Vettel produziert massenweise Verlierer

Die vernichtend Geschlagenen

Von Alexander Mey
Dienstag, 27.09.2011 | 11:02 Uhr
Drei Vettel-Opfer: Fernando Alonso, Lewis Hamilton und Mark Webber (v.l.)
© xpb
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Während Sebastian Vettel einsam seine Kreise in Richtung Titelverteidigung zieht, fragen sich die vernichtend geschlagenen Gegner Mark Webber, McLaren und Ferrari, was eigentlich schief gelaufen ist. Und wie es 2012 besser wird.

Es mag Zufall sein, dass ausgerechnet am Wochenende des 99-prozentigen Titelgewinns von Sebastian Vettel seine beiden Verfolger Mark Webber und Lewis Hamilton für die größten Negativschlagzeilen gesorgt haben, aber es sagt auf der anderen Seite auch etwas über die Saison aus.

Webber und Hamilton sind nämlich im Pulk der vernichtend Geschlagenen die größten Verlierer. Ihnen hat Vettel nämlich fahrerisch den Zahn gezogen. Aber den großen Teams Ferrari und McLaren ging es im Vergleich mit Red Bull auch nicht besser.

Denn während Vettel in der Fahrerwertung mindestens 124 Punkte vor dem Rest des Feldes thront, hat Red Bull bei den Konstrukteuren sogar ein noch viel größeres Polster. McLaren liegt als Zweiter 138 Zähler zurück, Ferrari als Dritter sage und schreibe 223 Zähler.

Verlierer 1: Mark Webber

Schon seit Wochen, fast Monaten, rollt der Australier nur noch genervt mit den Augen, wenn er nach seinem Teamkollegen gefragt wird. "Er ist toll, er ist wunderbar, ich liebe ihn", spottete er am Wochenende in Singapur ins "Sky"-Mikrofon.

Seine verbale Entgleisung, als er am Donnerstag einen Journalisten als "verdammten Wichser" beschimpfte, war der Höhepunkt seines Frustes.

Nicht zu entschuldigen, aber nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass Webber bis zum letzten Rennen der vergangenen Saison gute Titelchancen hatte, bevor ihm Vettel erst diese zunichte machte und ihn dann 2011 Wochenende für Wochenende demütigte. Vettel holte elf Pole-Positions, Webber nur drei. Vettel gewann neun Rennen, Webber kein einziges. Stattdessen schlug er sich mit Gegnern herum, deren Autos seinem klar unterlegen waren.

Erklärungen? Gibt es. Webber kam im Gegensatz zu Vettel nicht von Anfang an mit den neuen Pirelli-Reifen zurecht. Daraus entwickelte sich ein Teufelskreis. Im Qualifying war er zu langsam, weil er die Pneus nicht auf Temperatur bekam, im Rennen nutzten die Gummis zu schnell ab, weil er sie in Zweikämpfen zu hart ran nahm.

Erschwerend kam auch noch hinzu, dass Webber das Starten verlernt zu haben scheint. "Ich bin in dieser Saison zu oft zurückgefallen. Ich kann aus irgendeinem Grund nicht so gut starten wie im vergangenen Jahr. Sich dann immer wieder durchs Feld nach vorne zu kämpfen, ist sehr riskant", sagt Webber. "Das werde ich mir aber ansehen und definitiv verbessern."

Gelingt ihm das und trifft zudem seine Hoffnung zu, dass er sich an die Reifen mittlerweile gewöhnt hat und sich diese 2012 nicht stark verändern, dann sollte er wieder dichter an Vettel dran sein.

Ob er ihn regelmäßig schlagen kann, ist eine ganz andere Frage. Denn eins ist auch klar: Diese verheerende Niederlagenserie 2011 bekommt er nicht so schnell aus dem Kopf.

Verlierer 2: McLaren

Von den beiden Piloten muss sich nur Hamilton als Verlierer fühlen. Jenson Button nicht, denn immerhin ist er als letzter Vettel-Verfolger noch theoretisch im Titelrennen. Button fährt bärenstarke bis grundsolide Rennen und bringt fast immer die Punkte nach Hause, die möglich sind. Zwei Siege und acht Podestplätze sind der verdiente Lohn.

Hamilton hingegen hat sich fahrerisch zurückentwickelt. Sicher kann man über die eine oder andere seiner fragwürdigen Aktionen auf der Strecke geteilter Meinung sein, aber unter dem Strich macht er zu viele Fehler, er lernt nicht aus seinen Fehlern und er gibt in der Öffentlichkeit kein gutes Bild ab. Das hat nicht zuletzt sein Unfall mit Felipe Massa in Singapur gezeigt. Hamilton ist nicht mehr der Leader bei McLaren, das ist Button. Er ist die Nummer eins. Wer hätte das bei seinem Wechsel zur Saison 2010 gedacht?

Bleibt das Problem, dass das Auto zu selten gut genug war, um Red Bull herauszufordern. McLarens Kardinalproblem in der Saisonvorbereitung war der angeblasene Diffusor. Sämtliche eigenen Konzepte funktionierten nicht, was zu katastrophalen Ergebnissen bei den Wintertests führte. Die wundersame Wiedergeburt zum Saisonauftakt war zu großen Teilen auf einen Nachbau des Red-Bull-Diffusors zurückzuführen.

