Formel 1

Die lahme Ente startet durch

Von Dominik Geißler
Aktuell ist Manor noch Stammgast in der letzten Startreihe
© getty

Zum Großen Preis der USA trat Marussia in der Saisonson 2014 gar nicht an. Finanzielle Probleme führten zur Insolvenz des heutigen Manor-Teams. Vor der 2015er Auflage des Formel-1-Rennens in Austin (alle Sessions im LIVETICKER) hat sich die Lage grundlegend geändert: Nachdem das Aus vor Saisonstart schon fast besiegelt war, kämpfte sich das Team in die Formel 1 zurück und steht dank eines Deals mit Mercedes vor einer hoffnungsvollen Zukunft. Nur die Fahrerpaarung wirft noch Fragen auf.

Als Jules Bianchi beim Großen Preis von Monte Carlo 2014 über die Ziellinie fuhr, erreichte die Stimmung im Marussia-Lager einen nie zuvor dagewesen Höhepunkt. Der Franzose beendete das Rennen auf dem neunten Rang und holte damit die ersten zwei WM-Punkte der Teamgeschichte.

Doch innerhalb von fünf Monaten wandelte sich die Euphorie in ein Gefühl des Kummers und der Verzweiflung.

Bianchi flog in Suzuka während des Unwetter-Rennens ab und kollidierte mit dem Bergungskran, der Adrian Sutils Sauber barg. Die Sorge um den Ferrari-Nachwuchspiloten, der Monate später an den folgen des Unfalls versterben sollte, mischte sich mit den wirtschaftlichen Problemen.

"Wir waren von den Folgen von Jules Unfall erschüttert und mussten gleichzeitig mit den Finanzen kämpfen", sagte Sportdirektor Graeme Lowdon gegenüber Autosport.

Sotschi schien das Ende zu sein. Nach dem Rennen in Russland meldete Marussia Insolvenz an. Damit war es dem Team wie auch Caterham nicht möglich, am Großen Preis der USA teilzunehmen. Auch die letzten beiden Wochenenden der Saison in Brasilien und Abu Dhabi wurden zwangsweise ausgelassen.

Der Weg zurück

Eine Rückkehr in den Formel-1-Zirkus? Galt bei Experten als höchst unwahrscheinlich. Und doch glaubten die Mitarbeiter von Marussia weiter an sich, hörten nicht auf, nach Investoren zu suchen und wurden letztlich in Stephen Fitzpatrick fündig.

"Meistens, wenn Firmen Insolvenz anmelden, bedeutet es das Ende. Wir wussten also, dass auch uns das Ende bevorstehen könnte. Aber wir hatten so eine Leidenschaft im Team, dass wir es nicht haben sterben lassen", lobte Lowdon seine Mannschaft.

Fitzpatrick, Gründer des Energieversorgers OVO Energy, pumpte geschätzte 50 Millionen Euro in das Team aus Dinnington. Die alte Fabrik war bereits an das neue Haas F1 Team verkauft, doch mit Fitzpatricks Investition entging Marussia im Januar in letzter Sekunde der Zwangsversteigerung, die wohl das endgültige Aus besiegelt hätte.

Mit neuem Geld und neuem Namen machte sich das umbenannte "Manor Marussia F1 Team" schließlich fit für die Saison. Teamchef John Booth vertraute dabei aus der Not heraus auf eine modifizierte Version des Vorjahrchassis und einem 2015er-Ferrari-Motor.

"Wir waren in einer Situation, in der wir ohne ihre Hilfe zu Beginn der Saison einfach nicht hier wären - ohne die Unterstützung von Sergio Marchionne und Maurizio Arrivabene und mit Blick auf die Saison an sich auch nicht ohne James Allison", dankte Lowdon den Hauptverantwortlichen bei Ferrari.

Den Zampano erzürnt

Und dennoch war von Beginn an klar: Mit dem vorhandenen Paket ist vom ersten bis zum letzten Kilometer Hinterherfahren angesagt.

Vorausgesetzt, man fährt überhaupt. Denn beim Saisonauftakt in Australien reiste Manor zwar mit dem gesamten Equipment an, die Garage verließen die beiden Piloten Will Stevens und Roberto Merhi jedoch nicht ein einziges Mal.

Prompt machten sich bei Bernie Ecclestone und Co. Zweifel breit, ob die Truppe den Wiedereinstieg in die Königsklasse überhaupt ernst meine - oder sich doch nur das Preisgeld der vergangenen Saison in Höhe von knapp 50 Millionen US-Dollar sichern wollte.

