Hans-Joachim Stuck: "No regrets!"

Von Interview: Alexander Mey
Dienstag, 21.06.2011 | 15:43 Uhr
Hans-Joachim Stuck beendet auf dem Nürburgring nach 43 Jahren seine Motorsport-Karriere
© Imago
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Mit Hans-Joachim Stuck beendet beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring, das am Samstag gestartet wird, eine wahre Motorsport-Legende ihre Karriere. Nach 43 Jahren voller Erfolge, wilder Partys und großer Tragödien bildet ein Rennen gemeinsam mit seinen Söhnen Johannes und Ferdinand den erträumten Abschluss. Im SPOX-Interview blickt Stuck (60) auf seine bewegte Laufbahn und große Wegbegleiter zurück.

Wer sich nur am Rande für Motorsport interessiert, kennt Hans-Joachim Stuck vielleicht nur als Formel-1-Experten im Fernsehen, bei SPOX oder als Kolumnist in Zeitungen. Dabei ist er einer der erfolgreichsten deutschen Motorsportler aller Zeiten - eine Legende.

Nach 43 Jahren zwischen Bergrennen und Formel 1, Siegen in Le Mans und der DTM, ist für den Langstrecken-Weltmeister von 1985 Schluss. Die 24 Stunden auf dem Nürburgring am Wochenende werden sein letztes Rennen sein. In seinem Wohnzimmer Nordschleife tritt er gemeinsam mit seinen beiden Söhnen Johannes (24) und Ferdinand (20) in einem Lamborghini Gallardo an.

Höchste Zeit, um mit der bayerischen Frohnatur alle Höhen und Tiefen seiner langen und bewegten Karriere Revue passieren zu lassen. Eine ehrliche Bilanz über den Tod, schicksalhafte Begegnungen mit Ayrton Senna, Niki Lauda und Stefan Bellof, aber auch Frauengeschichten, große Siege und skurrile Anekdoten.

SPOX: Herr Stuck, darf ich Motorsport-Legende zu Ihnen sagen?

Hans-Joachim Stuck: Wenn Sie das so sagen, dann fühle ich mich geehrt. Solange Sie nicht sagen "Legende ohne Ende", bin ich einverstanden. (lacht)

SPOX: Das mit dem "ohne Ende" hat sich ja bald erledigt. Noch ein Rennen mit den beiden Söhnen, dann ist Schluss. Gibt es für Ihr Traumrennen mit Johannes und Ferdinand im Auto überhaupt sportliche Ziele oder ist alles nur ein großer Spaß?

Stuck: Spaß ist das Eine, aber natürlich haben wir auch sportliche Ziele. Allein schon unserem Lamborghini-Team gegenüber haben wir schließlich unsere Verpflichtungen. Und wir fahren immerhin das schwerste Rennen im Motorsport gegen das Who-is-Who der Szene. Ein Platz unter den Top Ten wäre da schon ein Erfolg. Nach oben gibt es aber kein Limit.

SPOX: Spielen Sie mit Ihrer Nordschleifen-Erfahrung den Fahrlehrer für Ihre Söhne?

Stuck: Mentor trifft es eher. Dem Johannes brauche ich nichts mehr beizubringen. Der hat schon seine eigenen Erfahrungen gemacht. Den Ferdi nehmen wir halt mit und schmeißen ihn ins kalte Wasser. Er ist jetzt soweit und macht seine Sache gut. Wir werden so viel Druck wie möglich von ihm nehmen und die Sache zu dritt gut über die Bühne bringen. Nachts bei Nebel und Regen werde ich Ferdi auf jeden Fall nicht fahren lassen.

SPOX: Sind Sie glücklich mit der Entscheidung Ihrer Söhne, auch Rennfahrer zu werden?

Stuck: Ich bin stolz darauf. Ich habe keinen der beiden dazu gedrängt, finde es aber toll, dass sich die Söhne mit dem Beruf des Vaters identifizieren können. Nach 43 Jahren im Motorsport ist es für mich Zeit, Schluss zu machen und den Staffelstab an meine Söhne zu übergeben.

SPOX: Keine Angst vor Entzugserscheinungen?

Stuck: (lacht) Vor dem großen schwarzen Loch, auf dessen Boden dann ein Rennauto steht? Nein, nein! Das ist definitiv mein letztes Rennen.

SPOX: Welche Erinnerung an Ihre Karriere ist denn heute noch am intensivsten?

Stuck: Das Witzige ist, dass die jüngsten Erfolge immer die schönsten sind. Natürlich habe ich in Le Mans gewonnen, war Langstrecken-Weltmeister und DTM-Champion, aber der Sieg auf dem Nürburgring vor zwei Jahren mit dem Audi R8 war besonders toll. Immerhin habe ich im hohen Alter eines Rennfahrers noch mit jungen Koryphäen des Sports auf Augenhöhe gekämpft.

SPOX: Aber Sie werden doch einen Pokal in Ihrer Sammlung besonders hoch schätzen, oder?

