30 Jahre nach dem Tod von Stefan Bellof

"Auf einem Niveau mit Ayrton Senna"

Dienstag, 01.09.2015 | 13:00 Uhr
Ein Jahr vor seinem Tod: Stefan Bellof (l.) und Manfred Winkelhock scherzen beim Belgien-GP
© imago
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Stefan Bellof stand vor dem Sprung an die Spitze der Formel 1, bevor er am 1. September 1985 beim Lauf der Langstrecken-WM in Spa-Francorchamps mit Porsche-Kollege Jacky Ickx vor Eau Rouge kollidierte und tödlich verunglückte. Heute jährt sich der Tod des größten Talents im deutschen Motorsport vor Michael Schumacher - des Mannes, der mit Ayrton Senna mithalten konnte - zum 30. Mal.

Gerhard Berger stand vor einem Rätsel. Der Österreicher hatte gerade mit Teameigner Walter Brun Platz 6 beim 1000-km-Rennen der Langstreckenweltmeisterschaft auf dem Hockenheimring herausgefahren. Doch was Stefan Bellof bei 35 Grad im Schatten und über 70 Grad im Auto aufführte, war für seinen Formel-1-Kollegen nur schwer nachzuvollziehen.

"Ich bringe bei der Affenhitze kaum eine gescheite Runde zusammen und der Kerl fährt nicht nur zwei Turns am Stück, sondern ist dabei auch noch schneller als alle anderen. Und das sind ja alles keine Wichser, sondern richtig gute Leute wie Stuck & Co."

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2:00,66 Minuten brauchte der gebürtige Gießener für die schnellste Rennrunde im blau-weißen Privat-Porsche. Er hatte den 956 B schon auf Startplatz 3 gestellt, während Berger und Brun im baugleichen Auto mit 3,93 Sekunden Rückstand auf Bellofs Zeit sieben Plätze weiter hinten starteten.

Nur 49 Tage nach dem Rennen in Hockenheim starb das größte Talent im deutschen Motorsport in nach einem Unfall in Spa - im Alter von 27 Jahren, 9 Monaten und 12 Tagen.

"Schumi-Wunder zwei Jahrzehnte früher"

"Wenn Stefan Bellof nicht verunglückt wäre, hätte Deutschland das Schumi-Wunder schon zwei Jahrzehnte früher erlebt", sagte Porsches damaliger Rennleiter Manfred Jantke später. "Von denen, mit denen ich gemeinsam gefahren bin, war Stefan Bellof der Beste. Er hatte das Fahren im Blut - der Hammer, was er mit dem Auto angestellt hat. An seine Rundenzeiten kam ich mit dem Porsche 962 nicht annähernd heran", sagte Teamkollege Strietzel Stuck im SPOX-Interview.

Abseits der Strecke ein dauerlächelnder Sunnyboy mit schrillem Lachen mutierte Bellof im Cockpit zum kompromisslosen Draufgänger, der sich keine Grenzen vorschreiben ließ. Er kannte keine Angst, bremste jede einzelne Kurve später an als sämtliche Konkurrenten. Bellof fuhr nicht an der Grenze der Leistungsfähigkeit seines Materials. Er fuhr darüber. Mit Leichtigkeit. Bis zum 1. September 1985 ging es gut.

Schon in seinem zweiten Kartjahr 1972 siegte Bellof bei sieben Rennen, 1980 gewann er die deutsche Meisterschaft. Er startete mehrmals freiwillig vom letzten Platz, um mehr Spaß zu haben - und gewann dennoch. Über Formel V, Formel 3 und Formel 2 rutschte er vor der Saison 1983 in einen Porsche-Werksvertrag. Er fuhr die Altherrenriege der Sportwagen schon beim ersten Test in LE Castellet trotz der Behinderung durch den Vorjahreswagen mit weniger Abtrieb in Grund und Boden.

"Stefan und ich bekamen die klare Ansage: 'Bloß nichts kaputtmachen'", erzählte sein Renningenieur Klaus Bischof Motorsport-Total: "Und was passiert? Da fährt er in seiner dritten Runde genauso schnell wie die alten Hasen mit dem neuen Auto." Bellof musste zum Rapport an die Box. Porsche vermutete, er habe das Auto überfahren. "An dem Auto war rein gar nichts - kein Rauch, keine qualmende Bremse. Und er hatte einen uralten Satz Reifen drauf", so Bischof.

6:11,13 Minuten

Keke Rosberg, amtierender Formel-1-Weltmeister, brauchte auf der Nordschleife des Nürburgring 30 Sekunden länger, um seine Runde abzuschließen, und startete trotzdem als Dritter. 6:11,13 Minuten brauchte Bellof im Training für einen Umlauf. Bis heute ist es der Rekord in der Grünen Hölle, die einzige Runde mit einem Schnitt von über 200 km/h, die jemals ein Pilot fuhr.

Schon einen Lauf zuvor hatte Bellof für eine Sensation gesorgt. In Silverstone fuhr sein Partner Derek Bell bei seinem Heimspiel die Qualifikation und kam gerade so in die Top 5. Bellof wollte es selbst versuchen, doch die Chancen standen schlecht. Bell hatte den einzigen Satz der superweichen Quali-Reifen benutzt. Porsche gab sich mit dem schlechten Ergebnis zufrieden.

"Ich bin zum damaligen Rothmans-Vertrauten gegangen und habe gesagt: 'Schau mal, ganz vorne steht ein Marlboro-Auto und ihr gebt hier Millionen aus. Das kann doch nicht sein. Geh doch mal zu unseren Chefs.' Und plötzlich hieß es von unserem Rennleiter Peter Falk, dass wir Bellof fahren lassen sollen", so Bischof. Bellof fuhr drei Sekunden schneller als alle anderen Autos.

Aufstieg in die Formel 1

Seine Leistungen zeigten Wirkung: Die Formel 1 interessierte sich für den 25-Jährigen. Er testete für McLaren, konnte Niki Lauda und Alain Prost jedoch nicht aus dem Cockpit verdrängen. Ein Engagement bei Bernie Ecclestones Brabham-Team scheiterte aufgrund des Porsche-Vertrags. Brabham fuhr den weltmeisterlichen BMW-Turbo.

So blieb für Bellof neben seinem Langstreckenengagement im Werksporsche, das er als erster deutscher Weltmeister auf der Rundstrecke beendete, in der Saison 1984 nur eine Rolle als Paydriver bei Ken Tyrrell, dessen Team mit Minardi die letzten Saugmotoren einsetzte. Im Qualifying hatte der Deutsche deshalb nicht den Hauch einer Chance. Ihm fehlten über 400 PS auf die Konkurrenz. Doch nach jedem Start außerhalb der Top 20 rauschte er an der Konkurrenz vorbei.

Seite 1: Nordschleifenrekord und Bergers Schock in Hockenheim

Seite 2: Monaco in Sennas Schatten und die verhängnisvolle Fehde mit Ickx

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