Düsseldorf im Höhenflug

Die Rückkehr der Gestrandeten

Von Daniel Börlein
Dienstag, 02.10.2012 | 15:27 Uhr
Fortuna Düsseldorf ist nach sechs Spieltagen noch immer ungeschlagen
© Imago
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Fortuna Düsseldorf ist bislang eine der großen Überraschungen dieser Saison. Nach sechs ungeschlagenen Spielen herrscht bei den Rheinländern Ausnahmezustand. Der Weg dorthin war knifflig - und ist mit einem Namen besonders eng verknüpft.

Fußball und "Die Toten Hosen", das gehört mittlerweile schon irgendwie zusammen. Frontmann Campino zum Beispiel ist bekennender Liverpool-Fan, regelmäßig an der Anfield Road zu Gast und mit ehemaligen Reds-Stars wie Didi Hamann, Markus Babbel oder Sami Hyypiä befreundet.

Das Privatkonzert im Partykeller von Ex-Profi Jens Jeremies ist ein weiterer Beleg der Fußball-Affinität der Punkrock-Band. Und den Hosen-Song "Bayern" kennt in Deutschland fast jeder Fußball-Anhänger. In München sind die Düsseldorfer deshalb nicht sonderlich beliebt.

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In ihrer Heimatstadt ist das freilich völlig anders. Dort liebt man die Hosen. Und dort müssen Campino und Co. auch schon mal mithelfen, wenn es eng wird. Der DEG, dem notorisch klammen Eishockey-Klub der Stadt, half man in der Vergangenheit immer mal wieder aus der Patsche. Mal mit einem Benefiz-Konzert, mal indem man als Trikotsponsor Geld in den Verein schoss.

Das "fantastische Publikum" beflügelt das Team

Vergangenen Freitag war die Hilfe der Hosen in der Düsseldorfer ESPRIT arena gefragt. Die Fortuna lag zur Pause gegen den FC Schalke in Rückstand, erstmals in dieser Saison. Kurz bevor die Mannschaften aus der Kabine zurückkehrten, legten die Verantwortlichen dann die Hosen auf. "Steh auf, wenn du am Boden bist", dröhnte es aus den Stadion-Lautsprechern.

Und die Fortuna stand auf. Die Elf von Trainer Norbert Meier machte gegen den Champions-League-Teilnehmer aus einem 0:2 noch ein 2:2 und blieb damit auch im sechsten Spiel dieser Saison ohne Niederlage. Dementsprechend ausgelassen war die Stimmung in der Arena.

"Wir haben hier in Düsseldorf schon vieles erlebt mit diesem fantastischen Publikum", sagte Meier. "Aber das war noch einmal etwas Besonderes. Ich habe auf der Bank sonst einen Tunnelblick, aber diesmal bekam ich eine Gänsehaut nach der anderen."

Den Spielern ging es nicht anders. "Wer sich fragt, wie es uns gelungen ist, dieses Spiel noch zu drehen, dem kann ich nur sagen: Geh mal da raus auf den Rasen und hör dir diese unglaublichen Fans an", sagte Mittelfeldspieler Oliver Fink.

Ein Start nach Maß

15 Jahre lang musste man in Düsseldorf auf Erstliga-Fußball warten. Nun scheint die ganze Stadt zu genießen, dass die Fortuna wieder da ist. Und bislang gibt die Mannschaft auch jede Menge Grund zur Freude.

An den ersten fünf Spieltagen kassierten die Rheinländer kein einziges Gegentor, nach sechs Spieltagen ist man neben den Bayern und Eintracht Frankfurt das einzig ungeschlagene Team der Liga. Noch nie in der Bundesliga-Geschichte stieg eine Mannschaft ab, die nach sechs Partien noch kein Spiel verloren hatte.

