Donnerstag, 12.04.2012

Nico Hülkenberg im Interview

Hülkenberg: "Liegestütze mit Memory"

Nico Hülkenberg ist nach einem Jahr Pause zurück in der Formel 1. Im Interview spricht der 24-jährige Force-India-Pilot über seine Comeback-Erfahrungen aus den ersten beiden Rennen und erklärt, wo die größten Herausforderungen für ihn liegen. Weitere Themen: seine Arbeit als TV-Experte, Social Media und Multitasking-Methoden.

Nico Hülkenberg beendete den GP von Malaysia auf Rang neun
© Getty
Nico Hülkenberg beendete den GP von Malaysia auf Rang neun

SPOX: Zwei Rennen sind seit dem Comeback absolviert. Wie war's?

Nico Hülkenberg: Ich bin zufrieden. Generell läuft es so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Rennunfälle wie der am Start in Melbourne passieren und in Malaysia hat uns im Trockenen ein wenig der Speed gefehlt. Aber wir haben noch jede Menge Rennen vor uns und auch noch einige Entwicklungen in der Hinterhand, die das Auto schneller machen sollten. Wir haben die Schwächen identifiziert und sind dabei, sie auszumerzen.

SPOX: Im Moment sieht es aber so aus, als müsste Force India im Mittelfeld einen Rückstand gegenüber Teams wie Lotus, Sauber und Williams aufholen.

Hülkenberg: Sauber und Lotus sind in der Tat sehr stark. Wobei man sagen muss, dass die Autos vor allem unter den Bedingungen in Malaysia vom Set-Up her perfekt gepasst haben. In Melbourne war Sauber nicht ganz so stark. Aber es wird super eng werden im Mittelfeld. Ein Beispiel: Im Qualifying in Malaysia war ich 16., aber wäre ich nur zwei Zehntel schneller gewesen, hätte ich um die Top Ten kämpfen können. An einem guten Tag ist das drin, an einem nur etwas schwächeren verlierst du fünf, sechs Plätze. Es muss immer alles passen, das ist brutal.

SPOX: Sind die fahrerischen Instinkte bei Ihnen nach einem Jahr Pause sofort wieder da?

Hülkenberg: Hier und da zwickt und zwackt es ab und zu noch. Es gibt Situationen, in denen ich merke, dass es noch besser gegangen wäre. Doch das kommt mit der Erfahrung im Laufe der Saison. Im Großen und Ganzen fühle ich mich auf jeden Fall wohl.

SPOX: Wo zwickt es eher, im Qualifying oder im Rennen?

Hülkenberg: Am ehesten habe ich am Start damit zu kämpfen, den Überblick zu behalten. Das ist eine spezielle Situation, die ich im letzten Jahr nicht hatte. In den Freien Trainings ging es ähnlich wie im Qualifying immer mal wieder darum, eine Runde so schnell wie möglich zu fahren. Von daher fiel es mir leichter, mich daran wieder zu gewöhnen.

SPOX: Was ist abgesehen vom Start in den Rennen die größte Herausforderung?

Hülkenberg: An KERS muss ich mich gewöhnen, das hatte ich ja 2010 bei Williams nicht. Man bekommt vom Team zwar einen Plan für den Einsatz der Energie, der optimal ist für die Rundenzeit. Aber den muss man immer wieder abändern, je nachdem, ob man einen Gegner angreift oder sich verteidigt. Das musste ich in Sepang zum ersten Mal umsetzen, aber ich muss sagen, dass man da relativ schnell rein kommt.

SPOX: Grundsätzlich müssen Sie als Formel-1-Fahrer während eines Rennens unglaublich viel beachten. Was gibt es zum Beispiel während einer Safety-Car-Phase wie in Malaysia zu tun?

Hülkenberg: Das Wichtigste ist, die Reifen auf Temperatur zu halten. Aber nicht nur die. Auch die Bremsen und KERS müssen auf Temperatur gehalten werden. Ich kann nicht einfach mal fünf Runden lang auf KERS verzichten, denn dann geht die Temperatur in den Keller und es kann zu Fehlfunktionen kommen. Ich muss es also ständig aufladen und wieder entladen, um dann beim Restart das vom Team vorgegebene optimale Lade-Level zu haben. Dazu kommen verschiedene Motor-Einstellungen, die ich verwenden muss, je nachdem, ob ich Sprit sparen muss oder nicht. Es gibt also in der Tat eine Menge zu tun. (lacht)

SPOX: Wie trainieren Sie dieses Multitasking?

Hülkenberg: Wir Fahrer haben alle Übungen, bei denen wir den Körper unter Stress setzen und zusätzlich noch mentale Leistungen bringen müssen. Eine gute Methode ist, Liegestütze zu machen und dabei Memory zu spielen. Das macht Nico Rosberg zum Beispiel auch.

SPOX: Multitasking war 2011 gezwungener Maßen Ihr Motto. Anstatt Rennen zu fahren, waren Sie als Experte für allerlei Medien gefragt, unter anderem für "Sky". Hat sich Ihr Blick auf die Formel 1 dadurch verändert?

