Fortschritt? Ferrari und Williams versagen

Donnerstag, 25.08.2016 | 18:00 Uhr
Sebastian Vettel muss mit Ferrari ebenso Rückschläge verdauen wie Williams
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Die Sommerpause der Formel 1 ist endlich beendet, der Große Preis von Belgien in Spa-Francorchamps (alle Sessions im LIVETICKER) läutet die zweite Hälfte der Saison 2016 ein. Ferrari bläst schon wieder zum Angriff auf Mercedes. Doch glaubt wirklich noch jemand an einen Sieg der Roten? Der Trend geht in die andere Richtung: Die Scuderia hat bei der Entwicklung den Anschluss verloren.

Angriff auf Mercedes, Kampf um die WM, Siege aus eigener Kraft - Ferraris Ziele für die Saison 2016 waren hochgesteckt. Zur Saisonhalbzeit ist klar: Sie waren viel zu hoch.

Ein Rechenexperiment: Die schnellste Rundenzeit eines Wochenendes ist das Optimum, 100 Prozent. Die besten Zeiten der anderen Rennställe werden dazu in Relation gesetzt. Während Mercedes in Melbourne 100 Prozent erreichte, landete Ferrari bei rund 101 Prozent.

Mercedes hat mit einer Ausnahme an jedem einzelnen Rennwochenende immer die schnellste Rundenzeit gefahren. Einzig beim Monaco-GP eroberte Daniel Ricciardo im Red Bull die Pole Position und fuhr dabei die schnellste Zeit des Wochenendes. Ferrari lag dagegen durchschnittlich 0,916 Prozent über der Bestzeit. Immerhin reicht das im Ranking der schnellsten Einzelzeiten aller Konstrukteure für Platz 2:

  1. Mercedes 100,019%
  2. Ferrari 100,916%
  3. Red Bull 100,945%
  4. Williams 101,638%
  5. Force India 101,838%
  6. Toro Rosso 102,020%
  7. McLaren 102,288%
  8. Haas 102,775%
  9. Renault 103,409%
  10. Sauber 103,699%
  11. Manor 104,118%

Auffällig: Einzig Ferrari und Manor nehmen im Ranking der schnellsten Autos nicht dieselbe Position ein wie in der WM. Die Scuderia hat ihren zweiten Platz an Red Bull verspielt, sie ist der große Verlierer der ersten Saisonhälfte.

Ferrari verbessert das Auto kaum

An Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen liegt das nicht. Die Ingenieure haben es schlichtweg versäumt, den anfangs ordentlich aufgestellten SF16-H weiterzuentwickeln. Statt die Lücke zu Mercedes im Laufe der Saison 2016 zu verkleinern, fiel Ferrari immer weiter zurück.

Deutlich macht das der Vergleich der ersten fünf Rennen in Australien, Bahrain, China, Russland und Spanien mit den letzten fünf in Aserbaidschan, Österreich, Großbritannien, Ungarn und Deutschland: Waren die Italiener in den ersten Saisonrennen immer weniger als ein Prozent langsamer als Mercedes, liegen die roten Autos mittlerweile regelmäßig über dieser Marke. Ferrari ist neben Williams und Toro Rosso sogar das einzige Team im gesamten Feld, bei dem die Lücke zur Spitze nicht kleiner sondern größer geworden ist.

  1. Manor -1,514%
  2. Haas -0,967%
  3. Renault -0,590%
  4. Red Bull -0,518%
  5. McLaren -0,327%
  6. Force India -0,286%
  7. Sauber -0,126%
  8. Mercedes 0,000%
  9. Toro Rosso +0,067%
  10. Ferrari +0,259%
  11. Williams +0,426%

Bei Toro Rosso war diese Entwicklung programmiert. Red Bulls Juniorteam fährt mit den Vorjahresmotoren der Scuderia. Während alle anderen Teams verbesserte Power Units bekommen, ändert sich beim Team aus Faenza im Heck überhaupt nichts.

Für Ferrari ist der Rückschritt dagegen eine Enttäuschung. "Schmerzhaft" nannte Kimi Räikkönen die Form des Teams beim Deutschland-GP. In mittel- und sehr schnellen Kurven müsse sich das Team verbessern, bekundete Vettel schon zuvor.

"Wir wissen, dass die letzten Rennen brutal und hart für uns waren, aber sie waren nützlich", bekundete der vierfache Weltmeister aus Heppenheim nun vor dem Ende der Sommerpause: "Wir haben viel über die Stärken und Schwächen unseres Autos herausgefunden und wissen, worauf wir uns konzentrieren müssen." Über Nacht sei das Problem nicht zu lösen. "Aber es gibt einen Plan. Die zweite Hälfte der Saison sollte stärker sein", so Vettel.

Hat Ferrari die Saison 2016 fürs Jahr 2017 geopfert?

Seine Aussagen wirken eher wie Durchhalteparolen. Denn eine logische Erklärung für Ferraris Abwärtsstrudel ist eigentlich schnell gefunden: Im Hintergrund laufen bei allen Rennställen bereits die Arbeiten für die Saison 2017. Die einzige Frage: Wer verlagert zu welchem Zeitpunkt wie viele Ressourcen auf die Zukunftsforschung?

"Ich denke, dass sie schon sehr früh auf 2017 umgestellt haben", sagte nun etwa Toto Wolff bei ESPN. Beim Blick auf die Zeiten erhärtet sich der Verdacht, der Zeitpunkt: direkt nach Saisonbeginn.

Schon beim Europaauftakt in Spanien war Ferrari erstmals mehr als ein Prozent langsamer als die Silberpfeile, auch Williams verlor in Barcelona plötzlich an Boden und erholte sich seitdem kaum. Nach dem Großen Preis von Spanien unterschritten Vettel oder Räikkönen nur zweimal die Marke: in Kanada und Österreich - zwei ausgewiesene Motorenstrecken.

Vier Teams verbessern sich deutlich

Noch auffälliger als der wachsende Rückstand von Ferrari und Williams im Saisonverlauf ist allerdings die Verbesserung anderer Teams. Manor und Haas führen die Rangliste an, obwohl sie weit weniger Budget für Entwicklung und Forschung zur Verfügung haben als das Topteam aus Italien.

Wie das funktioniert? Bei beiden Teams ist derselbe Faktor ausschlaggebend: Erfahrung. Haas' Mitarbeiter gewöhnen sich immer mehr an die Abläufe in der Formel 1, das Team wächst zusammen, versteht das Auto immer mehr. So wird Woche für Woche das Potenzial besser genutzt. Manor entwickelt sich nach dem Beinahe-Bankrott im Jahr 2015 und der Neuaufstellung des Teams parallel.

Weitere sprunghafte Verbesserungen gibt es sonst nur bei Renault und Red Bull. Beide Teams haben den Rückstand auf Mercedes halbiert. Der Gleichschritt offenbart den Grund: Die verbesserte Power Unit von Renault. Ähnliche Fortschritte erzielte sonst nur McLaren durch Hondas Fortschritte, die Japaner bringen eine nochmals verbesserte Version mit nach Belgien.

Vielleicht liegt genau darin die Chance, die Vettel erkannt haben will. Durch die beschränkte Windkanal- und Rechenzeit in der Formel 1 ist auf Aerodynamik-Ebene während der Saison weniger Aufholpotenzial gegeben. Aber spätestens beim Heimspiel in Italien soll die neue Ausbaustufe der Power Unit aus Maranello bereit für den Renneinsatz sein.

Die Formel-1-Saison 2016 im Überblick

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