Der Verdacht des Zampanos hat sich im Laufe des Jahres nicht bestätigt. Manor fährt. Zwar fehlen dem Team, das 2010 als Virgin Racing sein Debüt in der Formel 1 feierte, auf die in der Konstrukteurswertung vor ihm liegenden McLaren Honda mehrere Sekunden pro Runde, doch die Planungen für eine bessere Zukunft laufen seit Monaten im Hintergrund.

Ein Deal für große Schritte

Im Sommer gewann Manor mit Airbnb einen neuen Sponsor hinzu. Zudem holte sich das Team mit Bob Bell, dem ehemaligen Technischen Direktor von Mercedes und Renault, Luca Furbatto, Ex-Chefdesigner bei Toro Rosso, sowie Toyotas einstigem Renningenieur Gianluca Pisanello langjährige Formel-1-Erfahrung ins Boot.

Im Oktober folgte dann der vielleicht größte Schritt ins neue Glück. "Wir sind stolz, bekannt zu geben, dass das Manor F1 Team ab 2016 mit Mercedes-Power antritt", twitterten die Silberpfeile den Motoren-Deal mit dem kleinsten Rennstall im Feld, der damit die wohl beste Antriebseinheit erhält.

"Das ist ein großer Schritt nach vorn, der eine Sekunde bringen wird, die man auf Seiten des Chassis nicht finden muss", freut sich Lowdon über das erfolgreiche Geschäft. Darüber hinaus erhält Manor ab dem kommenden Jahr Getriebe sowie Aufhängungsteile von Williams und wird mit einem neuen Chassis, dem MR04, unterwegs sein.

Die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Zukunft sind also gestellt. Nach einem "Jahr des Wiederaufbaus an allen Fronten" herrscht bei Lowdon und seinen Männern nun echte Aufbruchsstimmung.

Dementsprechend hat Manor kein geringeres Ziel, als endlich den Anschluss ans restliche Feld zu schaffen. Mit einer für die Formel 1 unegwöhnlichen Strategie: Das Team gibt nur das Geld aus, was wirklich in den Kassen ist. Manch einer träumt so sogar von einem Platz im Mittelfeld.

Fahrerpaarung noch offen

Doch wer wird 2016 in den plötzlich attraktiven Cockpits sitzen? Diese Frage ist noch nicht abschließend geklärt. Booth räumte gegenüber f1.com sowohl Stammfahrer Stevens als auch Merhi und Alexander Rossi, die sich den zweiten Sitz seit dem Singapur-GP teilen, Chancen ein.

Eine weitere Alternative wäre Pascal Wehrlein. Der amtierende DTM-Champion könnte als Mercedes-Nachwuchsfahrer durch den Motoren-Deal zwischen Silber und Manor leichte Vorteile gegenüber den anderen Kandidaten haben.

Wehrlein zu Manor? Das wäre "definitiv eine Alternative, die uns gut gefallen würde", sagte Motorsportchef Toto Wolff im SPOX-Interview. Plan A lautet aber: Der 21-jährige DTM-Champion soll in einem dritten Mercedes starten.

Einer wird immer fehlen

Wer auch immer die beiden Manors pilotieren wird: Dass sie es leichter als in dieser Saison haben werden, glaubt nicht jeder im Formel-1-Lager. "Bei allem Respekt für Manor, aber sie könnten einen Flugzeug-Motor einbauen und kämen nicht viel weiter", lästerte beispielsweise Fernando Alonso.

Ob Misstrauen oder die Angst, mit McLaren noch weiter nach unten zu rutschen, aus dem Spanier spricht, wird den Jungs von Manor egal sein. "Wenn ich zwölf Monate zurückschaue und es damit vergleiche, wo wir jetzt sind, ist der Unterschied einfach unglaublich - wie Tag und Nacht", beschreibt Lowdon den Sprung aus der Hoffnungslosigkeit.

Während man vor einem Jahr "nah dran war unterzugehen", reist das Team nun mit einem positiven Gefühl nach Austin. Zwar werden in Texas ohne extreme Kapriolen keine WM-Punkte hinzukommen, doch schon nächstes Jahr könnten Erfolge wie der in Monaco 2014 kein Einzelfall mehr sein.

Und doch - trotz aller wiedergekehrten Euphorie - ist sich der Sportdirektor in Anbetracht des Todes von Bianchi einer Sache bewusst: "Ein Kerl fehlt. Egal, was wir machen, nichts wird ihn jemals ersetzen können."

Der WM-Stand im Überblick

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