Zu wenig Luft? Hamilton behält Sieg

Sonntag, 06.09.2015 | 18:15 Uhr
Lewis Hamilton siegte in Monza mit 25 Sekunden Vorsprung auf Sebastian Vettel
© getty
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Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton hat den 65. Großen Preis von Italien auf dem Autodromo Nazionale di Monza in beeindruckender Manier gewonnen. Nach Bestzeiten in allen Trainings fuhr der 30-jährige Brite im Mercedes einen Start-Ziel-Sieg vor Sebastian Vettel ein, kam allerdings in den letzten Runden in Bedrängnis.

Hamilton leistete sich wenige Umläufe vor der Zielflagge einen heftigen Verbremser vor der ersten Schikane und bekam vom Team die Anweisung, sofort das Tempo hochzuschrauben. Mercedes befürchtete wohl, dass er den Reifen so zerstört hatte. Selbst Hamilton wurde im Unklaren gelassen, warum er schneller fahren musste.

Mercedes hatte die Pirelli-Vorgaben bezüglich des erhöhten Luftdrucks bei beiden Autos nicht eingehalten. Bei Hamilton fehlten vor dem Start 0,3 PSI auf dem linken Hinterreifen, bei Rosberg waren es sogar 1,1 PSI, während bei Ferrari alles stimmte. Die Stewards bestellten die Verantwortlichen der Silberpfeile zur Untersuchung ein.

Warmup: Pirellis Warnung an die Teams

Update Die Kommissare entschieden nach Befragung von Mercedes und dem Pirelli-Ingenieur des Teams, keine Maßnahmen zu ergreifen. Der Druck sei korrekt gewesen, als die Reifen montiert wurden, und erst gesunken, als die Heizdecken in der Startaufstellung vom Strom getrennt wurden. Dadurch seien auch die Unterschiede zu den anderen Teams zu erklären.

Die Kommissare nahmen sich jedoch das Recht heraus, dem Automobilweltverband FIA und dem Reifenhersteller einen Ratschlag zu geben: Sie sollen bis zum Singapur-GP weitere Meetings abhalten, um den Teams klare Richtlinien zum Messverfahren zu geben.

40. Karrieresieg von Hamilton

Trotz der Hektik reichte es somit zum siebten Saisonsieg von Hamilton, dem 40. GP-Erfolg in seiner Karriere. Vettel sammelte in den 53 Runden bis zur Zieldurchfahrt 25,042 Sekunden Rückstand und brachte Platz 2 ins Ziel.

Der Podiumsplatz war glücklich: Kimi Räikkönen hatte beim Start Nico Rosberg aufgehalten, als er nicht beschleunigte. Nico Rosberg fiel in der vorletzten Runde mit einem Motorschaden aus, als er Vettel jagte. Der deutsche Vizeweltmeister liegt in der WM-Wertung nun 53 Punkte hinter seinem Mercedes-Teamkollegen. Vettel fehlen als Drittem bereits 74 Zähler.

Das Ergebnis des Rennens im Überblick

Der Profiteur des Ausfalls: Felipe Massa. Der Williams-Pilot fuhr als Dritter durchs Ziel. Räikkönen wurde Fünfter vor dem Force-India-Doppel Sergio Perez und Nico Hülkenberg. Daniel Ricciardo (Red Bull) holte als Achter vor Marcus Ericsson (Sauber) und seinem eigenen Teamkollegen Daniil Kvyat WM-Punkte.

Reaktionen:

Paddy Lowe (Mercedes-Technikchef): "Um ehrlich zu sein, wir verstehen es nicht. Wir wurden zu den Stewards vorgeladen, wir werden hingehen und es erklären. Ich weiß nur, dass wir unsere Drücke mit dem Pirelli-Ingenieur gesetzt haben. Er war komplett zufrieden damit. Mit reichlich Vorsicht haben wir uns gedacht, lasst uns eine Lücke herausfahren."

Lewis Hamilton (Mercedes): "Ich bin nicht allzu besorgt gerade. Was kommt, das kommt. Ich bin ein großartiges Rennen gefahren. Klar gibt es viele Limits in der F1 und sie werden bis aufs Letzte ausgereizt. So machen wir das eben. Aber daran lag es nicht, dass wir heute gewonnen haben. Wir haben gewonnen, weil wir die Schnellsten waren."

