Werder im UEFA-Cup

"Wenn einer von hinten kommt"

Von Jochen Tittmar
Mittwoch, 12.03.2008 | 16:52 Uhr
uefa-cup, bremen, glasgow, diego
© Getty
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München - Was ist derzeit nur beim SV Werder Bremen los? Nach einer Woche, "die man am besten aus dem Kalender herausschneidet" (Vereinsboss Jürgen L. Born), stehen die beiden letzten Titelchancen deutlich auf der Kippe.

Doch ausgerechnet vor dem immens wichtigen UEFA-Cup-Rückspiel (Hinspiel 0:2) gegen die Glasgow Rangers (Do., 20.30 Uhr im SPOX-Ticker) brennt es an vielen Fronten.

Die wichtigsten Brandherde:

Undiszipliniertheiten abseits des Platzes

Bekannt ist die Trainingsschlägerei zwischen Boubacar Sanogo und dem mittlerweile an den FC Sao Paulo ausgeliehenen Carlos Alberto Mitte November 2007.
Nicht bekannt war, dass bei der 0:2-Hinspielpleite in Glasgow Aaron Hunt und Diego aneinander gerieten. Nach einem Fehlpass von Hunt kam es zwischen beiden zu einem lautstarken Wortgefecht, das nach Spielende in der Kabine in einer handfesten Auseinandersetzung gipfelte. Hunt: "Das stimmt. Wir hatten ein Wortgefecht auf dem Platz. In der Kabine hat Diego mich dann von hinten geschlagen. Danach haben uns Mitspieler festgehalten, um Schlimmeres zu verhindern. Aber wenn einer von hinten kommt, soll das schon was heißen. "
Dieser Version widerspricht allerdings Diego auf Anfrage von SPOX.com: "Wir haben ganz normal nach dem Spiel miteinander diskutiert. Mehr war da nicht."
Ergebnis: Geldstrafe für beide! Für Hunt schwer zu verstehen: "Diese Strafe ist nicht gerecht. Diego hat mich geschlagen. Aber ich akzeptiere die Entscheidung."
Was bleibt, ist ein unnötiges Störfeuer, das dem Team nur schadet und deutlich macht, dass die Nerven in Bremen derzeit blank liegen.

Undiszipliniertheiten auf dem Platz

Auch auf dem Platz sind die Werderaner derzeit außer Rand und Band. In den letzten sechs Bundesligapartien hagelte es drei Rote Karten: Diegos Tätlichkeit gegen Frankfurts Sotirios Kyrgiakos, Naldo und Per Mertesacker zogen jeweils die Notbremse. Drei Leistungsträger, die nun unnötig weg brechen.

Fehlende Balance zwischen Offensive und Defensive

Bei der 3:6-Blamage gegen den VfB kassierten die Bremer fünf Kontertore - auswärts! Diese Anfälligkeit hievte Werder mit nun zwölf Kontergegentoren ligaweit auf Rang eins. Der offensive Hurrastil, der die Amtszeit von Coach Thomas Schaaf prägt, mündet zuletzt regelmäßig in der mangelnden Cleverness, bei einer Führung einen Gang zurückzuschalten und aus einer kompakt formierten Abwehr heraus einen eigenen Konter ins Ziel zu bringen.
"Wir spielen mit zu viel Risiko", stößt Verteidiger Naldo daher eine Systemdiskussion an. "Alles war vorne, es gab keine Defensive."
Doch der Trainer denkt nicht daran, seine taktische Ausrichtung zu überdenken: "Das offensive Spiel ist charakteristisch für Werder, seit ich hier bin. Und das wird sich nicht ändern, solange ich hier arbeite."
Unterstützung erhält Schaaf von Manager Klaus Allofs, für den diese Problematik "keine Frage des Systems" ist. "Viel zu oft wurden die taktischen Vorgaben einfach nicht umgesetzt. Wir müssen disziplinierter in der Defensive sein, aber das hat nichts mit einer anderen Taktik zu tun."
Auch Torsten Frings scheint sich sicher, dass eine defensivere Systemausrichtung nicht zu Werder passt: "Hinten die Null, vorne hilft der liebe Gott - das ist nicht unser Ding."
Gerade ein Typ wie Frings, wenn gesund, wäre als Wortführer auf dem Feld gefragt, um das Spiel in geordnete Bahnen zu lenken und den wiederkehrenden Einbrüchen in der Defensive entgegenzuwirken.
Denn auch wenn Spiele mit Bremer Beteiligung einen enormen Unterhaltungswert besitzen, muss man dem ehrgeizigen SVW ankreiden, mit dem risikobehafteten Stil seit vier Jahren keinen Titel eingefahren zu haben. Die Werderaner als Gefangene ihres eigenen Anspruchs.

Die Horrorwoche

Nur sieben Punkte aus sechs Rückrundenspielen. Dazu die Horrorwoche mit dem drohenden Aus im UEFA-Cup und dem Rückschlag im Meisterrennen. "Diese Woche war eine Scheiß-Woche. Ich werde ansprechen, was bei uns falsch läuft", meinte Naldo.
Was das im einzelnen ist, offenbart ein schneller Blick auf die Statistik: 34 Gegentore, dazu seit vier Spielen in der Fremde ohne Sieg.
Mangelnde Chancenauswertung führte bereits zum DFB-Pokal-Aus bei Borussia Dortmund (1:2) sowie zur anschließenden 1:2-Heimniederlage gegen den VfL Bochum. Fakten, die für einen Titelkandidaten schlicht ungenügend sind.

Wechselgerüchte

Per Mertesacker, der sich "am untersten Tiefpunkt angekommen" sieht, wird immer wieder mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht.
Dazu die ständigen Wechselgerüchte um Diego - sicher kein Zufall, dass der Spielmacher vor seinem Platzverweis kaum zur Form der Vorrunde fand.
Tim Borowski lieferte sowohl vor als auch nach der Bekanntgabe seines Wechsels zu Bayern München seine schwächste Saison im grün-weißen Trikot ab.
Eine mentale Ablenkung, die immer öfter zu Fehlern und Unkonzentriertheiten auf dem Platz führt.

Der Lichtblick

Trotz der unglaublichen Verletztenmisere und dem Ausfall von Leistungsträgern sind die Bremer in der Liga auf Platz zwei weiter auf dem Weg Richtung erneuter Champions-League-Qualifikation.
"Wir haben uns in der Spitzengruppe der Bundesliga festgesetzt, also müssen wir auch einige Dinge bis jetzt richtig gemacht haben", gibt Schaaf fast trotzig zu Protokoll.
Und auch im UEFA-Cup ist noch nicht alles dahin, auch wenn es "ein Rückschlag und eine große Enttäuschung wäre, wenn wir jetzt schon ausscheiden würden", wie Allofs zugibt.
"Wir werden nicht aufgeben", gibt sich Schaaf kämpferisch. Es muss eben ein Wunder von der Weser her. Dann werden sich auch die Wogen wieder glätten.

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