Stuck: Den für den Gewinn der Langstrecken-WM. Das war mein größter Erfolg, weil es der Titel für eine konstante Leistung über eine ganze Saison war.

SPOX: Können Sie sich eigentlich an all Ihre rund 900 Rennen erinnern?

Stuck: An die meisten schon. Ich brauche oft nur einen kleinen Hinweis, wann ein Rennen war, dann kann ich mich wieder erinnern. Sogar an die ersten Bergrennen.

SPOX: Sie haben 1969 angefangen - mehr oder weniger ohne jegliche Sicherheit. Ist es ein Wunder, dass sie heute noch leben?

Stuck: Es ist eine Gnade Gottes. Wir hatten ja in Sachen Sicherheit nichts Besseres, als das, was wir gerade als das Nonplusultra angesehen haben. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt hat es in diesem Punkt Quantensprünge gegeben. Wenn ich heute sehe, mit was für Autos mein Vater noch Bergrennen gefahren ist, muss ich eigentlich sagen: Die waren alle bekloppt! Ein Beispiel aus meiner Formel-1-Zeit: Wir hatten Sauerstoffflaschen dabei, um atmen zu können, wenn es einmal brennt. Dass Sauerstoff ein Feuer umso mehr anheizt, hat damals niemand bedacht.

SPOX: Waren Ihre Jahre in den 70ern in der Formel 1 die intensivste Zeit?

Stuck: Nein. Es war zwar schön, das mal gemacht zu haben, aber ich war abgesehen von meinen beiden dritten Plätzen nicht sonderlich erfolgreich. Ich hatte beim Fahren doch lieber ein Dach über dem Kopf. Am intensivsten war die Zeit in den 80ern bei Porsche in der Langstrecken-WM. Der Porsche 962 war damals aufgrund seines Saugeffekts so schnell in den Kurven, dass wir auf der GP-Strecke am Nürburgring schneller waren als die Formel 1. Dieses Auto war cool zu fahren. Wenn ich eines meiner Rennautos behalten dürfte, das wäre es.

SPOX: Wenn nicht die intensivste, dann war die Formel-1-Zeit aber sicher die gefährlichste. In jedem Jahr gab es schwere, oft sogar tödliche Unfälle. Waren die Fahrer deshalb auch abseits der Strecke so wilde Hunde?

Stuck: Ich glaube nicht, dass das mit der Gefahr zu tun hatte. Das Leben war so wild, weil es grundsätzlich eine lockere Zeit war. Man wurde nicht ständig von Medien durchleuchtet. Da konnte man schon mal fünfe gerade sein lassen. Auch bei den Frauen, denn wir hatten als Fahrer damals viel mehr Zeit und waren nicht in festen Bindungen. Außerdem gab es noch nicht so viele Krankheiten, auf die man aufpassen musste. Da haben wir alles mitgenommen.

SPOX: Haben Sie das Risiko ausgeblendet?

Stuck: Das nicht. Wir waren uns dessen schon bewusst. Ich habe zum Beispiel am Sonntag vor einem Rennen immer mein Hotelzimmer aufgeräumt, damit es ordentlich aussieht, sollte ich am Abend nicht zurückkommen und jemand anderes meine Sachen holen müssen.

SPOX: Sie waren bei Niki Laudas Feuerunfall auf dem Nürburgring 1976 einer der Ersten an der Unfallstelle.

Stuck: Stimmt. Ich kam als Dritter dort an und sah, dass sich zwei andere Fahrer schon um Niki kümmerten und er ansprechbar war. Dann fiel mir ein, dass ja von hinten noch weitere Autos kommen, und ich habe Warnzeichen gegeben und sie vor der Kurve aufgehalten. Dann habe ich dank meiner Ortskenntnis wahrscheinlich sogar noch entscheidend zu Nikis Genesung beigetragen, denn der Krankenwagen wollte eigentlich auf der Nordschleife weiterfahren und dann außen herum über die Landstraße ins Krankenhaus nach Adenau. Ich wusste aber, dass er nur einen Kilometer zurück fahren musste, um die Ausfahrt Breitscheid nehmen zu können. Das hat eine Stunde Zeit gespart und dafür gesorgt, dass die giftigen Gase, die Niki eingeatmet hatte, viel früher abgesaugt werden konnten. Dafür hat er sich später bei mir bedankt.

SPOX: Sie hatten in Ihrer Formel-1-Zeit Bernie Ecclestone als Teamchef. Wie war er?

Stuck: Er war knallhart, aber wer einen guten Job gemacht hat, hatte ihn ewig als Freund. Ich habe gerade letzte Woche mit ihm telefoniert.

SPOX: Sollte er seine Formel-1-Diktatur nicht langsam beenden?

Stuck: Das, was die Formel 1 heute ist, hat er geschaffen. Das muss man mal ganz klar so sagen. Noch geht es nicht ohne ihn, aber es wird langsam Zeit, für einen Nachfolger zu sorgen. Die Formel 1 hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, da muss auch er up to date bleiben. Aber im Grundsatz muss diese Serie diktatorisch geführt werden, denn wenn alle Hersteller mitbestimmen können, kommt nie etwas Vernünftiges dabei heraus.

