Geschichte der Fußball-Taktik, Teil 7

Der deutsche Weg

Von SPOX/Andreas Renner
Sonntag, 19.07.2009 | 10:38 Uhr
Franz Beckenbauer im WM-Finale 1990: Der Kaiser erklärte das DFB-Team damals für unschlagbar
© Getty
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Nie wurde in Deutschland soviel über Fußball-Taktik diskutiert wie heute. Doch woher kommen 4-4-2 und 4-2-3-1 und ballorientierte Raumdeckung? Gemeinsam mit Sky-Kommentator und SPOX-Blogger Andreas Renner haben wir versucht, der Sache auf den Grund zu gehen. Herausgekommen ist die SPOX-Themenwoche: Die Geschichte der Fußball-Taktik in acht Teilen.

"Früher haben wir nie über Taktik geredet."
(Horst Eckel, Weltmeister 1954)

"Winnie Schäfer hat uns keine taktischen Anweisungen gegeben. Er hat uns nur vor jedem Spiel 15 Minuten lang heiß gemacht."
(ein KSC-Spieler aus den 90er Jahren)

"In der Offensive kann man mit Taktik nicht viel machen."
(ein Bundesligatrainer vor drei Jahren)

"Wir Deutschen haben keine Ahnung von Taktik."
(Matthias Sammer)

Zwei Trainer in 40 Jahren

Wer alle sechs bisherigen Teile unserer Themenwoche gelesen hat, der kommt an einer Erkenntnis nicht vorbei: Bisher ist noch keine wichtige taktische Neuerung aus Deutschland gekommen. Aber das, was hierzulande an Innovation gefehlt hat, das wurde jahrzehntelang einfach durch Erfolge wettgemacht.

Bleibt die Frage: Warum hat das so lange geklappt und dann plötzlich nicht mehr?

Historisch gesehen waren die ersten beiden deutschen Nationaltrainer Otto Nerz und Sepp Herberger (Im Amt von 1926 bis 1964. Nur zwei Trainer in fast 40 Jahren, das muss man sich einmal vorstellen!) Anhänger der englischen Schule und ließen die damals üblichen Formationen spielen: erst 2-3-5 und danach dann das WM-System.

Ihre Nachfolger vertrauten auf wechselnde Formationen. So spielten wir eine Zeit lang im 4-3-3, dann im 4-4-2 und ganz oft auch im 3-5-2. Alles mit Libero und natürlich mit Manndeckung. Manndeckung war die Grundfeste des deutschen Fußballs.

Der Platz in der Mitte

Mit der Orientierung an den Engländern gaben die ersten Nationaltrainer die Richtung vor. Die spielerisch betonte Gegenbewegung zum Kraftfußball der Engländer, für die der so genannte "Donaufußball" stand, ging an Deutschland spurlos vorbei, auch wenn Schalke 04 um Fritz Szepan und Ernst Kuzorra mit seinem berühmten "Kreisel" in den 20er Jahren mit den Österreichern verglichen wurde und national große Erfolge feierte.

Doch im Nationalteam war dieser Stil nie gefragt. Wenn Szepan und Kuzorra eingesetzt wurden, dann mussten sie sich dem vergleichsweise starren System von Otto Nerz unterordnen.

Im Lauf der Jahrzehnte entwickelte sich der deutsche Fußball aber von den Engländern weg. Dem Spiel der Südeuropäer konnte man ebenso wenig abgewinnen, da fehlte die Zielstrebigkeit. Zugegeben, das sind Klischees, aber sie halfen Fußball-Deutschland, seinen Platz zu definieren: Nämlich in der Mitte. Man könnte auch sagen: Deutschland schloss sich keiner Schule an und gehörte deshalb auch nirgends so richtig dazu. Der deutsche Fußball war anders. Erfolgreich nämlich.

Im Notfall: Manndeckung

Und das funktionierte jahrzehntelang hervorragend. Auf der Grundlage der mit dem WM-System eingeführten Manndeckung wurde das Fußballverständnis geprägt. Zweikämpfe gewinnen und mehr laufen als der Gegner, das waren deutsche Erfolgsrezepte.

Und die Manndeckung, wenn es gegen Übermannschaften wie Ungarn '54 oder die Niederlande '74 ging. Eckel gegen Hidegkuti, Vogts gegen Cruyff. Da konnten die anderen ruhig innovativ sein, solange Deutschland am Ende gewann.

Doch irgendwann musste man dann feststellen, dass die alten Methoden nicht mehr funktionierten und der internationale Anschluss verpasst worden war. Aber wie hatte das passieren können?

Raumdeckung beendet die Erfolgsserie

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