Ehrlich, kompetent, zielstrebig

Von Stefan Rommel
Freitag, 20.12.2013 | 11:08 Uhr
Markus Weinzierl ist in seiner zweiten Saison als Cheftrainer beim FC Augsburg
© getty
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Der FC Augsburg geht als erstaunlicher Tabellenachter in den letzten Spieltag der Vorrunde bei Eintracht Frankfurt (20.30 Uhr im LIVE-TICKER). Der Höhenflug des FCA trägt untrüglich die Handschrift eines Mannes: Markus Weinzierl hat sich vom Nobody zum geachteten Bundesligatrainer entwickelt. Der 38-Jährige hat sich nach ein paar Anlaufschwierigkeiten durchgebissen. Die Verantwortlichen werden jetzt für ihren Mut belohnt.

Es gibt Thomas Tuchel, es gibt Christian Streich und seit ein paar Monaten auch Thomas Schneider. Sie haben als Trainer den kurzen Dienstweg genommen vom Junioren- in den Profibereich.

Und dann gibt es noch Torsten Lieberknecht, der vor sechs Jahren den direkten Schritt vom Spieler zum Trainer gewagt hat. Allerdings spielte Eintracht Braunschweig da in der Regionalliga Nord.

Großer Schritt in die erste Liga

Markus Weinzierl passt auch in diese Riege, und irgendwie doch nicht. Er hatte wie genannte Mitstreiter vor seinem ersten Engagement in der Bundesliga noch keinerlei Erfahrungen als Trainer im Oberhaus und - ein wohl ebenso großer Nachteil - auch keine Berührungspunkte mit seinem ersten Arbeitgeber aus der Bundesliga.

Als Weinzierl im Sommer 2012 seinen Vertrag beim FC Augsburg unterschreiben sollte, war er ein unbekannter Emporkömmling, der mit Jahn Regensburg in der 3. Liga zwar einen tollen Job gemacht, aber bis dahin eben auch nur in der 3. Liga gelernt hatte.

Vom FCA wusste er nicht viel, er kannte weder die Vereinsstrukturen noch die handelnden Personen und er hatte das Erbe von Jos Luhukay anzutreten, der dem FCA den ersten Aufstieg der Vereinshistorie in die Bundesliga geschenkt hatte und die Mannschaft überdies auch noch eine Saison ganz oben gehalten hatte.

Seinsch als mutiger Präsident

Es gibt sicherlich leichtere Unternehmungen als die, zu der Markus Weinzierl vor anderthalb Jahren angetreten ist. Der Start geriet bekanntlich ordentlich daneben, vor ziemlich genau einem Jahr waberte der Name Felix Magath durch die Arena draußen in Haunstetten. Alles ein Hirngespinst, bloße Spekulation.

Präsident Walther Seinsch hatte anderes vor mit Weinzierl. Er war es, der die Chuzpe hatte, einen Trainer aus der 3. Liga zu holen. Jetzt wollte er ihn nicht bei erstbester Gelegenheit wieder verbrennen. Seinsch war in den Jahren davor durchaus auch wankelmütig in seiner Entscheidungsfindung, aber dieses mal gab es nur diese eine klare Idee: Der Trainer ist unantastbar.

Vielmehr, und auch das ist etwas speziell in der Bundesliga, gab es eine fundierte Bestandsaufnahme mit dem Ergebnis, dass an Stelle des Trainers gleich zwei Sportdirektoren binnen weniger Monate ihren Posten verloren. "Die Verantwortlichen haben sehr genau hingeschaut, sonst hätte der FCA im Vorjahr nicht zweimal den Manager gewechselt", sagt Mittelfeldspieler Daniel Baier. Seinsch hielt an seiner Jobgarantie für Weinzierl fest, es war der Grundstein für die darauffolgende Entwicklung der Mannschaft und des Klubs.

Hartes Durchgreifen als Signal

Mit Stefan Reuter an Weinzierls Seite kamen jede Menge Erfahrung und neue Ideen dazu. Weinzierl war erstmal aus der Schusslinie. Reuters Verpflichtung erweist sich immer mehr als Volltreffer, er und Weinzierl funken auf einer Wellenlänge. Wegen der sehr kurzen Dienstwege mit genau genommen nur drei "echten" Entscheidungsträgern lassen sich viele Dinge unbürokratisch und schnell durchziehen.

Weinzierl selbst erkannte die eigentlichen Probleme der Mannschaft, die ihren Ursprung nicht in handwerklichen Fehlleistungen hatten. Sondern im Umgang miteinander. Ein Teil der Zugänge wollte sich partout nicht entsprechend integrieren, andere ließen die Zügel schleifen - alle offenbar in der falschen Gewissheit, es mit einem schwachen und verängstigten Trainer zu tun zu haben.

Der drehte den Spieß aber um, begann in der Winterpause mit einer knallharten Linie und stellte die Störenfriede rigoros kalt. Weinzierl regelte die wichtigen Zwischentönen innerhalb einer Mannschaft, die das große Ganze erst zusammenhalten. In den Trainingseinheiten verfestigte sich ein sichtbar strukturiertes Spielsystem, mit jedem Sieg in der Liga wuchs die Erkenntnis, dass auch mit dieser Mannschaft durchaus Bundesligafußball möglich sein kann.

