Belgien-GP der Formel 1: Nico Hülkenberg verpasst Podium knapp

Fortuna, Du dreckiges Biest!

Montag, 29.08.2016 | 00:00 Uhr
Vierter Platz. Nico Hülkenberg bewies sein Talent in Spa-Francorchamps abermals
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Der Große Preis von Belgien hatte für Nico Hülkenberg eine nette Überraschung parat: Direkt nach dem Start befand er sich plötzlich auf Kurs zum ersten Podium seiner Formel-1-Karriere. Doch wie so oft machte ihm Fortuna einen Strich durch die Rechnung: Die Glücksgöttin schlug sich auf die Seite von Lewis Hamilton. Force India feierte trotzdem.

107 Starts in der Formel 1. Schon in Monza wird Nico Hülkenberg mit Elio de Angelis gleichziehen. Doch auf einer Stufe stehen die beiden dadurch noch nicht.

Auch wenn sich im Jahr 2016 kaum einer mehr an den langjährigen Lotus-Piloten erinnert, der im Mai 1986 bei Tests mit einem Brabham tödlich verunglückte, durfte de Angelis Erfolge feiern. Neunmal stand er in der Formel 1 auf dem Podium, zwei Grands Prix gewann er. All das fehlt Hülkenberg noch.

Die 24 Stunden von Le Mans 2015 gewann der Deutsche mit Porsche. Die Nachwuchsserie GP2 gewann er in seiner Debüt-Saison 2009 mit 25 Punkten Vorsprung vor Vitaly Petrov, dahinter: Lucas di Grassi und Romain Grosjean. Ein Jahr zuvor hatte er in der Formel-3-EM Edoardo Mortara und Jules Bianchi auf die Plätze verwiesen.

Hülkenberg hat Talent. Das weiß jeder in der Formel 1. Nur fehlt ihm Glück.

Hülkenberg zu früh am richtigen Ort

In Spa war Hülkenberg mal wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um kurz danach zur falschen Zeit immer noch da zu sein. Die Glückgöttin ist einfach kein Fan von Hülkenberg.

"Die Dinge liefen nach dem Start ziemlich gut für mich", erklärte Hülkenberg nach dem Rennen in Spa. Von Platz 7 war er ins Rennen gegangen. Er hatte Teamkollege Sergio Perez hinter sich gelassen, er hatte sich vom Startcrash zwischen Max Verstappen und den Ferrari-Piloten Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen ferngehalten. "Die erste Runde war großartig", sagte Hülkenberg berechtigterweise. Er hatte sich hinter dem späteren Sieger Nico Rosberg eingereiht: "Ich war Zweiter, folgte Nico und setzte mich von den Autos hinter mir ab. Unglücklicherweise war die Rote Flagge kostspielig."

Als nach dem heftigen Unfall von Renault-Pilot Kevin Magnussen das Safety Car auf die Strecke geschickt wurde, reagierte Force India: Boxenstopp Hülkenberg. Reifenwechsel.

Alles angerichtet für nächste Überraschung

Die anfälligen Supersofts sollten schnell entsorgt werden. Die ungewöhnlich hohen Temperaturen in den belgischen Ardennen sorgten in Verbindung mit den von Pirelli vorgegebenen, hohen Luftdrücken für zu viel Verschleiß. Nach sechs Runden wechselte Hülkenberg also auf Softs. Alles lief glatt. Lediglich Daniel Ricciardo rutschte im Red Bull an ihm vorbei, der musste aber noch die Supersofts ablegen.

Alles schien angerichtet für eine neuerliche Force-India-Überraschung in Belgien. Dort, wo Giancarlo Fisichella am 29. August 2009 das indische Auto auf die Pole-Position gestellt hatte, zum ersten und bisher einzigen Mal in der Teamgeschichte. Am Sonntag musste er sich nur Kimi Räikkönen geschlagen geben, der auf seiner Paradestrecke seinen bisher letzten Sieg für Ferrari einfuhr.

Zurück zum Drehbuch: Hülkenberg auf Kurs Podium. Im 107. Formel-1-Rennen seiner Karriere. Den Rekord hält Adrian Sutil: 128 Starts ohne Ergebnis unter den ersten Drei.

