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NFL

Die Offense der Kansas City Chiefs unter der Lupe: Eine simple Idee mit schweren Geschützen

SPOX-Redakteur Adrian Franke blickt vor Super Bowl 54 im Detail auf die Offense der Kansas City Chiefs.

Wenn die Kansas City Chiefs im Super Bowl auf die San Francisco 49ers treffen, steht ein Matchup klar im Fokus: Patrick Mahomes und die Chiefs-Offense gegen eine exzellente 49ers-Defense! Doch was macht die Chiefs-Offense eigentlich aus? SPOX-Redakteur Adrian Franke blickt im Detail auf die brandgefährliche Offense.

Den Super Bowl gibt es in der Nacht vom 2. auf den 3. Februar live auf DAZN - mit Markus Kuhn und Sebastian Vollmer im deutschen Live-Kommentar, alternativ auch im US-Originalkommentar.

Es war einer der ersten Sätze von Andy Reid, nachdem seine Kansas City Chiefs zum ersten Mal seit 50 Jahren den Super Bowl erreicht hatten.

"'Niemals sterben', das ist ihr Ding", verriet der Head Coach über sein Team, und fuhr mit einem Grinsen fort: "Ich mein - so zurück zu liegen macht es für einen alten Typen nicht leicht. Aber sie sind gut wieder zurück gekommen." Von "einigen Hochs und Tiefs" sprach er weiter, aber sein Team habe "wieder in die Spur gefunden".

Erst 0:10, dann 7:17 lagen die Chiefs gegen die Tennessee Titans im AFC Championship Game zurück, am Ende stand ein ungefährdeter 35:24-Sieg. In der Woche davor hatte Reid vermutlich deutlich mehr gelitten als die Houston Texans mit 24:0 in Führung gegangen waren und in Arrowhead ungläubige Minen langsam Pfiffen wichen.

Das Endergebnis ist bekannt, Kansas City gewann nicht nur mit 51:31, die Chiefs brachen auf dem Weg dahin auch eine Vielzahl an Offensiv-Rekorden. Die Aufholjagd gegen Houston war selbst für Chiefs-Verhältnisse außergewöhnlich; doch während etwa die in der Regular Season so groß aufspielenden Ravens nach frühem Rückstand gegen Tennessee keinen Weg zurück in die Partie fanden, ist Kansas City in dieser Hinsicht das exakte Gegenteil.

Neun Mal lagen die Chiefs in dieser Saison nach dem ersten Viertel zurück. Sieben dieser neun Spiele gewannen sie am Ende, eine der beiden Niederlagen kam in Woche 8 gegen Green Bay, als Quarterback Patrick Mahomes verletzt fehlte. Der simple Grund dafür liegt auf der Hand: Es ist die beste Passing-Offense in der NFL.

Mahomes: Elite-Quarterback plus Elite-Scheme

"Ich denke, es ist eine "niemals aufgeben"-Mentalität", ergänzte Mahomes die Aussage seines Coaches nach dem Championship Game. "Letztlich geht es darum, dass wir bei jedem Play alles geben und uns auf den Rest des Spiels fokussieren wollen. Uns ist es egal, ob wir 0:10 hinten liegen oder 10:0 führen - wir werden auf dem Feld unseren Plan umsetzen und alles dafür tun, dass wir bei jedem einzelnen Play Erfolg haben."

Mahomes selbst steht besser als jeder andere Spieler für diese Mentalität. Er fokussierte seine Mitspieler beim Stand von 0:24 gegen Houston an der Seitenlinie, zu scheinbar keinem Moment wirkte er dabei nervös oder wütend. Und auf dem Feld? Da ist Patrick Mahomes aktuell der beste Quarterback in der NFL.

Wenn man sich mit der Chiefs-Offense befasst, werden zwei Dinge offensichtlich: Mahomes' Fähigkeit, innerhalb und außerhalb der Play-Struktur Offense zu kreieren, macht die Chiefs-Offense so unfassbar gefährlich.

In Kombination mit dem, was Mahomes in puncto Play-Designs und Waffen als Grundgerüst um sich hat, produziert das eine absolute Elite-Offense. Die Mischung macht's, in dem Fall die aus einem Elite-Quarterback, einem Elite-Play-Caller und dem vermutlich besten Waffenarsenal in der NFL.

