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NFL

Kontrolliertes Chaos und designte Shots: So kreieren Offenses Big Plays

Wie kreieren NFL-Teams in dieser Saison Big Plays? SPOX geht in die Analyse.

Zwei Wochen sind vorüber, die NFL-Saison ist in vollem Gange - und erste Trends sind erkennbar. Defenses stellen sich zunehmend um, doch Offenses finden andere Ansätze. Mal im kontrollierten Chaos, mal im gezielten Isolieren von Matchups. Worauf müssen Defenses derzeit besonders achten?

Auch in der modernen NFL gilt: Big Plays sind Trumpf!

Laut einer PFF-Studie im Zeitraum von 2016 bis einschließlich 2020 besteht bei Drives, bei denen die Offense kein einzelnes Play über mindestens zehn Yards schafft, eine um zehn Prozent niedrigere Wahrscheinlichkeit, dass der Drive in einem Touchdown endet.

Letztes Jahr hatten nur drei Teams eine durchschnittliche Target-Tiefe - also wie weit der Ball im Schnitt geworfen wird - von weniger als sieben Yards, zehn hatte eine von neun Yards oder mehr. Über die ersten beiden Spiele - in der zugegebenermaßen kleineren Sample Size - haben elf Quarterbacks eine Target-Tiefe von mindestens neun Yards, vier (Wilson, Brady, Lawrence, Allen) liegen sogar jenseits der zehn Yards.

Für mehrere Jahre waren dabei vor allem tiefe Play-Action-Crosser und generell Shot Plays aus Play Action das Nummer-1-Mittel, um Big Plays zu erzielen - das ist ein maßgeblicher Grund dafür, dass die von den Seahawks einst so dominant gespielten Single-High-Defenses, also ein tiefer Safety, zunehmend seltener gespielt werden: Teams konnten den tiefen Safety zu sehr mit etwa tiefen Over-Routes vor und einer Post hinter ihm in unmögliche Situationen bringen.

Ohne einen herausragenden Free Safety waren Defenses zu anfällig im vertikalen Passspiel. Das konnte man auch bei jenen Seahawks beispielhaft beobachten, wenn Seattle mal auf Earl Thomas verzichten musste. Eine ganz prägende Phase war dann der Saison-Schlussspurt der Los Angeles Rams 2018, als L.A. zunächst die Liga komplett mit einer vertikalen Play-Action-Offense zerlegte - ehe Vic Fangios Bears-Defense mit viel 2-High-Strukturen die Shot Plays vor allem bei Early Down eliminierte.

Diese Taktik setzte sich durch, auch Belichick nutzte Elemente davon im Super Bowl gegen die Rams und erstickte die erst wenige Wochen zuvor scheinbar nicht zu stoppende Offense ebenfalls komplett.

Aus Fangios "Lehre" ging dann auch Brandon Staley hervor, der eine nochmals leicht angepasste Variante dieser Defense letztes Jahr bei den Rams spielen ließ - und die beste Defense der Liga aufs Feld zauberte. Getrieben von zwei der dominantesten Verteidiger der Liga in Aaron Donald und Jalen Ramsey konnten die Rams mit ihren Safety-Rotationen den Run trotz konstant leichter Box stoppen, und gleichzeitig auch Big Plays im Passspiel verhindern.

Es erfordert immense Geduld, gegen diese Art Defense zu spielen; das Spiel der Packers gegen Detroit am Montagabend war ein Musterbeispiel dafür. Die Lions saßen sehr lange mit zwei Safeties tief, sodass Aaron Rodgers immer wieder den kurzen Pass suchen und seinem Run Game vertrauen musste. Defenses fordern Offense so heraus, lange Drives mit wenig Spielraum für Fehler hinzulegen. Und Offenses müssen Wege finden, trotzdem vertikal zu attackieren.

Wie attackieren Teams tief? Wenn Safeties zum Opfer werden

Ein Effekt dieser vielen 2-High-Formationen ist allerdings auch, dass man anfällig für vertikale Routes aus dem Slot wird. Letzteres sind kein neues Phänomen, Teams wie die Chiefs oder auch die Seahawks nutzen das mit Spielern wie Tyreek Hill und Tyler Lockett schon seit Jahren. In Arizona wird auch Christian Kirk dieses Jahr vermehrt vertikal aus dem Slot eingesetzt, die Broncos spielen es mit K.J. Hamler ebenfalls gerne so, und es gibt weitere Beispiele.

Diese Shot Plays sind besonders effektiv, wenn man einen explosiven Slot-Receiver dann gegen die Zone Coverage tief gegen einen Safety isolieren kann. Seattle spielte das in Woche 1 gegen die Colts, die schon seit einer Weile primär eine 2-High-Defense spielen, mit großem Erfolg; gleich der erste Touchdown von Lockett war ein solches Play.