Sebastian Vettel (Ferrari): "Heute ist einer der emotionalsten Tage, die ich je in der Formel 1 hatte. Der Moment auf dem Podium macht das Ganze so lebenswert und den Traum, Formel-1-Fahrer zu leben und bei Ferrari zu sein, so lebendig. Am Anfang habe ich alles probiert, um an Hamilton dran zubleiben, aber es hat einfach nicht gereicht. Am Ende mussten wir gegen Nico noch einmal Gas geben, aber ich denke, es hätte trotzdem gereicht. Auf dem Podium ist das dann aber auch irgendwie wurst."

Felipe Massa (Williams): "Ich freue mich so sehr, das ist ein fantastisches Gefühl. Das Rennen war ziemlich hart. Ich habe meinem Team schon gesagt, dass ich dafür langsam zu alt werde. Die letzten drei Runden und der harte Kampf gegen meinen Teamkollegen waren wirklich schwierig."

Der Spielfilm:

Vor dem Start: Strafenfestival in Monza nach dem Qualifying. 158 Startplätze wurden Button, Alonso, die vier Renault und Ericsson strafversetzt. Neuer Rekord.

RE-LIVE: Das ganze Rennen im Ticker

Start: Räikkönen verpatzt den Start von Platz 2 komplett! Er bleibt komplett stehen, muss neu einkuppeln und fällt ganz ans Ende des Feldes. Rosberg weicht hektisch aus und fällt deswegen hinter die Williams zurück. In der Schikane berühren sich Nasr und Grosjean.

Runde 1: Grosjean stellt ab, Maldonado fährt in die Box. Totalausfall für Lotus.

Runde 6: Räikkönen trifft bei seiner Aufholjagd auf Sainz, der dem Finnen vor der Schikane schwungvoll die Tür zuknallt. Der Ferrari fährt geradeaus, bleibt aber Zehnter vor Ricciardo.

Runde 8: Rosberg in Schwirigkeiten. Er denkt, DRS funktioniere nicht, das Team widerspricht. Aber: Der Bremsverschleiß ist zu hoch. Mercedes warnt ihn gleich mehrfach. Williams freut sich und gibt die Info an Bottas weiter, der vor dem Vizeweltmeister her fährt und jeden Überholversuch abwehrt. Rosberg lässt sich zurückfallen.

Runde 10: Sainz kommt an die Box, weil er eine 5-Sekunden-Strafe wegen Verlassens der Strecke bekommen hat. Er wechselt die Reifen. Zwei-Stopp-Strategie.

Runde 14: Hülkenberg meldet ungewöhnliche Geräusche aus dem Heck seines Force India, tippt auf Probleme mit dem Auspuff. Schon zuvor hatte er einen Kontakt beim Start gemeldet, wo er sich den Frontflügel beschädigte.

Runde 16: Verstappen kassiert Button in der Parabolica, der Ex-Weltmeister kontert mit offenem Flügel auf der Zielgeraden und hält in die erste Schikane innen rein. Verstappen reagiert kühl, hält die Außenlinie und bleibt vorn. Der Letztgestartete ist trotz Durchfahrtsstrafe Zwölfter.

Runde 18: Rosberg fährt als erster Spitzenpilot an die Box und wechselt auf die Mediums. Williams reagiert und holt Massa eine Runde später rein, der dieselben Reifen bekommt. Mercedes' Undercut geht auf. Rosberg ist vorbei und wird vor Bottas sein, wenn der an die Box kommt.

Runde 26: Vettel kommt mit 30 Sekunden Vorsprung auf den viertplatzierten Rosberg an die Box, er bleibt Zweiter. Auch Räikkönen lag zu weit zurück. Mercedes holt Hamilton in der darauffolgenden Runde rein.

Runde 28: Räikkönen spielt Bremsklotz, Rosberg bekommt die Anweisung, unbedingt zu überholen. Das klappt auf der Zielgeraden, wobei Rosberg in der Schikane nur mit Ach und Krach auf der Strecke bleibt. Danach fährt der Iceman mit einer Schrecksekunde an die Box: Merhi knallt ihm im Manor bei der Einfahrt fast ins Heck. Kein Kontakt. Räikkönen kommt als Zehnter wieder auf die Strecke.

