Kommentar zur ersten Weltmeisterschaft von Nico Rosberg in der Formel 1

Malocher und Superhirn in Personalunion

Sonntag, 27.11.2016 | 22:00 Uhr
Der vollendete Teamplayer: Nico Rosberg
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Nico Rosberg hat es geschafft. Er ist Formel-1-Weltmeister. Als dritter Deutscher nach Michael Schumacher und Sebastian Vettel erfüllte sich der Weltmeistersohn beim Saisonfinale, dem Abu-Dhabi-GP, den Traum vom Fahrertitel in der Königsklasse. Ruhm und Bewunderung erntet Rosberg in der Öffentlichkeit dafür kaum. Zu unrecht. Seinen Erfolg hat sich der 31 Jahre alte Mercedes-Pilot hart erarbeitet.

33. Weltmeister der Formel-1-Geschichte. Nico Rosberg ist am Ziel seiner Träume.

Die Reaktionen? Verhalten. Die Defekte am Mercedes hätten Lewis Hamilton die WM gekostet, sagen einige. Der Engländer sei der bessere Fahrer, sagen andere. "Für die Formel 1 und für mich als Promoter der Formel 1 gibt es keinen Besseren als Hamilton", sagte selbst Bernie Ecclestone zuletzt. Der oberste Vermarkter der Formel 1.

Ecclestone hat Recht. Während sein Teamkollege dem Jetset frönt, sich mit den schönsten Frauen und bekanntesten Musikern ablichten lässt, seinen Privatjet, seine Luxusautos, sein eigens designtes Motorrad, sein Partyleben in den Sozialen Medien vorführt, sich mit teurem Schmuck behängt, klinkt sich Rosberg aus.

Anachronimus Rosberg

In der Epoche von Social-Media-Provokation, Bling-Bling, schrillen Tönen und übertriebener Selbstdarstellung ist Rosberg ein Anachronismus.

Hamilton erklärte schon im WM-Kampf 2014, er habe sich immer alles selbst erarbeiten müssen. Rosberg dagegen sei ein verwöhntes Millionärs-Söhnchen. Ein Ammenmärchen.

Sein Vater Keke ermöglichte Nico den Einstieg in den Motorsport. Das stimmt. Doch von da an musste sich Nico Rosberg seine Sporen selbst verdienen. Während seines Abiturs ließ er Testfahrten aus, Vater und Mutter gaben der Schule Vorrang. Trotzdem gewann der Junior den Titel in der Formel BMW. Dieser Erfolg sicherte ihm seine erste Testfahrt bei Williams - und nicht Kekes Kontakte.

Rosberg riss sich den Arsch auf

Der Deutsche hat sich den Arsch aufgerissen für seinen Traum. Seinen Ingenieuren fragte er in den Nachwuchsserien Löcher in den Bauch. Alles Geld der Welt macht keinen einzigen Fahrer schnell.

Wille, Biss, Durchhaltevermögen sind wichtiger als Dollar und Cent. Diese Eigenschaften bewies Rosberg über Jahre, ehe er den Sprung in die Formel 1 schaffte.

Mit Williams arbeitete der Deutsche sich jahrelang im hinteren Mittelfeld ab. Zur Saison 2010 folgte die Belohnung: Der Wechsel zu Mercedes, dem Team, das gerade unter dem Namen Brawn GP beide Weltmeistertitel geholt hatte. Doch die Silberpfeile fuhren nur im Mittelfeld. "Nico ist der am meisten unterschätzte Fahrer", sagte Sebastian Vettel damals. Gehört hat es kaum einer.

Rosberg verzagte nicht. Er arbeitete unermüdlich weiter. Drei Konstrukteurstitel in Folge seit der Saison 2014 sind auch sein Verdienst. Der Fahrertitel in der Saison 2016 krönt seine Laufbahn.

Sportlich auf Augenhöhe mit Hamilton

Sein extrovertierter Teamkollege mag sich besser inszenieren, sportlich reichen sie sich das Wasser - mit unterschiedlichen Qualitäten. Nicht umsonst übernahm Hamilton immer wieder gern im letzten Moment das Setup seines Kollegen.

Nico Rosberg hat sich die WM selbst verdient. Er hat sich über Jahre gegen die Besten des Sports bewiesen. Den alternden Michael Schumacher, noch immer ein Meister des Fachs, ließ Rosberg in der gemeinsamen Mercedes-Zeit hinter sich. Mit Hamilton hielt er Jahr für Jahr mit.

In der Saison 2016 legte Rosberg zudem nochmal eine Schippe drauf. Er zeigte seinen Kritikern, dass er keinesfalls verweichlicht fährt. Im Gegensatz zu den Vorjahren hielt Rosberg nach dem Kanada-GP, als ihn sein Teamkollege abgedrängt hatte, entschieden dagegen - selbst nachdem es in Österreich zum Crash kam. Der selbstverpasste Ritterschlag war der Baku-GP: Rosberg löste technische Probleme binnen einer Runde, Hamilton ließ sich das ganze Rennen davon ausbremsen, er bekam den identischen Malus nicht in den Griff und fluchte dauerhaft.

Von Arroganz keine Spur

Rosberg ist Weltmeistersohn. Er wuchs in Monaco auf. Er verdient Millionen pro Jahr. Dem Deutschen wird Arroganz unterstellt. Dabei ist das Gegenteil der Fall.

Er hätte alle Voraussetzungen, um extrovertiert seinen Reichtum zu zelebrieren. Er verzichtet darauf. Bewusst.

Zurückhaltend. Kühl. Bedacht. So spricht Rosberg und so handelt er - seit jeher.

Seine deutsche Mutter, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen, prägte Nico Rosberg. Weder sie noch Vater Keke stellen ihr Vermögen zur Schau. Ihr Sohn bekam nur wenig Taschengeld. Seine Eltern haben Rosberg Zurückhaltung eingeimpft. Fünf Sprachen spricht er fließend, ein böses Wort kommt ihm nie über die Lippen.

Die Bodenständigkeit, die Rosberg trotz seiner privilegierten Geburt an den Tag legt, zeichnet ihn aus. Selbst wenn er etwas weniger Talent haben sollte als sein Teamkollege, hat er es über Jahre mit harter Arbeit ausgeglichen.

Wenn Hamilton der höchsttalentierte Instinktfahrer ist, muss Rosberg Malocher und Superhirn sein. Detailversessenheit, Technikverständis, Berechnung - er ist eins der größten Vorbilder, die der Sport aktuell bietet und der Beweis, dass sich harte Arbeit am Ende doch auszahlt.

Formel 1: Der WM-Endstand der Saison 2016

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