Geschichte der Fußball-Taktik, Teil 7

Der deutsche Weg

Von SPOX/Andreas Renner
Sonntag, 19.07.2009 | 10:38 Uhr
Franz Beckenbauer im WM-Finale 1990: Der Kaiser erklärte das DFB-Team damals für unschlagbar
© Getty
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Die große Fußballwelt tat sich weiterhin schwer mit dem neuen Trend. Exemplarisch dafür steht Ralf Rangnicks Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" vom Dezember 1998 (satte zehn Jahre nach Sacchi!). Da erklärte er an einer Tafel die Viererkette und wurde dafür von Fußball-Deutschland verlacht.

Sein Spitzname "Der Professor" stammt aus dieser Zeit und war natürlich abschätzig gemeint. Dass es im Fußball überhaupt etwas geben könnte, was man an einer Tafel erklären muss, erschien in Deutschland immer noch absurd.

Fußball, so das Klischee, ist schließlich ein einfaches Spiel für einfache Menschen. Und Taktik gefällt uns immer noch am besten, wenn sie nach der alten Beckenbauer-Methode verabreicht wird: "Geht's raus und spielt's Fußball."

Nie abschalten!

Und dieses Klischee lebt weiter. Als DFB-Taktikexperte Urs Siegenthaler zuletzt im Interview mit SPOX verkündete, dass man heute intelligente Spieler brauche, gab es in den Kommentaren sofort wieder User, die das anzweifelten. Dabei müsste jedem inzwischen klar sein, dass sich das Anforderungsprofil für Fußballer unwiderruflich geändert hat.

Holger Stansislawski, Lehrgangsbester beim letzten Fußballlehrerkurs des DFB, fasst es so zusammen: "Die Spielgeschwindigkeit ist deutlich gestiegen. Der Spieler braucht die Fähigkeit, sich über 90 Minuten zu konzentrieren. Deshalb muss auch der Körper fit sein, denn wenn die Fitness schwindet, leidet die Konzentration. Ich sage meinen Spielern immer: Ihr dürft nie abschalten, so lange der Ball im Spiel ist."

Stanislawskis Lehrgangsleiter Frank Wormuth ergänzt: "Vor der Taktik kommt aber noch die Technik."

20 Jahre Rückstand

Dass der deutsche Fußball in diesem (wichtigsten) Bereich Fortschritte gemacht hat, beweist ein Interview, das U-21-Bundestrainer Horst Hrubesch kurz vor der EM gab. Hrubesch stellte fest, dass er früher mit den Nachwuchsspielern vor einem Turnier Technik trainieren musste. Mittlerweile sind die Spieler in diesem Bereich so gut ausgebildet, dass er Taktik trainieren könne. Stanislawski erinnert sich: "Als ich Jugendnationalspieler war, da haben wir im Verein nur zwei Mal pro Woche trainiert. Das sieht heute ganz anders aus."

Deutschland hat also aufgeholt im internationalen Vergleich. Allerdings hinkte man der Entwicklung laut Rangnick auch 20 Jahre hinterher. Und während Deutschland aufgeholt hat, da waren die anderen ja auch nicht untätig.

Auf die Defensive kommt es an

Um eine Feststellung kommt man jedenfalls nicht herum: Die deutschen Nationalteams haben im internationalen Vergleich größere Fortschritte gemacht als die Vereinsmannschaften. Zwar spielen inzwischen alle Teams in Liga eins und zwei Raumdeckung (na gut, bis auf die Mannschaften, die Hans Meyer coacht), aber die Umsetzung ist doch noch sehr unterschiedlich.

Beispiel Borussia Dortmund: Sowohl unter Thomas Doll als auch unter dem neuen Trainer Jürgen Klopp spielt der BVB ein raumorientiertes Verschieben (Raumdeckung sagt man ja heute eigentlich nicht mehr). Unter Doll kassierte der BVB 62 Gegentore, bei Klopp waren es nur noch 37. Nur dass Klopp als Schüler von Wolfgang Frank die taktischen Laufwege und das Umschalten auf Defensive regelmäßig trainieren lässt.

Klopps früherer Mitspieler Hock: "Das Defensivverhalten muss man mindestens einmal pro Woche trainieren. Und den Spielern auch mit Videoausschnitten zeigen, was sie richtig und was sie falsch machen. Denn in der Defensive machen manchmal nur ein paar Zentimeter den Unterschied, ob man eine Lücke schließt oder nicht." Und genau die Nachhaltigkeit im Defensivtraining fehlte offenbar bei Doll. Wie bei vielen anderen Profitrainern auch.

Verteidigen à la Chelsea

Frank Wormuth erzählt eine Geschichte vom Champions League-Finalisten Manchester United: "Die waren auf einer Japanreise und hatten den ganzen Tag im Flieger verbracht. Direkt nach ihrer Ankunft ließ Alex Ferguson seine Jungs antreten und übte mit ihnen eine Stunde lang das Verschieben. Und keiner murrte."

In Deutschland ist so etwas schwer vorstellbar. So sollen in Leverkusen in der Vorsaison Spieler rebelliert haben, weil ihr (damals) neuer Trainer Bruno Labbadia mit ihnen in 90 Minuten-Einheiten Laufwege einstudieren wollte. Dabei ist  genau das die Grundlage für erfolgreichen Fußball auf internationalem Niveau.

Hock: "Die Defensive ist die Voraussetzung, die Offensive dagegen Philosophiesache." Und Verteidigen können deutsche Klubmannschaften eben noch nicht auf Topniveau. Eine deutsche Mannschaft, die gegen den FC Barcelona so konsequent die Tür zumachen kann, wie der FC Chelsea im letzten Champions-League-Halbfinale, die gibt es nicht.

Und das liegt nicht nur daran, dass die Londoner mehr Geld haben. Die wurden nämlich auch seit Jahren im Defensivverhalten gedrillt. Man wird eben besser, je öfter man etwas übt. Im Fußball und in eigentlich jeder anderen Lebenslage auch.

Klinsmann ging den falschen Weg

Genau das wäre es auch gewesen, was Jürgen Klinsmann mit dem FC Bayern hätte schaffen müssen: das Einstudieren eines konsequenten Defensivverhaltens. Als Grundlage, um im nächsten Schritt offensive Verbesserungen einzuführen.

Dass er genau das nicht geschafft hat, weil er das Pferd in der falschen Richtung aufzäumen und erst die Offensive stärken wollte, das hat ihn am Ende den Job gekostet.

Wohin führt der Weg? Was bringt die Zukunft? Im achten und letzten Teil der Themenwoche schauen wir am Montag in die Glaskugel und sehen den Fußball von morgen...

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