Runde 33: Hülkenberg kann Räikkönen nicht halten. Der Iceman ist Siebter, nachdem er kurz zuvor schon Ericcson überholt hatte.

Runde 49: Oha! Hamilton bekommt die Ansage, dass er den Vorsprung ausbauen muss. Bei einer Vollbremsung hat er die Reifen gemordet und er muss wohl definitiv neue Pneus abholen.

Runde 50: Perez macht sich ganz, ganz breit. Aber es reicht nicht, Räikkönens Ferrari ist mit DRS auf Start und Ziel nicht zu stoppen.

Runde 51: Motorschaden bei Rosberg! Ausgiebiger Jubel auf den ganz in Rot gehaltenen Tribünen. Vettels zweiter Platz ist sicher, als der Mercedes-Motor in Flammen aufgeht und das Auto in der zweiten Schikane ausrollt.

Ziel: Nach 53 Runden bringt Hamilton die Reifen ins Ziel und beschwert sich über den vom Team gemachten Stress. Renningenieur Peter Beonnington würgt ihn ab. Vettel wird 25 Sekunden dahinter Zweiter und Massa verteidigt Platz 3 erfolgreich gegen Bottas. Die übrigen Punkte gehen an Räikkönen, Perez, Hülkenberg, Ricciardo und Kvyat.

Nach dem Ziel: Angeblich müssen beide Mercedes-Piloten sich bei den Stewards verteidigen. Sie sollen zu wenig Luftdruck gefahren sein. Es droht eine Zeitstrafe oder die Disqualifikation. Hamiltons Sieg ist also keineswegs sicher.

Mann des Rennens: Max Verstappen überzeugte einmal mehr mit klugen Manövern. Alonso und Button kochte er mit den langsameren Gummis mühelos ab, an Nasr flog er vor der ersten Schikane förmlich vorbei. Zwar wurde der Niederländer nur 13. und nahm keine Punkte mit, hatte dafür aber auch nicht die Voraussetzungen. Rechnet man die Durchfahrtsstrafe wegen der zerberstenden Motorhaube weg, wäre er wohl bester Renault-Pilot und damit in den Top 10 gewesen.

Flop des Rennens: Kimi Räikkönen hätte Ferraris Trumpf werden können. Mit zwei Fahrern hätte die Scuderia Druck auf Hamilton aufbauen, Mercedes in einen Fehler zwingen können. Stattdessen vergeigte der Iceman den Start, die beste Ausgangslage der Scuderia beim Heimspiel seit fünf Jahren. Diesen Fehler konnte seine Aufholjagd auch nicht wieder gut machen.

Das fiel auf:

  • Hamilton baute seinen Vorsprung nach dem Start sprunghaft aus. Anfangs bei rund zwei Sekunden Vorsprung, nahm Vettel 22 Sekunden bis zum ersten Stopp ab. Der Deutsche musste sein Tempo runterschrauben, um die weichen Slicks für seine Ein-Stopp-Strategie am Leben zu halten.
  • Mercedes' Strategie war flexibler. Hamilton musste im zweiten Stint seinen Vorsprung auf über 23 Sekunden vergrößern. Das ist ungefähr die Delta-Zeit, die für einen zusätzlichen Stopp benötigt wird. Der Weltmeister setzte die Vorgabe mit mehreren absoluten Bestzeiten in Folge um, schaltete dann aber einen Gang zurück. Das wurde zum Problem, als ihn das Team zur Eile anhielt. Es waren keine Reserven mehr vorhanden.
  • Williams abermals mit einem taktischen Fehler. Das Team einen seiner Piloten früher zum Stopp holen müssen, um den schnelleren Rosberg in Schach zu halten. Stattdessen reagierten die Briten nur auf Mercedes' Undercut und verloren so gleich mit beiden Fahrern das Duell ums Podium. Massa konnte anschließend nur hinter dem Deutschen herfahren.

Die Formel-1-Saison 2015 im Überblick

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