Geduldspiel mit neuer Attitüde

Freitag, 04.09.2015 | 10:22 Uhr
Sebastian Vettel übt sich bei Ferrari in Geduld
© scuderia ferrari
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Sebastian Vettel hat schon lange vor dem Großen Preis von Italien (alle Sessions im LIVETICKER) das Thema vor dem Formel-1-Wochenende in Monza bestimmt: die Konsequenzen der explodierenden Pirelli-Reifen. Der positive Nebeneffekt für Ferrari: Der eigene Rückstand auf Mercedes ist vor dem Heimrennen Nebensache, die Arbeit für das wichtige Ziel läuft mit neuer Attitüde im Hintergrund.

Eigentlich könnte Ferrari die laufende Formel-1-Saison schon vorzeitig beenden. Die Ziele sind schon seit dem WM-Lauf in Ungarn erreicht.

Immer wieder hatte Teamchef Maurizio Arrivabene nach seiner Amtsübernahme betont, die Saison 2015 sei ein Übergangsjahr. Selbst als Ferrari bei den Wintertests einen riesigen Leistungssprung zeigte, betonte er, dass das Fazit schon mit zwei Siegen als erfolgreich ausfallen würde: "Drei wären perfekt. Und wenn wir vier gewinnen, laufe ich barfuß auf die Berge von Maranello."

Doch wie oft der frühere Marlboro-Manager die Sätze auch wiederholte, die Hoffnungen der Fans auf dauerhafte Erfolge vermehrten sich spätestens nach dem ersten Sieg beim Malaysia-GP exponentiell.

Seitdem hat sich allerdings nichts verändert: Ferrari ist nur siegfähig, wenn Mercedes Fehler macht oder besondere Umstände den Italienern in die Karten spielen. Sonst dominieren die Silberpfeile. "Wir haben die Erwartungen bisher übertroffen. Das ist toll. Aber wir sind noch nicht da, wo wir hin wollen. Es gibt noch viel zu tun", sagte Vettel nun bei Motorsport-Total.

Wo Ferraris Schwäche liegt

Während McLaren und Red Bull ihre Autos sichtbar weiterentwickelten, indem sie die Nase verkürzten und so die Luft besser zum Abtrieb erzeugenden Diffusor am Heck leiten, fährt Ferrari am SF15-T immer noch die breite, tief heruntergezogene Spitze. Besonders auf aerodynamisch anspruchsvollen Strecken sind Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen im Nachteil.

In Spa offenbarte Ferrari diese Schwäche. Die elftschnellste Zeit schaffte Vettel während des Qualifyings im zweiten Sektor, Räikkönen war in Q1 nur 0,137 Sekunden schneller als Jenson Button im McLaren. Die Kurvenkombinationen von Pouhon, Fagnes und Stavelot fordern maximalen Anpressdruck, was den Italienern Probleme bereitete.

Die fehlenden Sekunden einfach auf flachere Flügel zurückzuführen, wäre einfach. Zu einfach. Am Ende des ersten Sektors, nach dem langen Vollgasstück mit Eau Rouge und der Kemmel-Geraden, wies Vettel eine langsamere Höchstgeschwindigkeit auf als sämtliche Fahrer mit Mercedes-Antrieb mit Ausnahme der Williams-Piloten Felipe Massa und Valtteri Bottas.

Leistungsdefizit bei MGU-H?

Dieser Fakt lässt einen Schluss zu: Die Energierückgewinnung über die Abgase (MGU-H) oder der Verbrennungsmotor an sich funktionieren noch immer schlechter als die von Mercedes. Um dieses Problem zu kompensieren, musste Ferrari auf Abtrieb verzichten. Gerade auf Hochgeschwindigkeitsstrecken lässt sich dieser Nachteil aber nicht ausgleichen.

Angst? Mercedes rüstet Antrieb in Monza nach

Vettels Sieg beim Ungarn-GP unterstützt diese Annahme. In Budapest gibt es keine langen Geraden, stattdessen wechseln Beschleunigung und Verzögerung dauerhaft. Das fordert die Energierückgewinnung über die Bremsen (MGU-K) und eine gute Traktion. Die hat Ferrari.

Herausragende Traktion beim SF15-T

Im Spa-Francorchamps-Qualifying beschleunigte Vettel den SF15-T bis zur Ziellinie auf 232,5 km/h. Nur Massa und Weltmeister Lewis Hamilton schafften bis zum Strich, der im ersten Drittel der Geraden nach der ultraspitzen letzten Kurve und damit weit früher als auf anderen Kursen liegt, eine noch höhere Geschwindigkeit.

Was das für das Rennen in Monza bedeutet? Nicht viel Gutes. Zwar wird Ferrari vor allem aus den Schikanen nach Start-und Ziel blendend herausbeschleunigen, auf den Geraden könnte Vettel und Räikkönen allerdings abermals die Luft ausgehen.

