Fussball

"Bin von der Kurve auf den Platz gewechselt"

Knoflach ist seit der Winterpause Rapids neue Nummer eins

Im Sommer hätte Tobias Knoflach den SK Rapid Wien beinahe verlassen. Ein halbes Jahr später kürte ihn Damir Canadi zur neuen Nummer eins bei den Hütteldorfern. Für den 23-Jährigen ging damit ein Traum in Erfüllung. Bei SPOX erzählt der Erzrapidler sein Märchen. Zudem spricht er über den intensiven Kontakt zu den Fans und die Beziehung zu Torwarttrainer Helge Payer.

SPOX: Folgendes Zitat von Alfred Körner steht auf Ihrer Facebook-Seite: "Wenn du dir das Rapid-Trikot anziehst, spielst du nicht für einen Verein. Du spielst für eine Gemeinschaft und eine Sache." Was bedeutet Ihnen Rapid?

Tobias Knoflach: Der Klub hat einen unglaublichen Stellenwert für mich. Ich war früher immer mit meinem Vater im Hanappi-Stadion und habe den Verein mein Leben lang begleitet. Kurz vor meinen 17. Geburtstag, als ich von der Vienna nach Hütteldorf gewechselt bin, hat sich das Ganze noch einmal intensiviert.

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SPOX: Es heißt, Sie wären in Ihrer Jugend selbst im Block West gestanden. Ist das richtig?

Knoflach: Das stimmt. Als ich zu Rapid kam, hat mich das ganze Umfeld angesteckt. Ich habe nicht nur die Heimspiele im Stadion verfolgt, sondern bin auch zu den Auswärtspartien mitgefahren, soweit es meine Tätigkeit bei Rapid II zugelassen hat. Man kann sagen, dass ich von der Kurve auf den Platz gewechselt bin. Ich kenne viele Leute aus dem Block. Für sie ist der Verein alles. Daher weiß ich auch als Spieler, wie es den Fans geht, wenn wir verlieren. Für sie ist es das Größte, Rapid siegen zu sehen.

SPOX: Ihre Kurven-Erfahrung haben Sie schon öfter als Vorsänger der Mannschaft unter Beweis gestellt - beispielsweise im Flugzeug am Rückweg aus Amsterdam, als ihr Ajax in der Champions-League-Qualifikation besiegt habt. Sind Sie der Stimmungsmacher in der Kabine?

Knoflach: (lacht) Wenn wir Siege feiern, bin ich schon der, der im Kreis das "Zicke-Zacke" anstimmt.

SPOX: Es klingt schon fast nach einem Märchen, dass Sie jetzt Rapids neue Nummer eins sind.

Knoflach: Das ist Fußballromantik pur. Ich lebe einen Traum. Jede Minute, die ich für Rapid am Platz stehe, weiß ich zu schätzen - insbesondere weil mir bewusst ist, wie viele Höhen und Tiefen ich miterlebt habe, um dort hin zu kommen. Alleine, wenn ich jemanden sagen höre, dass ich Rapids Nummer eins bin, bekomme ich Gänsehaut.

SPOX: Im Sommer hätten Sie den Verein beinahe verlassen. Wie konkret waren die Verhandlungen?

Knoflach: Ich hatte mit Geschäftsführer Sport Andreas Müller ein faires Gespräch, in dem er mir nahe gelegt hat, etwas Neues zu finden. Danach habe ich aus den Niederlanden (beim Zweitligisten Emmen, Anm.) eine Einladung zum Probetraining bekommen. Schweren Herzens bin ich dort hingefahren. Ich wusste, wenn das klappt, muss ich Rapid "Tschüss" sagen. Es war eine knappe Geschichte. Glücklicherweise ist es nicht zu Stande gekommen. Alles im Leben hat seinen Sinn. Der liebe Gott hatte mehr mit mir vor. Jetzt sitzen wir hier und die Situation ist ganz anders.

SPOX: Wie konnten Sie das Trainerteam von sich überzeugen?

Knoflach: Damir Canadi redet sehr offen mit uns. Auch mit Helge Payer (Torwarttrainer, Anm.) habe ich viele Gespräche geführt. Sie wollten mir diese Chance geben, da ich sie aufgrund meiner Trainings- und Testspielleistungen verdient habe. Kleinigkeiten haben den Unterschied gemacht. Der Trainer meinte, dass ich der Mannschaft beim Herausspielen helfe und das Spiel gut lesen kann. Ich denke, ihnen ist auch diese Leidenschaft augefallen, die ich am Platz zeige.

SPOX: Mit 1,83 m sind Sie ein relativ kleingewachsener Goalie. Welche Rolle spielt die Größe für die Qualität eines Torhüters?

Knoflach: Es gibt nur gute oder schlechte Torhüter, keine großen oder kleinen. Ich versuche, viele Situationen schon zu entschärfen, bevor es gefährlich wird. Man muss früh antizipieren. Dazu ist das richtige Timing wichtig. Die Größe wird mir bei Torhütern zu sehr zum Thema gemacht. Es gibt viele, kleinere Goalies, die Weltklasse sind. Durch meine Leistungen will ich beweisen, dass man als Torhüter keine Gardemaße mitbringen muss.