Die Seahawks erwischen hier auch das perfekte Timing, weil Indianapolis blitzt und so noch mehr Räume für Lockett bietet. Die Route-Kombination ist perfekt dagegen, der äußere Slot-Receiver beschäftigt den zweiten tiefen Safety, der Outside-Receiver hält den Corner kurz und so kann Lockett den Safety tief alleine schlagen - was ihm auch mit einem spektakulären Play gelingt.

Und es war nicht das einzige Mal in diesem Spiel, dass Seattle dieses Matchup erzwingen konnte. Nicht einmal das einzige Mal in der ersten Hälfte, denn der 69-Yard-Touchdown von Lockett kurz vor der Pause erfolgte nach einem ähnlichen Muster:

Dieses Mal ist es gegen die "klassische" Colts-Defense, wie Indianapolis sie häufig spielt - und wie man sie mehr und mehr in der NFL sieht. Zwei tiefe Safeties, dieses Mal attackiert Seattle die Safeties mit den Receivern von außen. Metcalf (unterer Bildrand) und Lockett (oben) laufen vertikale Routes, in Kombination mit kurzen Out-Routes auf beiden Seiten aus dem Slot.

Weil der Linebacker auf Locketts Seite Coverage-Verantwortungen Underneath und in der Mitte hat, muss der Outside-Corner die kurze Out-Route respektieren. Metcalf wird zwar via Safety und Outside-Corner gedoppelt, Lockett aber steht abermals tief Eins-gegen-Eins. Das ist exzellentes Kreieren von Matchups.

Mehrfach gelang es den Seahawks in diesem Spiel, und die Rams eine Woche später knüpften gegen die Colts genau da an: Auch L.A. attackierte gezielt über Slot-Receiver Cooper Kupp die Safeties.

McVay gelang das auch gegen eine Single-High-Formation - also mit nur einem Safety tief -, indem er Slot-Receiver Cooper Kupp ins Backfield stellte und ihn von da aus die Seam Route laufen ließ, welche Strong Safety Khari Willis auf den Hosenboden setzte.

Die Raiders-Offense mit der Hommage an die Chiefs

Die Las Vegas Raiders sind ebenfalls ein auffälliges Team, was das vertikale Passspiel angeht, und das bereits seit letztem Jahr. Nur Tyreek Hill fing 2020 mehr Deep-Passing-Touchdowns (Pässe, die mindestens 20 Downfield fliegen) als Nelson Agholor, und auch wenn Agholor weg ist, wirft Carr den Ball weiter tief.

Über zwei Spiele hat er bereits zwölf solcher Pässe geworfen, damit liegt er gleichauf mit Kyler Murray und Tom Brady auf dem geteilten vierten Platz. Und auffällig ist, wie sehr sich die Raiders in ihrem offensiven Playbook bei den Kansas City Chiefs bedienen.

Beide Teams haben einen gewaltigen X-Faktor: Dominante Tight Ends. Travis Kelce und auch Darren Waller sind riesige Matchup-Vorteile, sie sind beide der Motor ihrer jeweiligen Passing-Offense, und sie fangen nicht nur sehr viele Bälle - sie öffnen auch Räume.

Kansas City isoliert Kelce schon seit Jahren gerne auf einer Seite der Formation, mit drei Wide Receivern auf der anderen Seite. Das zwingt die Defense, ein Stück weit ihre Coverage zu "verraten", je nachdem, wer gegenüber Kelce steht - und dass Kelce auch sehr gute Cornerbacks Eins-gegen-Eins schlagen kann, haben nicht zuletzt die Browns und Denzel Ward in den Playoffs letztes Jahr in einer solchen Situation zu spüren bekommen.

Die Raiders kamen gegen Pittsburgh ebenfalls mit der 3x1-Formation zu ihrem Big Play des Tages, der 61-Yard-Touchdown von Henry Ruggs. Pittsburgh ist in Single-High-Coverage, auch wenn sie es Pre-Snap etwas unklar halten. Der Strong Safety Terrell Edmunds geht nach dem Snap nach vorne in die Box und übernimmt Hunter Renfrow aus dem Receiver-Bunch - das ist für sich betrachtet schon ein nettes Matchup für die Raiders.

Das Shot Play kommt aber woanders zustande: Der tiefe Safety nämlich spielt nicht wirklich einfach das Zentrum, sondern er hält sich eher auf Wallers Seite - das ist der Effekt des Elite-Tight-Ends.

Das wiederum bringt Cornerback Akhello Witherspoon (unterer Bildrand) in die undankbare Position, das gesamte Feld gegen Ruggs, einen der schnellsten Receiver in der NFL, verteidigen zu müssen. Wenig überraschend läuft Ruggs einfach an Witherspoon vorbei und fängt den tiefen Touchdown.

Matchups kreieren ist immer noch der primäre Offense-Schlüssel in der NFL, und der Elite-Tight-End ist die beste individuelle Waffe, um das zu erreichen.

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