Freitag, 07.03.2008

BMW-Teamchef Theissen exklusiv

"Das ist keine Flickschusterei"

München - Der neue BMW-Sauber ist auffällig. Das futuristische Geweih auf der Nase des Autos sorgte von Testbeginn an für Aufsehen. Die Rundenzeiten allerdings nicht.

bmw-sauber, bmw, kubica
© xpb

"Wir waren von der ersten Performance negativ überrascht", gibt BMW-Motorsportchef Mario Theissen im SPOX.com-Interview die anfängliche Schwäche des großen Hoffnungsträgers zu. Mit diesem Auto soll 2008 der erste Sieg her, doch dazu bedarf es noch erheblicher Leistungssprünge.

Hat sich der Schock über die Schwäche des Autos gelegt? Wo steht BMW-Sauber wenige Tage vor dem Saisonstart in Melbourne? Ist die auffällige Frontpartie des Autos ein Kunstgriff oder Flickschusterei?

Auf all diese Fragen gibt Theissen Antworten und spricht außerdem über schlechte Omen, die Angst vor kritischen Fragen und die Rückkehr des "Boost Buttons".

SPOX: Glauben Sie an schlechte Omen?

Mario Theissen: Nein. Wieso?

SPOX: Auch 2004 startete BMW mit Williams zusammen mit einer kuriosen Nase, der so genannten "Rochennase". Auch damals hatte das Team die Startnummern 3 und 4. Die Saison verlief schlecht.

Theissen: Damals hatten wir nur eine kuriose Nase. Diesmal haben wir einen starken Frontflügel, das ist etwas ganz anderes.

SPOX: Äußerlich ist das neue Auto spektakulär, vor allem dank des geweihartigen Flügels auf der Nase. Was bringt das?

Theissen: Der Flügel war schon den ganzen Winter über Teil der Entwicklung und damit auch Teil eines aerodynamischen Gesamtkonzepts. Man kann also nicht sagen, dieser Flügel bringt genau das und das. Es würde auch nichts nutzen, diesen Flügel einfach auf ein anderes Auto zu schrauben.

SPOX: Der neue BMW sieht mit seinen vielen Zusatzflügeln ein wenig nach Flickschusterei aus. Wäre es nicht besser gewesen, ein Auto aus einem Guss zu bauen?

Theissen: Diese Regel mit dem Auto aus einem Guss stimmt nicht. Natürlich versucht jeder, schon die Grundform des Autos möglichst gut zu machen. Aber jeder weitere Flügel ist eine Verbesserung, sonst würde man ihn nicht anbauen. Das ist keine Flickschusterei sondern das Ausreizen des Reglements.

BMW-Motorsportdirekter Mario Theissen
BMW-Motorsportdirekter Mario Theissen
© Getty

SPOX: Sie haben die letzten Testfahrten in Barcelona verpasst. Haben Sie schon genug vom Auto gesehen?

Theissen: Ich würde gerne mehr sehen, aber ich habe auch noch andere Dinge zu tun. Ich bin aber ganz gut verdrahtet und kann von München aus einschätzen, wie es läuft.

SPOX: Überlassen Sie das Team ruhigen Gewissens sich selbst?

Theissen: Mit völlig ruhigem Gewissen, denn wir haben über den Winter einen großen Sprung gemacht. Jetzt läuft die Feinabstimmung des neuen Autos. Natürlich will man immer noch schneller vorankommen, aber ich glaube, was unsere Leute in den vergangenen Wochen geschafft haben, kann sich sehen lassen.

SPOX: Wie groß ist nach dem schwachen Start die Erleichterung?

Theissen: Es stimmt, dass das Auto zu Beginn der Wintertests schlechter war als erwartet. Da freut es einen natürlich zu sehen, dass es Woche für Woche aufwärts geht.

SPOX: Dabei waren Sie doch schon beim Launch so extrem zuversichtlich. Es sah aus als sei BMW ein großer Wurf gelungen. Doch dann kam die Ernüchterung.