SPOX: Auch Ihr Torwarttrainer Payer gehörte nicht zu den größten Goalies. Wie lange kennen Sie ihn schon?

Knoflach: Mit 17 Jahren durfte ich ins Training der Kampfmannschaft hineinschnuppern. So kamen wir erstmals persönlich in Kontakt. Nach seiner Karriere hat Helge die Rapid-Torhüter stets im Auge behalten. In dieser Zeit hat er sich immer wieder nach meinem Befinden erkundigt. Also kennen wir uns nun schon fünf, sechs Jahre.

SPOX: War das ein Vorteil im Kampf um die Nummer eins?

Knoflach: Nein. Das hat gar nichts mit dem zu tun. Ein Torwarttrainer schaut auf die Leistungen seiner Schützlinge. Es wäre den anderen gegenüber unfair, wenn er sich für mich entschieden hätte, weil wir uns länger kennen.

SPOX: Wie ist Ihr Verhältnis zu Richard Strebinger?

Knoflach: Wir sind Konkurrenten, aber vor allem Kollegen. Jeder von uns will spielen. Wäre es nicht so, würde etwas falsch laufen. Wir liefern uns in jedem Training einen Konkurrenzkampf, im Umgang miteinander pflegen wir auf professioneller Ebene ein gutes Verhältnis.

SPOX: In Ihrer Karriere haben Sie auch schon für Negativ-Schlagzeilen gesorgt, als Sie 2015 in eine Disco-Schlägerei verwickelt waren. Wie gehen Sie damit um?

Knoflach: Ich habe mir in der Vergangenheit mit einigen Aktionen das Leben schwer gemacht. Gewisse Sachen, die ich mir geleistet habe, werden sicher nie wieder passieren. Ich bin ruhiger geworden und habe viel daraus gelernt. Wenn man will, kann man diesen Reifeprozess ohne Probleme schaffen. Natürlich tut mir leid, was damals passiert ist, aber ich schaue nach vorne und nehme aus der Vergangenheit nur das Positive mit.

SPOX: Sie sind auf Facebook sehr aktiv und suchen den Kontakt mit den Anhängern. Wie wichtig sind die Fans für Rapid?

Knoflach: Ich schreibe die Social-Media-Beiträge selbst. Auf diesen persönlichen Kontakt lege ich großen Wert. Die Fans haben verdient, dass die Botschafen vom Spieler kommen und nicht von irgendeinem Berater. Ohne unsere unglaublichen Anhänger wäre Rapid nur die Hälfte wert.

SPOX: Der hohe Stellenwert der Fans bei Rapid hat manchmal auch seine Nachteile. In der Causa um Maximilian Entrup sollen Mitglieder des Block Wests sogar in der Kabine aufgetaucht sein, um zu intervenieren. Heißen Sie soetwas gut?

Knoflach: Das kann ich nicht beurteilen, weil ich zu dem Zeitpunkt krank gewesen bin. Diese Fragen müssen andere Leute beantworten. Das sind keine Themen, die mich oder den Rest der Mannschaft beeinflussen sollten. Wir müssen auf uns schauen. Jeder weiß, wie viel Kraft uns die Fans geben.

SPOX: Der Start in die Frühjahrssaison verlief mit zwei Unentschieden nicht optimal. Was macht Sie dennoch zuversichtlich?

Knoflach: Ich bin überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Das sieht man auch an den Video-Analysen. In den beiden Spielen waren viele Sachen dabei, die andere Leute gar nicht sehen, auf denen wir aber aufbauen können. Wir wissen, dass wir im letzten Drittel schneller den Abschluss suchen müssen. Was von medialer Seite dazu geschrieben wird, interessiert uns als Mannschaft nicht. Ich bin überzeugt, dass wir noch viele Punkte machen werden.

SPOX: Wenn man das Märchen weiterträumt, das Sie hinter sich haben - wie soll es weitergehen?

Knoflach: Mit vielen Siegen im Frühjahr. Wir müssen das Positive aus jedem Spiel herausnehmen und die negativen Dinge besprechen, aber danach zur Seite schieben. Ich persönlich will natürlich alles tun, um weiterhin regelmäßig im Rapid-Tor zu stehen. Das ist mein Traum, für den ich jeden Tag alles gebe. Ich darf mich jetzt nicht zurücklehnen, sondern muss weiter hart an mir arbeiten. Für mich würde es nichts Schöneres geben, als langfristig die Nummer eins bei Rapid zu sein.

SPOX: Zuletzt machten immer wieder Gerüchte über einen Transfer von Andreas Lukse die Runde. Wie denken Sie darüber?

Knoflach: Das ist nicht mein Kaffee. Ich muss schauen, dass ich von Spiel zu Spiel meine Leistungen bringe. Den Rest müssen andere Personen entscheiden.

Steckbrief von Tobias Knoflach

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