In Düsseldorf nimmt man diese Statistik wohlwollend zur Kenntnis, denn trotz des guten Starts bleibt man bei der Fortuna realistisch. "Wir können das alles genau einschätzen", sagt Fink. "Für uns geht's darum, die Liga zu halten."

Vor der Saison galt Düsseldorf als einer der Top-Kandidaten auf den Abstieg. Aus nachvollziehbarem Grund. Mit Maximilian Beister, Sascha Rösler, Thomas Bröker und Assani Lukimya verlor die Fortuna zentrale Stützen der Aufstiegsmannschaft, hinzu kamen zehn weitere Abgänge.

Kleine Namen für wenig Geld

Coach Norbert Meier und Manager Wolf Werner mussten einen komplett neuen Kader zusammenstellen - mit überschaubaren Mitteln. Nach vielen Jahren der Bundesliga-Abstinenz mit dem zwischenzeitlichen Absturz in die Oberliga ist die Fortuna finanziell nach wie vor nicht auf Rosen gebettet.

Auf große Namen - Andrej Woronin ausgenommen - musste man deshalb bei der Suche nach Neuzugängen verzichten. Stattdessen schauten sich Meier und Wolf in der 2. und 3. Liga, im Ausland oder auf den Ersatzbänken anderer Bundesligisten um. Mit Erfolg.

Keeper Fabian Giefer (kam aus Leverkusen) ist bislang ebenso ein echter Volltreffer wie auch Innenverteidiger Stelios Malezas (Saloniki) und Dani Schahin, der zuvor in der 2. Liga bei Greuther Fürth nicht über Kurzeinsätze hinaus kam.

"Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich hier bei Fortuna spielen darf - und das auch noch in der Bundesliga", sagt Schahin, der an den ersten sechs Spieltagen bereits viermal getroffen hat.

Meier und F95: Gesucht und gefunden

Hauptverantwortlich für den Aufschwung in Düsseldorf ist neben Manager Wolf Werner Trainer Norbert Meier. Der 53-Jährige übernahm die Fortuna im Januar 2008 als Regionalligist und führte die Rheinländer zurück in die Bundesliga.

"Man kann es so zusammenfassen", sagt Meier über seine Beziehung zur Fortuna. "Da haben sich zwei Gestrandete getroffen. Es haben sich zwei gesucht und gefunden."

Düsseldorf war für Meier so etwas wie die letzte Chance. Nach seinem unrühmlichen Abgang beim MSV Duisburg nach der Kopfstoß-Affäre mit Kölns Albert Streit samt daraus resultierendem Berufsverbot im Dezember 2005 war Meier im Profi-Fußball erstmal weg vom Fenster.

Der Wechsel zur Fortuna

Im September 2006 folgte ein einjähriges, erfolgloses Intermezzo bei Dynamo Dresden. Anfang 2008 holte ihn dann die Fortuna. Erst von da an ging es auch mit dem Trainer Meier wieder bergauf.

"Durch die Sperre hatte ich ja genug Zeit, zu reflektieren. Ich denke, es gibt kaum jemanden auf der Welt, der sagt, er ist fehlerfrei. Ich habe da einen großen Fehler gemacht. Das muss ich ganz zweifelsfrei eingestehen", sagte Meier am Sonntag bei "Sky90". "Aber ich habe aus diesem Fehler gelernt viel ungezwungener und entspannter mit der Sache umzugehen."

Mit seiner Art kommt Meier gut an in Düsseldorf. Bei den Spielern wird er geschätzt ob seiner Ehrlichkeit, aber auch wegen seines Humors. Die Vereinsführung ist sich bewusst, mit Meier einen echten Fachmann auf der Bank sitzen zu haben.

Und bei den Fans kommt es gut an, wenn Meier nach Toren - wie zu Zweitliga-Zeiten geschehen - los sprintet und sich in die Jubel-Traube der Spieler gräbt. Fortuna und Norbert Meier, das gehört mittlerweile schon irgendwie zusammen.

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