"Wieso nicht mit vier Stürmern?"

Von Interview: Stefan Rommel
Dienstag, 23.06.2009 | 12:36 Uhr
Urs Siegenthaler ist seit dem 13. Mai 2005 Spielebeobachter beim DFB
© Getty
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Urs Siegenthaler ist einer der wichtigsten Zuarbeiter für Joachim Löw und Hansi Flick. Der Schweizer Spielbeobachter seziert im Auftrag des DFB die taktische Ausrichtung sowie die Stärken und Schwächen anderer Teams.

Im Interview mit SPOX spricht der 62-jährige DFB-Chefscout über Ordnung, Kreativität und Jazzmusik, Aserbaidschan und Manchester United und verrät seinen Geheimtipp unter den Nationalmannschaften.

SPOX: Herr Siegenthaler, können Sie eigentlich noch Fußball konsumieren wie jeder gewöhnliche Fan auch?

Urs Siegenthaler: Sie meinen losgelöst von allen Zwängen meines Jobs?

SPOX: Genau. Nur gucken, nicht sezieren.

Siegenthaler: Damit habe ich gar keine Probleme. Wenn ich ein hochklassiges Spiel anschaue, dann erfreue ich mich auch immer an schönen Aktionen.

SPOX: Und wenn Sie Fehler im Spiel entdecken, zücken Sie sofort Bleistift und Papier.

Siegenthaler: Nein, so schlimm ist das nicht. Ich sehe zwar schon viele Dinge, die man hätte besser machen können. Aber darauf gehe ich während eines Spiels, bei dem ich nicht arbeiten muss, nicht ein.

SPOX: Ihre Berufung zum DFB-Scout schlug vor fünf Jahren hohe Wellen. Mittlerweile haben sich aus der Skepsis aber große Akzeptanz und Ansehen entwickelt. Ist Ihnen bewusst, dass Sie im deutschen Fußball eine Art Vorbildfunktion einnehmen?

Siegenthaler: Jürgen Klinsmann und Joachim Löw haben damals beschlossen, im DFB so eine Arbeitsstelle einzurichten - weil sie gesehen haben, dass andere Nationen oder Klubs so einen Posten schon längst hatten. Im Endeffekt kommt es aber nicht auf die Person an, sondern auf die Frage: "Macht die Stelle Sinn oder nicht?".

SPOX: Mittlerweile hat sich Ihre Arbeit schon mehrfach bewährt. Empfinden Sie Stolz?

Siegenthaler: Sagen wir es so: Es macht mich glücklich, dass ich derjenige bin, der diese Tätigkeit für den DFB ausführen darf. Ich hoffe sehr, dass ich eine gute Vorreiterrolle einnehme. Und vielleicht schwingt auch ein wenig Stolz mit.

SPOX: Mit Klinsmann und Löw änderte sich die Spielausrichtung der deutschen Nationalmannschaft elementar, ein großer Bestandteil des DFB-Spiels ist seitdem Kreativität. Eine Gretchenfrage des Fußballs: Wie vermittelt man Kreativität?

Siegenthaler: Nur aus Ordnung kann Kreativität entstehen. Nehmen Sie die Jazz- oder Bluesmusik. Nur wenn jeder weiß, was er zu spielen hat, kann die Kreativität eines jeden Instruments später zum Vorschein kommen. Jeder muss wissen, wo er hingehört und wann er einzusetzen hat. Man muss sich an Regeln und Ordnungen halten. Für sich kann jeder kreativ sein. Aber im Team ist es dann plötzlich widersprüchlich und macht alles keinen Sinn, wenn keine Ordnung da ist. Deshalb fordern Joachim Löw und Hansi Flick auch immer wieder Ordnung und Disziplin ein. Denn nur dadurch kann Kreativität entstehen.

SPOX: Die Serie A steht für gehobenes Taktikverständnis, Englands Premier League für Unterhaltung und Geschwindigkeit, die Primera Division bietet Technik auf höchstem Niveau - ist es möglich, die aufregendsten Elemente der besten Ligen der Welt in einer Mannschaft nahezu perfekt zu vereinen?