Die Offense-Philosophie von Andy Reid

Für eine Story in The Athletic hatte Autor John Middlekauff einige Coaches zu Andy Reid befragt. Am besten fasste es wohl ein anonymer Offensive Coordinator zusammen: "Was Coach Reid zu so einem guten Play-Caller macht? Er bindet sich an nichts. Run-Pass-Ratio, all dieser Kram ist ihm völlig egal. Ihm geht es darum, dass seine besten Spieler den Ball bekommen. Egal, ob per Run, per Pass, per Screen, oder wie auch immer."

Das klinge simpel, "aber so viele Coaches haben sich komplett ihrem Scheme verschrieben und wollen um jeden Preis ihre Philosophie umsetzen. Coach Reid füttert seine Playmaker. So hat er es schon immer gemacht. Und das ist ein Grund dafür, dass er so viel gewinnt."

Die besten Spieler zu möglichst großen Faktoren machen - das klingt zunächst natürlich gut und sinnvoll. Doch wie sieht das im Detail bei Kansas City aus?

Chiefs-Offense: Die Basics

Um ein paar Grundlagen der Chiefs-Offense zusammenzufassen, damit ein erstes Gefühl für diese Offense entsteht:

  • Kansas City ist primär eine 11-Personnel-Offense, das heißt: Kansas City agiert bevorzugt - in 60 Prozent der offensiven Snaps (Liga-Durchschnitt), um genau zu sein, mit einem Running Back, einem Tight End und drei Wide Receivern auf dem Feld. Daraus sind sie wenig überraschend brandgefährlich im Passspiel: Werfen die Chiefs aus 11-Personnel, machen sie das im Schnitt für 8,6 Yards - und liegen damit 1,5 Yards (!) über dem Liga-Schnitt.
  • Spielen die Chiefs nicht 11-Personnel, ist 12-Personnel - also ein Running Back, zwei Tight Ends, zwei Wide Receiver - in aller Regel die Alternative: 29 Prozent der Chiefs-Snaps kommen so. Dabei sind sie vergleichsweise sehr Pass-lastig, viele Play-Action- und Run-Pass-Option-Konzepte kommen hieraus.
  • Stichwort RPOs: Kansas City ist eines der Play-Action-lastigsten Teams der Liga, und die Chiefs haben darüber hinaus auch die fünftmeisten RPOs gespielt (71). Via RPOs hatte Mahomes in dieser Saison 469 Passing-Yards.
  • Die Chiefs sind, wie der oben eingebaute Tweet zeigt, das Pass-lastigste Team der NFL in "neutralen" Spielsituationen, und das mit weitem Abstand. Blickt man auf die Total Stats nur bei First Down, dann legt Kansas City im Schnitt pro First-Down-Pass 8,9 Yards auf - der ligaweit fünfthöchste Wert.
  • Kansas City nutzt unheimlich viel Motion, vor dem und während des Snaps. Die Chiefs sind so zusätzlich schwer zu verteidigen und kreieren so regelmäßig auch Matchups für ihre Top-Targets.
  • Das klare Top-Target ist Travis Kelce, der bislang in dieser Saison 146 Targets gesehen hat - kein anderer Chiefs-Spieler kommt auf über 100. Kelce ist der Motor in Kansas Citys Waffenarsenal, die Big Plays kommen eher über den immensen Speed, den Kansas City hat; beginnend natürlich mit Tyreek Hill und Mecole Hardman.
  • Doch gerade Hill ist keineswegs nur ein Downfield-Receiver. Laut Next Gen Stats wird er mit einer durchschnittlichen Target-Tiefe von 12,6 Yards angespielt, damit rangiert er im Umfeld von Julio Jones (12,3), Adam Thielen (12,7), oder auch Amari Cooper (12,8) etwa im Liga-Mittelfeld. Zum Vergleich: Unter Receivern mit mindestens 60 Targets steht Chargers-Receiver Mike Williams mit 17,4 Yards vor Breshad Perriman (16,1) und James Washington (15,6).
  • Dazu passt auch diese Statistik: Pro Completion verzeichnen nur zwei Quarterbacks (Tannehill, Garoppolo) mehr Yards nach dem Catch pro Completion als Mahomes (6,1).

Travis Kelce und die Bedeutung von Y-ISO

Wenn Mahomes Kelce in der Regular Season anspielte (insgesamt 130 Mal), brachte er 74,6 Prozent seiner Pässe an, bei 9,4 Yards pro Pass im Schnitt.