Ein Sieg aus eigener Kraft? "Ich will nicht sagen, dass wir sofort das Handtuch werfen, aber ich möchte realistisch sein", versuchte Arrivabene bei Motorsport.com übertriebene Hoffnungen schon im Keim zu ersticken. Der große Angriff auf Mercedes und der Kampf um die WM-Titel sind schließlich erst für die Saison 2016 eingeplant.

Läuft Force India der Scuderia den Rang ab?

Zumal den Italienern Gefahr von unbekannter Konkurrenz droht. Force India droht der Scuderia beim Heimspiel den Rang als zweite Kraft abzulaufen.

Als Nico Hülkenberg seinen VJM08 in Spa bereits mit technischen Problemen abgestellt hatte, sprintete Teamkollege Sergio Perez von Startplatz 4 direkt nach vorn und stritt sich am Ende des ersten Sektors sogar mit Hamilton um die Führung. "Wenn er gut durch Eau Rouge kommt, wird er uns mit dem Topspeed-Vorteil von 16 km/h überholen", gab Motorsportdirektor Toto Wolff nach dem Rennen Einblicke in die Befürchtungen seines Teams nach der Qualifikation.

Die Gefahr für die Etablierten ist in Monza noch größer. Force India stellte im ersten Sektor von Spa mit geringem Luftwiderstand und der Mercedes-Power selbst die Werkssilberpfeile in den Schatten.

Da dieser Streckenabschnitt der belgischen Ardennen-Achterbahn sehr nah an die Anforderungen des Autodromo Nazionale di Monza herankommt, sind Hülkenberg und Perez die Geheimfavoriten für einen Kampf mit Lewis Hamilton und Nico Rosberg.

Vettel warnt vor zu viel Risiko

"Wenn du bestenfalls Fünfter werden kannst, musst du halt Fünfter werden", sagt Vettel: "Wenn du versuchst, so ein Rennen zu gewinnen, wirst du am Ende vielleicht nur Zehnter. Wir müssen ruhig bleiben und so weitermachen. Und von Rennen zu Rennen denken."

Die interne Umstrukturierung mit der klareren Abtrennung der Ingenieure von der Teamleitung und der besseren Verzahnung der einzelnen Technikabteilungen ist abgeschlossen, die neue Aufgabenverteilung eingespielt, der Umzug in den Neubau in Maranello abgeschlossen.

Doch wie gut die Veränderungen nach dem Amtsantritt Arrivabenes wirklich waren, ist noch unklar. Das Konzept des aktuellen Autos und die Leistungssteigerung des Motors ist noch dem alten Team zuzuschreiben.

Allison-Verlängerung Indiz für Erfolg

Dass Technikdirektor James Allison seinen Ende des Jahres auslaufenden Vertrag kürzlich bis Jahresende 2018 verlängerte, verdeutlicht Ferraris Zufriedenheit mit seinen Ingenieuren und den eigenen Fortschritten. Noch zu Jahresbeginn galt die weitere Zusammenarbeit als gefährdet.

"Er arbeitet wie ein Verrückter, ist sehr entschlossen, liebt den Motorsport. Klar kannst du solchen Menschen viel Geld zahlen, aber um ihre Arbeit ganz besonders zu machen, müssen sie den Job lieben. James tut das. Er ist ein echter Teamplayer. Für Ferrari ist er derzeit eines der wichtigsten Elemente", lobte Vettel den 47-jährigen Briten.

Selbst wenn er den 18 Siegen der Scuderia bei ihrem Monza-Heimspiel in diesem Jahr keinen weiteren hinzufügen kann, die Perspektive ist gut. Ferraris Augenmerk ist seit Monaten auf die Saison 2016 ausgerichtet.

Die neue Ferrari-Attitüde

"Wenn die Chancen kommen, müssen wir das Unmögliche möglich machen. Der Siegeswille und der Glaube sind da", sagt Vettel trotzdem.

Der vierfache Weltmeister lebt den veränderten Anspruch der Scuderia an das eigene Personal vor wie kein anderer. Arrivabene verlangt, kontrollierte Risiken einzugehen. Jahrelang war Sicherheit die einzige Maxime, weil jeder Fehler mit einer sofortigen Kündigung abgestraft wurde.

Risiko nur teilweise belohnt

Der Plan ging erstmals mit Vettels Sieg in Malaysia auf. In Spa scheiterte die mutige Ein-Stopp-Strategie in der vorletzten Runde durch einen platzenden Reifen.

Trotzdem kam kein schlechtes Wort in Richtung des eigenen Teams über Vettels Lippen. Schuldzuweisungen wie sie Fernando Alonso gern aussprach, sind unter Arrivabene verpönt. Teamspirit ist Grundvoraussetzung, Vettel hat ihn seit jeher im Blut.

Deshalb ergibt auch die Verlängerung von Räikkönens Vertrag Sinn. Auch wenn der Iceman im Jahr 2015 mehr als einmal unglücklich wirkte, seine Freundschaft zum Heppenheimer sichert die gute Stimmung.

Formel-1-Kalender und WM-Stand 2015 im Überblick

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