Zweiter Akt: Auftritt der Schicksalsgöttin

Fortuna, Tyche, Heil - wie auch immer man sie nennen mag, sie hat einen anderen Favoriten: Lewis Hamilton zum Beispiel. Einmal schnell die Rote Flagge geschwenkt, weil nach Magnussens Crash die Leitplanken zerstört waren, schon ist der Plottwist erfolgreich umgesetzt.

Statt Hülkenberg, der alles richtig gemacht hatte, mutierte Hamilton zum Glückspilz. Der Weltmeister sparte sich einen Stopp, weil bei einer Rennunterbrechung alle Fahrer in die Box müssen und die Teams die Reifen nach Belieben tauschen können. Mit anderen Worten: Rosberg, Hamilton und Daniel Ricciardo hatten sich die 23 Sekunden für die Anfahrt ihrer Box im Rennen gespart.

Allesamt fuhren aufs Podium. "Ohne das Safety Car und den Abbruch wäre das sicher nicht möglich gewesen", freute sich der Hamilton nach dem Rennen über seinen dritten Platz: "Hätte man mir dieses Ergebnis vor den Sommerferien angeboten, hätte ich eingeschlagen. Ich habe gute Punkte geholt und dazu drei neue Motoren für die zweite Saisonhälfte. Das ist wie ein Super-Bonus", freute sich der Weltmeister anschließend.

Hülkenberg musste sich mit Platz 4 begnügen. Der Rest des Rennens sei kontrolliert verlaufen, Reifenschonen war angesagt. Und doch gab es diese eine Schrecksekunde, indem ihm Fortuna doch hold war: Nach dem letzten Boxenstopp krachte er bei der Ausfahrt mit Fernando Alonso zusammen. Beide setzten das Rennen unbeschadet fort.

Hülkenberg: Podium war möglich

"Wenn die Dinge ein wenig anders gelaufen wären, hätten wir vielleicht auf dem Podium stehen können", schloss Hülkenberg: "Aber ich bin zufrieden mit dem vierten Platz."

Seine Aussage spiegelte die Stimmung im gesamten Team wider. "Das ist wohl einer der stolzesten Momente in meiner F1-Karriere", twitterte Teambesitzer Vijay Mallya aus dem britischen Exil.

Was den in seiner Heimat Indien per Haftbefehl gesuchten und dank eines speziellen Visums in Großbritannien sicheren Force-India-Boss so stolz machte? "Williams zu überholen und den vierten Platz in der Konstrukteurs-WM einzunehmen."

Das moderne F1-Märchen von Force India

Force India schreibt ein modernes Formel-1-Märchen: Aus dem Scherbenhaufen von Jordan, Midland und Spyker hervorgegangen liegt der Rennstall mittlerweile vor den börsennotierten Technologieexperten von Williams und dem McLaren-Universum. Das dürfte die Schmerzen des indischen Mäzens lindern, der die Grands Prix auf seinem luxuriösen Landsitz in England verfolgen muss, den er Lewis Hamiltons Vater einst für 15 Millionen Euro abgekauft hatte.

Einen großen Anteil daran haben Sergio Perez und Nico Hülkenberg. Der Mexikaner ergreift jede Chance aufs Podium beim Schopfe, der Deutsche fährt souverän und abgeklärt in die Punkte. 13 Punkte fehlen Hülk in der WM auf seinen Teamkollegen. Nur 13 Punkte, schließlich stand Perez in der Saison 2016 schon zwei Mal auf dem Podest.

Dass Hülkenberg das Glück fehlt? "Das spielt keine Rolle. Er lässt nie den Kopf hängen, er setzt seinen Kampf immer fort und holt gute Resultate", bekundete Force Indias Rennleiter Bob Fernley zuletzt bei Autosport: "Checo ist genau wie Nico vielleicht kurz davor zu einem potenziellen Weltmeisterteam zu gehen."

Selbst sein erster Konkurrent spricht ausschließlich gut über den Deutschen. "Ich stufe ihn als einen der Besten auf dem Grid ein", sagte Perez. Hülkenbergs Fahrt in Spa hat diese Einschätzung einmal mehr untermauert.

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