Theissen: Diese Ernüchterung war bei den Fahrern größer als bei den Ingenieuren. Die Fahrer haben die aktuelle Performance gesehen und nicht das Potenzial, das im Auto steckt. Bei den Ingenieuren habe ich eher eine kreative und motivierte Unruhe festgestellt. Und in der Tat haben wir in den vergangenen Wochen im Wechselspiel aus Streckentests und Simulationen eine Menge gelernt. Wir hatten uns bewusst zu einem großen Konzeptsprung entschieden, denn um die Teams vor uns einholen zu können, mussten wir etwas schaffen, das sie nicht erreichen. Das ging nur mit einem aggressiven Konzept.

SPOX: Bei dem Sie damit gerechnet haben, dass es anfangs Probleme gibt.

Theissen: Auch wir Techniker waren von der ersten Performance negativ überrascht. 2007 war unser Auto schließlich aus dem Stand sehr schnell. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein Auto mit viel Potenzial am Anfang schwieriger zu beherrschen ist als ein gutmütiges Auto, dessen Limit sehr viel schneller erreicht ist.

SPOX: Zu Testbeginn ging es für BMW-Sauber zum ersten Mal in der Teamgeschichte nicht steil aufwärts. Mussten Sie sich an die folgende Kritik erst wieder gewöhnen?

Theissen (lacht): Nein. Ich habe immer kritische Fragen gehört, auch wenn sie nicht immer berechtigt waren.

SPOX: Diesmal waren sie aber berechtigt.

Theissen: Ja, klar.

SPOX: Haben Sie sich durch die hohen Zielsetzungen selbst in ein Dilemma gebracht?

Theissen: Ich weiß nicht, ob wir es mit bescheidenen Zielen leichter gehabt hätten. In der Öffentlichkeit vielleicht, aber der Druck kommt nicht nur von außen sondern von innen. Wir wollen nach vorne und haben vor zwei Jahren den Anspruch formuliert, im dritten Jahr unseren ersten Sieg einzufahren. Von diesem Anspruch wollen wir uns nicht verabschieden.

SPOX: Sind Sie geschockt über die scheinbare Übermacht von Ferrari?

Theissen: Überhaupt nicht. Sie sind gut unterwegs, aber ich habe nicht den Eindruck, dass es einen Klassenunterschied gibt.

SPOX: Wo genau steht BMW-Sauber vor dem ersten Rennen in Australien?

Theissen: Genau kann ich das noch nicht sagen. Ich erwarte, dass Ferrari und McLaren auch in diesem Jahr wieder den Ton angeben. Daran müssen wir uns orientieren. Auch Renault wird nicht noch einmal so ein schwaches Jahr hinlegen wie 2007. In diesem Konzert müssen wir das richtige Instrument spielen.

SPOX: 2009 kommt der Hybrid-Antrieb in die Formel 1. Gespeicherte Energie soll zurück gewonnen werden. Erklären Sie das Konzept.

Theissen: Das ist eine riesige und äußerst attraktive Herausforderung für die Techniker. Wir stehen an der Schwelle von einem konventionellen Paket aus Motor und einem unabhängigen Getriebe zu einem integrierten Antrieb. Der besteht aus einem Verbrennungsmotor, einer elektrischen Motor-Generator-Einheit, einem Energiespeicher, der Steuerelektronik und dem Getriebe. Das ist hochkomplex, hat aber das Potenzial, entweder mehr PS oder weniger Benzinverbrauch zu bewirken. Das Tolle an diesem Weg ist, dass er genau in die Richtung geht, den auch die Entwicklung bei Serienfahrzeugen nimmt. Hier kann die Formel 1 Vorreiter für die Serienfahrzeuge werden.

SPOX: Macht ab 2009 der Hersteller dieses Antriebs den Unterschied?

Theissen: Wir werden auf jeden Fall größere Unterschiede sehen. Man muss auch sagen, dass der Einsatz eines solchen Systems keine Vorschrift ist. Wir werden es einsetzen, weil wir uns davon Vorteile in der Rundenzeit versprechen. Es gibt aber auch einen Gewichtsnachteil. Von daher ist es gut möglich, dass wir auch konventionelle Autos im Starterfeld sehen werden.

SPOX: Werden es alle Top-Teams einsetzen?

Theissen: Ich glaube schon.

SPOX: Gibt es die Rückkehr des "Boost Buttons"?

Theissen: Wir werden die Möglichkeit haben, den Energiespeicher einmal pro Runde komplett zu entleeren. Das bringt natürlich durch die Extra-PS einen Boost-Effekt, der beim Überholen helfen kann.

Interview: Alexander Mey

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