Formel 1

Mit mir die Sintflut!

Lewis Hamilton gewann den Abu-Dhabi-GP 2016 und verlor doch den Kampf um die WM

Lewis Hamilton hat beim Großen Preis von Abu Dhabi den Unmut von Mercedes-Teamchef Toto Wolff auf sich gezogen. Der Brite widersetzte sich wiederholten Anweisungen des Kommandostand, als er den späteren Weltmeister Nico Rosberg im Rennen blockierte. Aus seiner Sicht mag das logisch gewesen sein, doch das gegenüber seinem Rennstall respektlose Verhalten könnte Konsequenzen haben.

Der Mercedes-Kommandostand zitterte. Das letzte Rennen der dreijährigen Dominanz, es sollte siegreich enden. Doch ausgerechnet das Aushängeschild des Rennstalls schickte sich an, Konkurrent Ferrari das Erfolgserlebnis zu schenken.

Immer wieder funkte Renningenieur Peter Bonnington seinen Schützling an. Hamilton hatte nach dem zweiten Boxenstopp Tempo rausgenommen.

Warum er so langsam fahre, wollte Mercedes wissen. Der Rennstall gab ihm ein Ziel für die Rundenzeiten vor. Die Ingenieure sahen den Tagessieg in Gefahr. Sogar Technikchef Paddy Lowe sah sich gezwungen einzugreifen.

All das kümmerte den dreifachen Weltmeister nicht. Er fuhr seinen Stiefel runter. Für Silberpfeil-Verhältnisse im Schneckentempo. "Wenn ich schon die Weltmeisterschaft verliere, kann ich auch das Rennen verlieren", antwortete Hamilton irgendwann auf einen Funkspruch des Teams.

Vettel: Hamilton nutzt "schmutzige Tricks"

"Lewis hat versucht, Nico so einzubremsen, damit das Feld aufschließen kann", sagte Vettel später. Das seien "schmutzige Tricks" gewesen.

Beim Blick auf die Zeiten wird klar, warum Mercedes zu zittern begann. Nach seinem Boxenstopp in Runde 37 machte Sebastian Vettel im Ferrari rund zwei Sekunden pro Runde auf die Silberpfeile gut. mit 17 Sekunden Rückstand gestartet, kam er binnen sieben Umläufen auf knapp fünf Sekunden heran. Da schrillten die Alarmglocken automatisch - nicht nur bei Mercedes.

Ein Kampf auf der Strecke zwischen beiden Mercedes-Fahrern? Gerne. Aber die teaminternen Verhaltensregeln besagen klar: Erst muss der Sieg des Teams gesichert werden, dann darf frei gegeneinander gefahren werden.

Hamilton bricht vorsätzlich Mercedes-Regel

Genau diese Regel brach Hamilton. Vorsätzlich. Weil er sein eigenes Wohl über das des Teams stellte. Seine Schleichfahrt konnte seinen Vorgesetzten gar nicht gefallen. Motorsportdirektor Toto Wolff ordnete Hamiltons Sonntagsfahrt der Kategorie "inakzeptabel" zu.

"Damit hat er auch den Sieg für Mercedes gefährdet", sagte der Österreicher: "Und als wir das bemerkt haben, haben wir Anweisungen gegeben, die hat Lewis ignoriert. Damit hat er auch einen Präzedenzfall für die Zukunft geschaffen: Wenn wir so weitermachen, würde das totale Anarchie bedeuten, dann macht jeder, was er will. Da werden wir deshalb schon dazwischenhauen."

Mercedes griff nicht ein, weil Hamilton mit allen erdenklichen Mitteln gegen Rosberg kämpfte. Mercedes griff ein, weil das Team die oberste, immergültige Prämisse seines Handelns in Gefahr sah.

Das ganze Wochenende über hatte Wolff klargestellt, dass fürs Saisonfinale keine Sonderregeln gelten: "Es wäre falsch, für das titelentscheidende Rennen alles auf den Kopf zu stellen, was wir in den vergangenen Jahren entwickelt haben."

Das bedeutete nicht nur, dass die Fahrer auf der Strecke ohne Eingriffe des Kommandostands gegeneinander fahren dürfen. Es bedeutete auch, dass das Ziel des Teams, das Rennen zu gewinnen, weiter an erster Stelle stand und steht.

"Die Fahrer sind Sportsmänner und wissen genau, was es zur Folge hätte, die rote Linie zu übertreten. Das würde eine Kontroverse verursachen. Daher vertraue ich ihnen, dass sie das Rennen im Interesse des Teams und des Teamgeists sowie auch der Fans sportlich fair über die Bühne bringen werden", so Wolff am Samstag.

Hamilton ohne Teamgeist unterwegs

Als Teamplayer präsentierte sich Hamilton fraglos nicht. Der Arbeit der Strategie-Abteilung im heimischen Brackley brachte er keinerlei Respekt entgegen. Stattdessen fuhr er egoistisch.

Aus seiner Sicht war das Vorgehen logisch: Er wollte Weltmeister werden.

Er gegen Rosberg. Ohne das Team.