Siegenthaler: Manchester, Liverpool oder Barcelona vereinen schon sehr viel davon. Die entscheidende Frage ist aber vielmehr: Wie schaffen es diese Teams, so etwas über einen längeren Zeitraum immer wieder abzurufen? Diese Mannschaften haben ein Basisverhalten, von dem aus sie fast alles machen können. Die Automatismen sitzen so perfekt, dass in den entscheidenden Szenen andere Dinge in den Vordergrund treten können. Wie zum Beispiel ihr Naturell oder die bloße Freude am Fußballspielen. Die spielen dann das Spiel, sie arbeiten es nicht mehr. Das machen sie auch im Training schon so. Das könnte eine mögliche Erklärung sein.

SPOX: So einfach ist das?

Siegenthaler: Manchmal schon. Aber das Wichtigste ist Vertrauen. Vertrauen in die eigene Person, in die Mitspieler und in den Vorgesetzten. Wenn Roger Federers Trainer dem Roger sagen würde: "Pass auf, der andere schlägt hart auf!", dann würde Federer sagen: "Das weiß ich doch selbst." Dieser Trainer würde ihn nicht sehr weit bringen.

SPOX: Das Naturell bestimmt offenbar sehr viel. Inwieweit spielen auch soziokulturelle Aspekte eine Rolle, inwieweit kann so etwas die Arbeit eines Trainer fördern oder behindern?

Siegenthaler: Es klingt banal, aber die polyglotten Trainer wie Guus Hiddink oder Otto Pfister haben diese innere Bereitschaft, kulturelle Gegebenheiten zu akzeptieren und sie vielleicht auch mit den eigenen zu vermischen.  Man muss deshalb zuhören und sich anpassen können. Nur so kann es funktionieren. Dazu ein Beispiel: Man kann nicht Trainer in Japan sein und dann dort immer nach Kartoffelpüree zum Mittagessen verlangen. Man muss sich anpassen. Nur dann erlangt man auch die Achtung der Mannschaft und nur dann kann die den Fußball verkörpern, den man sich vorstellt.

SPOX: Also kann eine brasilianische Mannschaft nicht plötzlich so spielen wie etwa eine norwegische?

Siegenthaler: Carlos Alberto Parreira ist vielleicht ein gutes Beispiel. Der wollte als Trainer in Südafrika wohl zu sehr brasilianisch spielen lassen. Die Südafrikaner spielen aber nun mal anderen Fußball. So hat es nicht funktioniert.

SPOX: Heißt das Zauberwort für einen Scout wie Sie "Gesamtheit"?

Siegenthaler: Definitiv. Nehmen Sie Aserbaidschan: Ich bin der Meinung, man kann dieses Land nur verstehen, wenn man das Loslösen von der Sowjetunion, die Suche nach der eigenen Identität, diesen vielleicht etwas überspitzten Nationalstolz begreift. Dann verstehen Sie auch den Fußball besser.

SPOX: Fußball war einst ein einfaches Spiel. Mittlerweile erscheint er komplex und bis ins letzte Detail geplant. Wann stoßen Gelehrte, Trainer, Mediziner und Spieler an ihre Grenzen?

Siegenthaler: Vor 20 Jahren lag im Fußball noch ungeheures Potenzial. Dann wurden in den  vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Das Ende der Entwicklung und Optimierung  ist aber noch nicht erreicht. Es gibt immer noch Nischen, die man für sich entdecken kann. Wir müssen bisweilen außerhalb der Konventionen denken.

SPOX: Wie sieht das dann aus?

Siegenthaler: Ganz provokant: Wieso nicht mit vier Stürmern spielen? Barcelona spielt mit drei Stürmern und plötzlich ruft die ganze Welt nach drei Stürmern. Aber die pure Kopie von Erfolg hemmt die eigene Entwicklung. Wir müssen eigene Lösungsansätze finden. Auch wenn sie bisweilen provokativ sind.

