Systemumstellungen im modernen Fußball: Pokerspiel auf dem Schachbrett

Dienstag, 20.03.2018 | 13:46 Uhr
Niko Kovac von Eintracht Frankfurt ist einer von vielen flexiblen Bundesliga-Trainern
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Der taktische Schlagabtausch beider Trainer einer Fußball-Partie hat zuletzt in der Öffentlichkeit deutlich an Bedeutung gewonnen. Immer wieder ist die Rede von Systemumstellungen. Welchen Wert haben diese für den Ausgang einer Partie?

"Wir haben dann umgestellt", ist ein Satz, der Trainern und Spielern in letzter Zeit vermehrt über die Lippen kommt. Umgestellt wird gerne und oft - in vielen Partien auch bei weitem nicht nur einmal.

Dabei gehen die Umstellungen im Regelfall weit darüber hinaus, dass der Trainer bei Rückstand für die letzten zehn Minuten noch einen Stürmer auf das Feld bringt. Im modernen Fußball werden die Zahlenfolgen auf dem Platz schnell durcheinandergewirbelt.

Ein klarer Ansatz in der Ausbildung junger Fußballer ist inzwischen, dass die Talente verschiedene Grundordnungen kennen und spielen lernen. Davon profitieren die Cheftrainer in Bundesliga und Co.

Veränderung der Ordnung auf dem Platz

Aber warum entscheidet sich ein Trainer zur Umstellung in der 20. Minute, der 30. Minute, der Halbzeit oder der 75. Minute? Und was genau bedeutet eigentlich eine "Umstellung?"

Der Begriff Umstellung ist weit gefasst. In den meisten Fällen ist eine Veränderung der Grundordnung gemeint, d.h. der grundsätzlichen Anordnung der Spieler auf dem Feld.

Die Grundordnung wird gerne mit der Taktik gleichgesetzt, ist davon aber weit entfernt. Die Grundordnung wird in der Kabine an die Tafel geschrieben, um den Spielern zu verdeutlichen, wo ihre Ausgangsposition für das Spiel ist.

Aus Grundordnung entstehen Systeme

Kommt die Grundordnung in Bewegung, entstehen Systeme. Aus einem 4-4-2 kann beispielsweise mit einem abkippenden Sechser ein 3-4-3, genauso aber auch ein 3-3-4 oder ein 5-3-2 werden.

Nun malt der Trainer in der Halbzeit eine andere Grundordnung an die Tafel. Warum tut er das? In vielen Fällen ist es ein Zahlenspiel. Der Gegner ist anders aufgetreten als am Anfang erwartet oder spielt ungeahnte Qualitäten aus.

In diesen Fällen versucht der Trainer, darauf zu reagieren. Dominiert der Gegner das Zentrum, ist es beispielsweise eine Möglichkeit, aus dem bisher genutzten 4-4-2 ein 3-5-2 zu machen. Damit ist das Zentrum mit zwei Stürmern, drei zentralen Mittelfeldspielern und drei Innenverteidigern besetzt.

Eins-gegen-Eins bei einem Gegner wie FC Bayern schwieriger

Aber - und hier beginnt der Poker - es öffnen sich die Flügel. Denn diese werden mit einer Dreierkette nur noch einfach verteidigt. Elf Spieler müssen am Ende so auf dem Feld positioniert werden, dass sie dem Gegner Einhalt gebieten können. Das funktioniert meist über eine numerische Überzahl.

Gleichwohl gibt es Mannschaften, die sich mit ihrer Positionierung am Gegner orientieren. Das gegnerische Offensivsystem wird gespiegelt und damit an jeder Stelle ein Eins gegen Eins hergestellt. Hannover 96 ist beispielsweise eine Mannschaft, die diesen Plan mit Andre Breitenreiter meist verfolgt.

Doch ein Eins gegen Eins ist nicht immer zwangsläufig die beste Wahl. Wer gegen den FC Bayern München derart auftreten will, wird schnell feststellen, dass Eins nicht gleich Eins ist. Es kommt zu einer qualitativen Überzahl, die wiederum Gefahr bedeutet.

