Formel 1

"Langeweile? Nicht mein Problem"

Toto Wolff führte Mercedes als Motorsportchef zu Weltmeisterschaften in den Jahren 2014 und 2015
© xpb

Mercedes dominiert die Formel 1 und macht doch Zugeständnisse an Renault, Honda und Ferrari. Toto Wolff erklärt den Grund, verrät den Plan für die weitere Karriere von DTM-Champion Pascal Wehrlein und ordnet die Leistungen von Nico Rosberg und Lewis Hamilton ein. Zudem kritisiert er Red Bull für den öffentlichen Druck auf die Motorenhersteller.

SPOX: Herr Wolff, Sie haben gerade zwei extrem erfolgreiche Wochenenden hinter sich. Erst die Verteidigung des Konstrukteurstitels der Formel 1 in Sotschi, dann die DTM-Meisterschaft für Pascal Wehrlein in Hockenheim. Welcher Titel war für Sie schöner, der von dem Sie erst auf dem Weg zum Flughafen in Sotschi erfahren haben oder der live an der Strecke?

Toto Wolff: Beide Titel sind sehr erfreulich. In meiner Gefühlswelt versuche ich einfach im Moment zu leben. Gerade die DTM war in den letzten Jahren schwierig für uns, wir mussten das Team wie schon in der Formel 1 restrukturieren. Das geht nicht von heute auf morgen. Diese Meisterschaft zu gewinnen, zeigt einfach, dass wir die richtigen Schritte gemacht haben. Die Bestätigung, dass das greift, ist unheimlich erfreulich.

SPOX: Und der Formel-1-Titel?

Wolff: Es ist die wichtigste Rennserie der Welt, mit der größten medialen Resonanz. Die Konstrukteursmeisterschaft im zweiten Jahr hintereinander zu gewinnen, ist genauso erfreulich. Die Aufgabe ist aber noch nicht erledigt, die Euphorie noch nicht wirklich durchgeschlagen. Erst sollten wir uns darauf konzentrieren, dass die Aufgabe erledigt ist, danach können wir feiern.

SPOX: Sie meinen den Fahrertitel, den Lewis Hamilton schon beim nächsten Rennen in Austin verteidigen kann. Gegenüber seiner Leistung scheint Nico Rosberg selbst in Deutschland in der öffentlichen Wahrnehmung unterzugehen, obwohl er meist nur knapp hinter seinem Teamkollegen landet. Wie erklären Sie sich das?

Wolff: Es ist in der Tat so. Nico hatte in Monza und Sotschi zwei unglückliche Wochenenden, an denen die Technik ihn hängen lassen hat. In Sotschi hätte er gewinnen können und müssen, in Monza wäre er auf dem Podium gelandet, wenn nicht sogar auf Platz 2. Dann würde es in der Meisterschaft ganz anders ausschauen. Die Formel 1 ist nun mal ein mechanischer Sport. Man muss sich auf die Technik verlassen können. Im letzten Jahr ist das Pendel eher gegen Lewis ausgeschlagen. Aber es stimmt: Nicos sportliche Leistung ist höher einzuschätzen, als die Punkte es zeigen.

SPOX: Versuchen Sie das zu korrigieren?

Wolff: Das kann man nicht korrigieren. Wir greifen nicht in das Ergebnis ein. Wenn ein Problem am Auto entsteht, dann schadet das dem Team bei der Konstrukteursmeisterschaft genauso. Deswegen versuche ich in der Öffentlichkeit diese Faktenlage zu beschreiben: Nico fährt auf Augenhöhe mit Lewis. Man muss in die Details reinschauen. Das tun nicht viele Leute.

SPOX: Eins der Kernthemen war für Mercedes in dieser Saison die Zuverlässigkeit. Das wurde schon vor dem Auftakt in Melbourne öffentlich kommuniziert. Trotzdem häuften sich zuletzt die Defekte: Rosbergs Motorenschaden in Monza, der Ausfall in Sotschi, Hamilton sprach in Suzuka von Problemen gegen Rennende, in Russland wackelte der Heckflügel. Warnen Sie deshalb vor einer Leistungssteigerung von Ferrari im kommenden Jahr?

Wolff: Wir sind unzufrieden. Dem Thema Qualität haben wir große Bedeutung beigemessen. Auch das geht aber nicht von heute auf morgen. Ein Qualitätsmanagement zu implementieren, dauert. Wir sind da dran. Es ist gleichzeitig eine Mentalitätsfrage und eine Implementierungsfrage. Wir hatten Defekte, wo Teile im Cent-Bereich verantwortlich waren wie zuletzt bei Nico oder bei Lewis in Singapur. Das darf nicht passieren und wurmt mich unheimlich. Aber das werden wir in den Griff kriegen. Wenn man mit Ferrari oder einem anderen Team auf Augenhöhe kämpft, dann kann man sich so etwas gar nicht leisten.

SPOX: Ihr öffentliches Auftreten erinnert in letzter Zeit etwas an Matthias Sammer beim FC Bayern München, der als Sportvorstand das Gesamtgefüge überblickt und immer wieder mahnt, wenn ihm etwas negativ aufstößt.

Wolff: Meine Rolle ist ganz anders als Sammers. Ich vertrete das Team vor den Medien an den Wochenenden. Wenn man es mit dem Fußball vergleicht, bin ich aber dazu nicht nur der Manager, sondern auch der CEO. Ich führe das Team und das Motorenwerk in Brixworth auch operativ. Das ist mein täglicher Job, vom Montagmorgen bis zum Freitagabend. An den Wochenenden kümmere ich mich dann um die kommerziellen und politischen Angelegenheiten, das große Ganze. Trotzdem bin ich in den sportlichen und technischen Ablauf involviert. Ich würde mir allerdings wünschen, etwas weniger Zeit mit den Medien zu verbringen. Wenn ich es aber nicht tue, würden sie sich jemand anderen krallen. Und es gibt ein paar Leute, die wesentlich wichtiger sind, um das Auto schnell zu machen. Deswegen ist das Teil meines Aufgabengebiets.

Seite 1: Wolff über den Vergleich mit Sammer und das Image von Rosberg

Seite 2: Wolff über die Langeweile, Zugeständnisse und Wehrlein

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