SPOX: Was wahrscheinlich nicht viele wissen: Sie hatten auch ein recht gutes Verhältnis zu Ayrton Senna.

Stuck: Wir kannten uns, weil wir gemeinsam für Audi gearbeitet haben. Zwar nur oberflächlich und nicht freundschaftlich verbunden, aber wir haben zusammen mit Gerhard Berger ein paar lustige Stunden verbracht. Tragisch war, dass wir in der Woche vor seinem tödlichen Unfall in München noch eine Feier gemeinsam erlebt haben, auf der Senna zum offiziellen Audi-Händler für Brasilien ernannt worden war. Ich war dann auch bei seiner Beerdigung und durfte mithelfen, den Sarg zu tragen. Dieses Erlebnis und die Anteilnahme von Millionen von Fans werde ich nie vergessen.

SPOX: Ist er der beste Fahrer, den Sie hautnah erlebt haben?

Stuck: Ayrton war ein nie zu erreichendes Vorbild. Sowohl fahrerisch als auch in der Art und Weise, wie er mit seinem Ruhm umgegangen ist. Wie er das brasilianische Volk an seinem Erfolg hat teilhaben lassen, war beispielhaft. Von denen, mit denen ich gemeinsam gefahren bin, war Stefan Bellof der beste. Er hatte das Fahren im Blut - der Hammer, was er mit dem Auto angestellt hat. An seine Rundenzeiten kam ich mit dem Porsche 962 nicht annähernd heran. Ein Jammer, dass er tödlich verunglückt ist, denn er wäre sicher vor Michael Schumacher und Sebastian Vettel eine Lichtgestalt des deutschen Motorsports geworden.

SPOX: Ganz so schlecht waren Sie aber auch nicht. Sie haben von Le Mans über Strecken in Europa und den USA bis hin zur Nordschleife auf allen möglichen Kursen gewonnen. Welcher ist der beste?

Stuck: Nordschleife, keine Frage. Dort hat es angefangen, dort hört es auf. Alles dazwischen war nur Abklatsch. (lacht)

SPOX: Von dort haben Sie bestimmt auch tolle Geschichten zu erzählen.

Stuck: Klar, jede Menge. Zum Beispiel die, dass Steve Soper einmal beim 24-Stunden-Rennen auf der Strecke stehen geblieben und dann vor den Fans um den legendären Captain Ahab geflohen ist. Die wollten ihn eigentlich nur anschieben, aber sie sahen so skurril aus, dass er dachte, sie wollten ihm an die Wäsche. Oder die, dass wir einmal nach einem Besäufnis in der Burg eine Dampfwalze kurzgeschlossen haben und damit auf der Strecke herumgeheizt sind. (lacht) Das hat man mir sehr lange übel genommen.

SPOX: Gibt es auf der Welt überhaupt etwas mit der Nordschleife Vergleichbares?

Stuck: Fahrerisch nicht. Da ist die Nordschleife ein Unikat. Aber die Stimmung und die Fans sind in Watkins Glen in den USA ähnlich drauf. Die Amerikaner wissen eben auch, wie man feiert.

SPOX: Gibt es einen Traum, den Sie sich in 43 Jahren Motorsport nicht erfüllen konnten?

Stuck: Ich wäre gerne einmal NASCAR gefahren. Das hätte mir Spaß gemacht und ich hätte auch ein paar Mal die Chance dazu gehabt. Aber es ließ sich einfach nie verbinden, denn mir war klar: Wenn ich in den USA NASCAR fahre, bin ich in Europa weg vom Fenster. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen.

SPOX: Würden Sie gerne irgendeinen Fehler rückgängig machen?

Stuck: Ja, da gibt es einen. Ich hatte Ende 1978 die Wahl, ob ich im kommenden Jahr in der Formel 1 für ATS oder Williams fahren will. Ich habe mich für ATS entschieden, weil ich bei Williams in jedem Europa-Rennen in die Vor-Qualifikation gemusst hätte. Außerdem gab es keine Testfahrten und wenig Geld. Also bin ich zu ATS gegangen. 1980 wurde Alan Jones dann im Williams Weltmeister.

SPOX: Sonst noch etwas?

Stuck: Ansonsten kann ich nur sagen: No regrets!

SPOX: Eigentlich ein schönes Schlusswort, aber eine Sache muss ich noch wissen: Warum sind die heutigen Formel-1-Fahrer nicht mehr so locker wie Sie?

Stuck: Lassen Sie sich da mal nicht täuschen! Die Medienwelt macht heute so einen Druck, dass die Piloten nach außen immer mehr Repräsentanten ihrer Teams sein müssen. Sie dürfen ja heute keinen Furz mehr lassen, ohne dass es am nächsten Tag auf Youtube zu sehen ist. Aber glauben Sie mir: Hinter verschlossenen Türen lassen die Jungs immer noch ab und zu die Sau raus.

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