationsfaktor bezogen?

Allofs: Am Fall Götze haben wir ja gesehen, dass Identifikation eine sehr kurzfristige Sache sein kann. Ich meinte den sportlichen Weg, ohne zu behaupten, dass Arnold im nächsten Jahr in der Nationalelf stehen muss. Aber er besitzt alle Voraussetzungen, um bei uns Stammspieler zu werden. Wenn wir als Mannschaft so erfolgreich werden wie Dortmund oder Schalke, dann kann er auch einen ähnlichen Weg wie die beiden gehen.

SPOX: Fürchten Sie denn, dass er tatsächlich den Weg von Götze gehen könnte und zu einem erfolgreicheren Klubs wechselt?

Allofs: Zuallererst ist er langfristig an den VfL Wolfsburg gebunden. Derzeit machen wir uns da keine Gedanken.

SPOX: Arnold ist nur ein Beispiel für die hervorragende Jugendarbeit des VfL Wolfsburg. Es ist schon ein Glücksgriff, wenn man bei einem Klub unterschreibt, der über eine solche Goldgrube verfügt, oder?

Allofs: Ich habe mir meinen Verein schon bewusst ausgesucht, das hat nichts mit Glück zu tun (lacht). Aber das Gesamtpaket beim VfL ist in der Tat interessant. Die Nachwuchsabteilung funktioniert sehr gut, da wird seit Jahren gute Arbeit geleistet.

SPOX: Dennoch konnte sich vor Ihrem Amtsantritt kaum ein Jugendspieler in der ersten Mannschaft etablieren. Wurde seiner Zeit zu fahrlässig mit dem vorhandenen Potenzial umgegangen?

Allofs: Das glaube ich nicht. Niemand sträubt sich dagegen, gute Jugendspieler einzusetzen, wenn man sie zur Verfügung hat. Oft ist auch der Profikader einfach zu gut besetzt oder die nachrückenden Spieler sind noch nicht so weit. Die Spieler, die wir jetzt haben, passen aber zweifellos in die erste Mannschaft. Sie haben die nötige Qualität.

Seite 2: Allofs über Chancen bei de Bruyne, den CL-Traum & eine Europa-Elite-Liga

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