Klassisch. High Noon auf Yas Island.

Rosberg versteht Hamilton und das Team

"Ich war an der Spitze und habe die Pace diktiert. Das ist mein Recht, so sind die Regeln", verteidigte sich Hamilton.

Nur konnte er aus dem Cockpit gar nicht einschätzen, in welchem Tempo Vettel nach dem Wechsel auf Supersofts Boden gut machte. Er stellte sein Interesse über das des Teams. Ihn kümmerte der Teamgeist nicht. Genau das ist der Grund, warum Wolff Konsequenzen ankündigte.

"Ich kann die Perspektive des Teams verstehen und ich kann Lewis' Perspektive verstehen. Lewis hat alle seine Fähigkeiten genutzt. Er hat es perfekt gemacht", sagte Rosberg zurückhaltend.

Lowes Befehl als Ultima Ratio verpufft

Die Einmischung Lowes war bezeichnend. "Wenn sich Paddy meldet und sagt: 'Das ist ein Befehl', dann ist das die höchste Eskalationsstufe. Wir haben die Verhaltensregeln gemeinsam in Melbourne entschieden", deutete Wolff nochmals mit dem verbalen Zeigefinger auf Hamilton.

Der "Präzedenzfall" könnte sonst die Büchse der Pandora öffnen. Zur Saison 2017 wechselt die Formel 1 das Reglement. Breitere Autos, breitere Reifen. Die Boliden sollen spektakulärer aussehen, die Aerodynamik wird geändert.

Die Mercedes-Dominanz könnte enden, wenn ein Konkurrent bessere Kniffe findet, um sein Chassis mittels größerer Flügel auf die Strecke zu pressen. Vielleicht kommen Red Bull und Ferrari auch nur näher heran, statt vorbei zu gehen. Was passiert dann, wenn ein Fahrer den anderen blockiert?

Wolffs Ankündigung war nachvollziehbar. Sie war sogar zwingend erforderlich.

Mercedes darf es nicht tolerieren, wenn ein Pilot Extrawürste für sich einfordert, sofern die Dogmen des Rennstalls aufrechterhalten werden soll. Völlig inakzeptabel ist, wenn ein Pilot sich die Extrawürste herausnimmt, obwohl seine Vorgesetzten ihm gegenteilige Anweisungen geben.

"Wenn man 1500 Mitarbeiter im Team hat und 300.000 Beschäftigte bei Daimler, dann schafft man sich Werte, die man respektieren muss. Wenn man diese Werte in der Öffentlichkeit verletzt, dann bedeutet es, dass man sich über das Team stellt. Das ist ganz einfach. Anarchie funktioniert in keinem Team und in keiner Firma."

Hamilton hielt Vettel vom Überholen ab

Die Ironie der sportlich fragwürdigen Aktion: Letztlich behinderte sich Hamilton sogar selbst. Sein Plan, Rosberg so lange einzubremsen, bis Vettel am deutschen Landsmann vorbeigehen würde, scheiterte. "Sie waren auf den Geraden einfach zu schnell. Und Nico hat sich gut verteidigt", sagte Vettel und gab Hamiltons Windschatten für Rosberg als entscheidenden Faktor an: "Wenn er nicht so dicht vor uns gefahren wäre, hätte ich eine Chance gehabt. So aber kam ich nicht vorbei."

Nur ein Manöver mit der Brechstange hätte es Vettel ermöglicht, auf Platz 2 vorzustoßen. Das aber wollte Vettel nicht. "Ich konnte nichts Verrücktes probieren", gab der vierfache Weltmeister an: "Ich hätte ihn treffen können."

Wegen Hamilton: Wolff will interne Regeln ändern

Mercedes will aus dem Verhalten Hamiltons Konsequenzen ziehen. Die Regeln ändern. Vielleicht sogar noch mehr Freiheiten einräumen.

"Das würde schöne Überschriften generieren, aber weniger Siege und Titel", sagte Wolff über das Feuer-frei-Szenario: "Wir könnten auch die harte Lösung finden, weil unsere Werte nicht respektiert wurden. Ich bin nicht sicher, in welche Richtung die Nadel ausschlägt."

Ganz sicher ist eins: Die Stimmung in der Mercedes-Gerade ist nur auf einer Seite euphorisch. Dass Hamilton in Abu Dhabi immer wieder dieselbe Schallplatte abspielte und Mercedes-Defekte für den Verlust der Weltmeisterschaft verantwortlich machte, es ärgerte seine Chefs.

"Man muss mit Würde gewinnen und verlieren", wandte sich Wolff direkt an den 31 Jahre alten Instinktfahrer: "Es ist ein mechanischer Sport. Ohne Auto würden sie in der Startaufstellung auf dem Boden sitzen und nicht weit kommen. Dieses Team hat ihnen in den letzten drei Jahren das beste Auto gebaut, mit dem sie Rennen und Titel gewonnen haben."

Der dreifache Weltmeister muss aufpassen, dass er seinen Rückhalt im Team nicht verspielt. Auch andere Mütter haben schnelle Rennfahrer.

Formel 1: Der WM-Endstand der Saison 2016

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