Nur ist ein Nachbau nie so gut wie das Original. Red-Bull-Technikchef Adrian Newey hat das ganze Auto auf dieses Konzept hin konstruiert, hat das Heck angehoben und das Auto nach vorne abfallen lassen. All das war natürlich nicht auf die Schnelle nachzubauen.

Dazu kamen noch ungewohnte Probleme mit der Höchstgeschwindigkeit, weil McLaren nicht in der Lage war, einen effizienten verstellbaren Heckflügel zu konstruieren. Immerhin kam das Auto mit den Pirelli-Reifen gut klar, was letztlich zu dem großen Vorsprung auf Ferrari in der Konstrukteurs-WM führte.

Aber Platz zwei hinter Red Bull ist nichts, worüber sich Hamilton und Button freuen könnten. "Wer will schon Zweiter werden?", sagt Button und stellt fest. "Wir haben in diesem Jahr zu viele Fehler gemacht und unser Potenzial an den Rennwochenenden zu selten umgesetzt."

Das soll sich 2012 ändern. Dafür will McLaren nicht noch eine Revolution wie in diesem Jahr riskieren, sondern auf eine Evolution setzen. "Wir sind fest entschlossen, die kommende Saison mit einem schnellen und zuverlässigen Auto zu beginnen", sagte Managing Director Jonathan Neale.

Verlierer 3: Ferrari

Zu den Fahrern gibt es bei der Scuderia nicht viel zu sagen. Felipe Massa als Verlierer zu bezeichnen, würde implizieren, dass er jemals als ernsthafter Konkurrent von Vettel gegolten hätte. Hat er nicht. Er ist die einzige lupenreine Nummer zwei in einem der Top-Teams, das, was Webber bei Red Bull auf keinen Fall werden will.

Platzhirsch Fernando Alonso ist keine perfekte, aber eine gute Saison gefahren. An ihm liegt es sicher nicht, dass Ferrari auf verlorenem Posten kämpft. Aber er ist geduldig geworden und greift die Scuderia nicht öffentlich an. Ein besonnener und gereifter Teamplayer - zumindest nach außen.

Dabei hätte er Grund genug gehabt, heftig auf den Tisch zu hauen. Schließlich war Ferraris Saison schon gelaufen, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Der Windkanal hatte falsche Daten geliefert und damit die Entwicklung des Autos weit zurückgeworfen.

"Du hörst im Februar immer, dass alles okay ist und stellst dann im ersten Rennen fest, dass du 1,4 Sekunden zu langsam bist. Das war inakzeptabel und schockierend", erinnert sich Teamchef Stefano Domenicali.

Zwar hatte Ferrari die Ressourcen, ein riesiges Update nach dem nächsten ans Auto zu bringen, was in Silverstone auch endlich zum ersehnten Sieg führte, aber das Grundübel des 2011er Autos konnten sie nicht in den Griff bekommen.

Das Auto war aerodynamisch nie so ausgereift wie der Red Bull und kam zudem mit kühlem Wetter und harten Reifen nie zurecht. Das Fenster, in dem der Ferrari perfekt funktioniert und siegfähig ist, ist viel zu klein.

"Letztlich hängt alles von der Aerodynamik ab. Wenn du das Auto eine Sekunde schneller machen kannst, dann werden auch die Reifen funktionieren. Dann fährst du eine Pole-Position nach der anderen und einen Sieg nach dem anderen heraus", resümierte Alonso nüchtern.

Immerhin wäre für ihn der Titel des Vize-Weltmeisters noch ein lohnendes Saisonziel. Da hält sich der Rückstand auf Button in Grenzen. Er beträgt genau einen Punkt.

2012 wird er aber vielleicht nicht mehr so still sein, sollte es erneut nicht laufen. Wird es aber, davon sind die Bosse überzeugt. "Wir bilden gerade die Basis für eine unschlagbare Struktur", erklärte Teamchef Domenicali schon vor einigen Wochen.

Mittlerweile hat er schon das neue Modell für 2012 in Augenschein nehmen können und schwärmt: "Ich habe 'wow' gesagt, als ich es zum ersten Mal gesehen habe. Denn wir haben die Design-Philosophie verändert. Wird es besser sein als das aktuelle Auto? Es muss! Zu einhundert Prozent!"

Ist Red Bull 2012 überhaupt zu überholen?

Die große Frage wird sein, ob alle Verbesserungen reichen werden, um Red Bull mit seinem von allen Konkurrenten geneideten Superhirn Adrian Newey, seinen finanziellen Ressourcen und der überragenden Basis des RB7 zu überholen.

"Das Team hat aus dem vergangenen Jahr eine Menge Lektionen gelernt und ist als Einheit stärker geworden", sagt Teamchef Christian Horner. "Das betrifft das Team an der Strecke, das Team in der Fabrik und auch die Fahrer. Alles, was wir gelernt haben, wird sich im kommenden Jahr auszahlen."

Sebastian Vettel wird es gerne hören, seine Gegner nicht.

Stand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM

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