Hülkenberg: Im letzten Jahr habe ich in der Tat mehr über den Tellerrand geblickt und mich auch für die Dinge sehr interessiert, die bei anderen Teams passiert sind. Aber wenn man selbst wieder im Cockpit sitzt, ist das anders. Alles, was ich mir jetzt anschaue, ist viel mehr auf mich selbst, meinen Teamkollegen und das Team bezogen. Klar schaue mich mir das Rennen später im Fernsehen an und bekomme dadurch eine ungefähre Ahnung davon, was bei den anderen los war. Aber eine echte Analyse der anderen Teams bleibt aus, weil man viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist.

SPOX: Trotzdem: Eine Einschätzung des ehemaligen TV-Experten hätten wir gerne: Ist die Red-Bull-Dominanz der letzten Jahre Geschichte?

Hülkenberg: Puh. Man könnte das nach den ersten beiden Rennen so sagen, wobei der Red Bull jetzt auch nicht gerade ein Mittelfeld-Auto ist. (lacht) Die werden wie alle da vorne ständig weiterentwickeln. Fakt ist, dass McLaren sehr stark ist. Und Lotus ist nicht zu unterschätzen, die werden ganz vorne noch für einige Überraschungen sorgen.

SPOX: War das Jahr 2011, das Sie neben der Strecke verbringen mussten, ein völlig verlorenes Jahr?

Hülkenberg: Völlig verloren ist vielleicht ein bisschen zu hart formuliert. Aber es war natürlich nicht ideal. Keine Rennen zu fahren, war schlecht, da brauche ich nicht drum herum zu reden. Ein nahtloser Übergang von 2010 über 2011 zu 2012 hätte mir als Fahrer natürlich viel mehr gebracht als das, was ich stattdessen gemacht habe. Aber nach den ersten beiden Rennen bin ich zuversichtlich, dass die Pause nicht allzu viel Schaden angerichtet hat.

SPOX: Glauben Sie, durch die Zwangspause auch etwas gelernt zu haben?

Hülkenberg: Man lernt immer etwas, schließlich bin ich ja erst 24 Jahre alt. Ich habe zum Beispiel die meisten Rennen am Kommandostand des Teams verbracht und so auch einmal die andere Seite kennen gelernt. Ich habe gesehen, wie die Ingenieure auf das reagieren, was die Fahrer während des Rennens über Funk sagen. Ob mich das jetzt aber weiterbringen wird, kann ich nicht sagen. Schneller machen wird es mich bestimmt nicht.

SPOX: Ist die bitterste Erkenntnis aus dem Jahr 2011, dass fahrerische Leistung in der Formel 1 nicht alles ist?

Hülkenberg: Das kann man so sagen, wenn man will. Aber ich will über diese Zeit eigentlich nicht mehr reden, sondern sie hinter mir lassen.

SPOX: Gibt es eine Lehre, die Sie für sich persönlich gezogen haben?

Hülkenberg: Ich weiß nicht. Vielleicht die Dinge mehr mit Vorsicht zu genießen.

SPOX: Sie managen sich seit vergangenem Jahr selbst und arbeiten nicht mehr mit Willi Weber zusammen. Warum?

Hülkenberg: Das war ein Mix aus verschiedenen Gründen, warum ich mich von Willi Weber getrennt habe. Jetzt mache ich es erst einmal ohne neues Management. Klar habe ich Helfer, denn ich kann nicht alles alleine machen, gerade, wenn ich fahre. Es läuft im Moment ganz gut. Ich habe mir aber nicht Sebastian Vettel oder Nico Rosberg als Vorbilder genommen und arbeite deshalb ohne Manager.

SPOX: Welches Saisonziel gibt denn der Manager Hülkenberg für den Fahrer Hülkenberg aus?

Hülkenberg: Zu allererst ist das Ziel, die Zeit im Auto zu genießen. Die weiß man nach einem Jahr Pause nämlich deutlich mehr zu schätzen als zuvor. Aber natürlich geht es auch um Leistung und darum, die zu optimieren. Ich will einfach an jedem Rennwochenende das meiste aus mir, dem Auto und dem Team herausholen, dann bin ich zufrieden.

SPOX: Wie verfolgt ein gebranntes Kind wie Sie Meldungen über finanzielle Probleme Ihres Teamchefs Vijay Mallya mit seiner Fluglinie Kingfisher?

Hülkenberg: Das bekomme ich natürlich mit. Danach werden auch Fragen gestellt, vor allem, wenn wir in Indien sind. Aber soweit ich sehen kann, hat das bis jetzt keinen Einfluss auf das Formel-1-Team gehabt. In alles weitere habe ich keinen Einblick. Da müsste man eher das Management des Teams fragen.

SPOX: Zum Schluss noch etwas Heiteres. Sie haben via Twitter Ihre Fans in den April geschickt, indem Sie mitgeteilt haben, kein Visum für China bekommen zu haben und daher beim nächsten Rennen nicht starten zu können.

Hülkenberg: (lacht) Darauf sind auch ein paar Medien reingefallen.

SPOX: Welche Rolle spielt Social Media für Sie?

Hülkenberg: Das ist das neue Zeitalter. Und es ist vor allem schön für die Fans, die dadurch eine viel größere Nähe zu den Sportlern haben als früher. Ich selbst war zu Beginn kein großer Fan, aber ich werde langsam damit warm und - es gefällt mir. (lacht)

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Interview: Alexander Mey

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