Ein bunter Augsburger Haufen

Daran hatten nicht wenige gezweifelt. Augsburg ist - im positiven Sinn - ein Biotop ziemlich schräger Bundesligavögel. Die einen kämpfen um ihre erste Bewährungschance in der Liga, die ehemaligen Drittligaspieler Andre Hahn und Ronny Philp etwa, der Este Ragnar Klavan, Matthias Ostrzolek, Kevin Vogt (beide aus der 2. Liga) und natürlich Sascha Mölders, der vor ein paar Jahren noch auf den Ascheplätzen rund um Essen grätschte.

Andere wollen die womöglich letzte Gelegenheit auf hochklassigen Fußball nochmal nutzen wie der Torhüter Alex Manninger oder Halil Altintop, den Reuter in der Türkei ausgegraben hatte und im Eilverfahren nach Augsburg transferierte.

Und dann gibt es noch die Fraktion der vermeintlich Gescheiterten. Dani Baier, mit Wolfsburg Meister ohne einen einzigen Saisoneinsatz. Jan-Ingwer Callsen-Bracker, in Leverkusen und Gladbach für zu leicht befunden, ebenso wie Jan Moravek auf Schalke. Marwin Hitz saß vor seinem Wechsel nach Augsburg fünf Jahre in Wolfsburg auf der Bank.

Das Kollektiv steht über allem

Alles andere als große Namen. Aber das ist in diesem Fall eher ein Vorteil denn ein Nachteil. Die Spieler wissen, dass sie mit diesem Klub nur bestehen können, wenn die unterdurchschnittlich besetzte Truppe eine überdurchschnittlich funktionierende Einheit bildet.

"Besonders bei uns wäre es sehr auffällig, wenn nicht jeder an dem einen Strang ziehen würde. Dann würde ein Rad nicht mehr ins andere greifen, unser System, unsere Vorstellung vom Fußball würde dann überhaupt nicht funktionieren", sagt Weinzierl.

"Hier wird der Teamspirit groß geschrieben. Und das spiegelt sich in den Leistungen wider. Es macht hier riesig viel Spaß", sagt Altintop, der bei seinen Stationen auf Schalke, in Kaiserslautern, Frankfurt und zuletzt Trabzon auch anderes gewohnt war. Rund 17 Millionen Euro beträgt der Etat der Lizenzspielerabteilung. Nur Freiburg und Braunschweig liegen noch darunter.

Ein Vorteil: kaum ein Spieler ist begehrt

Der andere Vorteil: Bis auf Kapitän Paul Verhaegh weckt kein anderer Spieler ernsthafte Begehrlichkeiten besser situierter Klubs.

Verhaegh lehnte im Frühjahr eine Rückkehr in die Eredivisie ab, er hätte etwa mit Alkmaar international spielen können - und verlängerte stattdessen seinen Vertrag in Augsburg bis 2016. Ein klares Zeichen an den Rest der Belegschaft: Es lohnt sich, hier zu bleiben. So lässt es sich ruhig leben und arbeiten. Daran dürfte auch das angebliche Interesse an Andre Hahn nicht viel ändern.

Markus Weinzierl hat die sehr eigenen Gegebenheiten in Augsburg richtig gedeutet und demnach gehandelt. Die Spielausrichtung der Mannschaft bei Heimspielen hat so gar nichts von einem Abstiegskandidaten. Der FCA begrüßt seine Gegner mit erstaunlich druckvollem Powerfußball, hätte Jürgen Klopp in Dortmund nicht längst den Begriff der "Vollgasveranstaltung" salonfähig gemacht, man könnte ihn ohne weiteres für Augsburger Heimspiele verwenden.

Den Weg weiter mit Weinzierl gehen

Auswärts hapert es dagegen noch ein wenig an der Umsetzung, vielleicht auch am Mut. Trotzdem stehen im Kalenderjahr 47 Punkte aus 33 Spielen. Es sind die Werte eines Europa-League-Teilnehmers. Selbst in der kurzen Schwächephase Mitte der laufenden Vorrunde gab es erfreuliche Dinge festzuhalten: Bei den vier Niederlagen und einem Remis lag Augsburg in jeder Partie mit 1:0 vorne. Damals fehlte in den entscheidenden Situationen mal die nötige Konzentration oder ein wenig Glück.

Nervös ist deswegen in Augsburg niemand geworden. Schon gar nicht der Trainer. "Markus ist immer souverän, reagiert nie dünnhäutig. Das ist ein Schlüssel zum Erfolg", lobt Manager Reuter. Weinzierl selbst kennt die Gefahren, die der Erfolg mit sich bringt. "Da können auch mal Fehler passieren. Die gilt es so gering wie möglich zu halten."

Dass er sich mittlerweile in der Branche einen sehr guten Ruf erarbeitet hat, ist nicht neu. Vor der Saison wollte Werder Bremen den 38-Jährigen als Nachfolger für Thomas Schaaf, Weinzierl war nach Braunschweigs Lieberknecht Werders Plan B. Das Vorhaben, "Augsburg zu einem soliden Bundesligisten zu machen" (Reuter), soll unbedingt weiter mit Weinzierl umgesetzt werden. In anderthalb Jahren läuft sein Vertrag in Augsburg aus, der Klub strebt eine Verlängerung bis 2016 oder noch besser bis ins Jahr 2017 an.

"Alles nicht wichtig", vermittelt der Trainer seinen Fragestellern stets. Vielmehr beschäftigt ihn die Statistik. 23 Punkte hat der FCA bisher geholt, das reicht für Platz acht. Eine Zwischenetappe, mehr aber auch nicht. 23 Punkte heißt im Umkehrschluss, dass noch 17 Punkte bis zur magischen Grenze fehlen. Alles andere ist uninteressant.

Das ist der FC Augsburg

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