SPOX: Wann muss man damit beginnen?

Siegenthaler: Am besten in den Jugendmannschaften. Da sind Spieler, die sehr viel lernen können, weil sie noch nicht so viele Schablonen aufgesetzt bekommen haben. Mit den guten Jugendtrainern führe ich zum Beispiel auch die besten Gespräche über Fußball.

SPOX: Muss ein Profi heute aufnahmefähiger und wissbegieriger sein als früher?

Siegenthaler: Ein guter Fußballspieler ist ohne jeden Zweifel sehr intelligent. Die koordinativen Fähigkeiten unter Druck zu benutzen und in Sekundenbruchteilen Entscheidungen zu treffen, ist eine Art von Intelligenz, die sogar  überdurchschnittlich sein kann. Dafür kommen aber einige mit den einfachen Dingen des Lebens nicht zurecht: Wann fährt die Tram-Bahn? Wie fülle ich den Lottozettel aus?

SPOX: Muss man die Spieler immer noch führen?

Siegenthaler: Sie wollen noch genauso geführt und betreut werden wie vor 30 oder 40 Jahren. Daran hat sich meiner Meinung nach überhaupt nichts geändert. Nichtführen erzeugt Verunsicherung. Ein guter Spieler aus Basel kann nach einem Wechsel nach Wien nur erfolgreich sein, wenn er gut betreut und geführt wird. Und er kann nur besser werden, wenn er gefordert und gefördert wird. Das gilt auch für alle anderen Berufe, ob Elektriker, Schlosser oder Maler.

SPOX: Und welches Land führt und betreut am besten?

Siegenthaler: In Frankreich ist die Jugendausbildung wirklich top. Wie viele Talente dort aus Lyon oder Auxerre den Durchbruch schaffen: Ben Arfa, Evra, Benzema, Nasri, Gourcuff... Das ist Wahnsinn, das begeistert mich.

SPOX: Sie inspirieren das DFB-Trainerteam mit Ihren Analysen und Ideen. Aber von wem lassen Sie sich noch inspirieren?

Siegenthaler: Arsene Wenger beeindruckt mich. Er hat als Trainer im Jugendbereich in einem kleinen Verein angefangen und sich nach oben gearbeitet. Er kennt Spieler, die andere nicht kennen. Oder Jose Pekerman, so lange er im Amt war. Aber das ist nur die eine Seite: Ich schaue sehr gerne die Champions League - aber einen Tag danach gehe ich dann in die Niederungen des Fußballs, dritte, vierte Liga und hole mir dort völlig andere Eindrücke. Da kann man bisweilen mehr lernen und mitnehmen als in der absoluten Top-Klasse.

SPOX: Gibt es eine Nation oder eine Mannschaft, die Ihrer Idealvorstellung von Fußball nahe kommt?

Siegenthaler: An Manchester oder Liverpool mag ich die Beständigkeit, auch noch im 60. Pflichtspiel die Topleistung abrufen zu können. An Barcelona mag ich das technisch anspruchsvolle Spiel. Lyon hat in seiner Hochphase sehr guten Fußball gespielt. Es ist aber nicht nur der schöne Fußball an sich, sondern vor allem der Weg dorthin. Das beschäftigt und begeistert mich.

SPOX: Haben Sie jetzt schon eine Nation auf dem Zettel, die in absehbarer Zeit richtig durchstarten wird, eine Art Geheimtipp?

Siegenthaler: Ein Trainer kann ein Team enorm beeinflussen, deshalb denke ich, dass England in Südafrika eine sehr gute Rolle spielen wird. Fabio Capello kam dort mit einer klaren Vorstellung und seiner eigenen Handschrift an. Er hat sofort Akzente gesetzt: Wer nicht will, kann gehen. Ähnlich verfährt auch Guus Hiddink immer. Es ist kein Zufall, dass er überall Erfolg hat. Die Russen halte ich für enorm stark und Spanien natürlich auch. Und als Geheimtipp Serbien. Das ist eine aufstrebende Nation, die sehr gute Resultate erzielt.

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