Systemumstellungen: Defensiv wie offensiv nützlich

Somit bleibt es am Ende immer eine Frage, welche Bereiche ein Trainer mit einer Änderung der Grundordnung stärken will und in welchen Bereichen er sich eine Schwächung erlauben kann. Das gilt defensiv und ist damit sehr reaktionär.

Anders sieht es hingegen in der Offensive aus. Dort geht es auch darum, in welchen Bereichen eine Überzahl besteht. Vorrangig ist dort der Sinn einer Umstellung jedoch, Spieler in die Situation zu bringen, in der sie ihre Qualitäten bestmöglich ausspielen können.

Lionel Messi beispielsweise nimmt die Anpassungen auf eigene Faust vor. Hat er in der gegnerischen Defensive immer einen Mann im Rücken kleben, lässt er sich tiefer fallen, kann dort aufdrehen und das Spielfeld überblicken.

Fußball-Taktik: Raute gegen freie Sechser

Ein Spieler alleine macht aber noch keine Umstellung. Vielmehr geht es den Trainern darum, Räume zwischen den Linien zu besetzen oder Schwachstellen des gegnerischen Teams aufzudecken.

Ein klassisches Beispiel vieler Amateurmannschaften: Im Pressing zerfällt das Team in zwei Teile, es entsteht ein 5-0-5 oder 4-1-5. In diesem Fall kann der Gegner umstellen und versuchen, mehr oder die richtigen Spieler in das offene Mittelfeld zu bekommen.

Nach dem Weiterkommen gegen Borussia Dortmund erklärte Valon Berisha vom FC Salzburg ausführlich, wie sich die Mannschaft gegen den Spielaufbau des BVB über den Sechser Julian Weigl verhalten habe. Ein Paradebeispiel dafür, wie sehr Spieler mittlerweile die taktischen Konzepte verinnerlicht haben.

WM 2018 bringt wichtige Neuerung

Woher stammt aber die Zunahme der Umstellungen? Mehr und mehr haben Mannschaften auf verschiedenstem Niveau ihre Vorstellung von Fußball, sie haben für jede der vier Spielphasen einen Plan bereitliegen. Letztlich geht es auf dem Feld nur noch darum, wie diese vier Spielphasen jeweils gegeneinander ausgespielt werden.

Hier bekommt die Spielbeobachtung ihren großen Wert. Bei der WM 2018 könnte erstmals eine Kommunikation der Trainerbank mit der Tribüne möglich gemacht werden - mit gutem Grund.

Trainerteams extrem gefordert

Die Trainer und ihre Assistenten müssen Stärken und Schwächen ihrer eigenen Mannschaft sowie der Gegner vor der Partie kennen. Daraus entsteht ein erster Plan, für den allerdings zahlreiche Alternativpläne und Erweiterungen bereitliegen.

Durch eine schnelle Auffassung der tatsächlichen Situation auf dem Feld wird reagiert. Es beginnt ein Umstellungskampf: Wie wird der Gegner auf unsere Herangehensweise reagieren und wie können wir auf seine Reaktion antworten?

Mancher Trainer stellt inzwischen bewusst Fallen und beginnt erst nach fünf bis zehn Minuten damit, seine wirkliche Taktik ausführen zu lassen. Bis dahin soll der Gegner auf eine falsche Fährte gelockt werden.

Fußball-Systeme als Mindgame: Leichter gesagt als getan

In diesen Momenten beginnt das Mindgame. Und damit die große Herausforderung für Trainerteams auf absoluter Top-Ebene. Innerhalb des Teams ist eine schnelle Auffassungsgabe ebenso gefordert wie eine lückenlose Kommunikation.

Die Spieler nicht zu vergessen: Sie müssen mehrere Pläne abspeichern und auf Befehl abrufen können. Ganz abgesehen von den zahlreichen Positionen und System die gefordert sind.

"Wir haben dann umgestellt", ist also deutlich leichter gesagt als getan. Tatsächlich ist die taktische Reaktion auf den Gegner aber fester Bestandteil des Fußballs und wird mit großer Wahrscheinlichkeit noch weiter zunehmen.

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