Eine Formation, die man im Super Bowl dabei mit Sicherheit häufig sehen wird, weil Kansas City offensiv aus Formationsaspekten wenige Dinge lieber macht, ist "Y-ISO"; der Tight End also isoliert auf einer Seite der Formation, maximal mit dem Running Back im Backfield noch auf seiner Seite, und den drei Wide Receivern auf der anderen Seite.

Auf dem Feld sieht das dann beispielsweise so aus:

Die Texans hatten mit Sicherheit nicht den besten defensiven Game Plan gegen Kansas City; vor allem hatten sie nicht die individuelle Qualität, um in Man Coverage gegen Kansas City zu überleben. Das Beispiel hier zeigt aber sehr gut exemplarisch, welche Probleme Kansas City gegnerischen Defenses bereiten will.

Zunächst einmal gibt es Patrick Mahomes einen ersten Coverage-Indikator. Verfolgt ein Safety (oder gar Linebacker) Kelce auf seinen isolierten Spot in der Formation? Das wäre ein Hinweis auf Man Coverage. Oder bleibt alternativ ein Cornerback außen bei Kelce stehen und einer der Slot-Receiver auf der anderen Seite hat etwa einen Safety gegen sich stehen? Dann kann Mahomes Richtung Zone Coverage denken.

Im nächsten Schritt kommen wir in die Grundproblematik, vor die Kansas Citys Offense eine Defense stellt: Die Chiefs haben zu viele zu gefährliche Waffen.

Wenn eine Defense etwa, wie hier in der Szene, Cover-1 spielt - also Man Coverage überall mit einem tiefen Safety und entweder einem Zone-Verteidiger Underneath, oder aber einem Double-Team irgendwo -, können die Chiefs darauf bauen, dass sich der tiefe Safety (wie auch hier) meist eher leicht auf die 3-Receiver-Seite orientieren wird. Zu groß ist die Bedrohung, von Hill oder Hardman tief geschlagen zu werden.

Und so beginnen die Gedankenspiele: Spielt die Defense ein Double-Team gegen Kelce? Dann gibt es vermutlich keinen freien Underneath-Verteidiger, und In-Breaking-Routes der schnellen Wide Receiver werden extrem gefährlich. Wird einer der Receiver gedoppelt plus Safety-Hilfe auf die Receiver-Seite? Dann hat vermutlich Kelce ein Eins-gegen-Eins und zusätzlich jede Menge Platz in der Mitte. Werden Hill und Kelce gedoppelt? Dann sind mutmaßlich zwei Wide Receiver komplett ohne defensive Hilfe Eins-gegen-Eins, plus Mahomes' Scramble-Fähigkeiten werden dann besonders ein Faktor, da kein Zone-Verteidiger zur Verfügung steht, der die Augen auf ihn gerichtet hätte.

Das hier abgebildete Play, das übrigens in einer Pass-Interference-Strafe gegen Kelces Gegenspieler endet, ist somit natürlich auch nur eine von unzähligen Route-Kombinationen, die Kansas City aus diesen Formationen spielt. Mesh-Konzepte, vertikale Konzepte, gezielte Route-Kombinationen für die Running Backs insbesondere in der Red Zone - die Chiefs sind hier sehr variabel und können Pre-Snap reagieren, je nachdem was die Defense zeigt.

Kelce der Schlüsselfaktor gegen die Cover-3?

Die 49ers sind bevorzugt eine Single-High-Defense, spielen also am liebsten mit einem tiefen Safety und dann häufig darauf aufbauend Zone Coverages, allen voran Cover-3. Cover-3 ist eine Zone Coverage und bedeutet im Kern, dass drei Verteidiger sich den tiefen Bereich des Feldes aufteilen, mit vier Coverage-Zones Underneath.

San Francisco ist dabei variabler geworden, doch insbesondere Cover-3-Elemente prägen die Defense nach wie vor: Über ein Drittel der defensiven Coverage-Snaps kamen laut PFF in Cover-3, mit Abstand der größte einzelne Anteil. Neben Cover-4 ist ansonsten Cover-1, ebenfalls eine Single-High-Variante, die sich meist schon Pre-Snap von der Zone Coverage Cover-3 unterscheiden und somit jeweils gezielt attackieren lässt, eine andere Go-To-Coverage in San Francisco.

Die hier dargestellte Szene zeigt die klassische Aufteilung in einer Cover-3, und gleichzeitig zeigt sie auch mögliche Ansatzpunkte für Kansas City. Es ist der 42-Yard-Pass auf Jimmy Graham (lila markiert), der erst kurz vor der Endzone gestoppt wurde.

Das absolute Kelce-Territorium ist in der Mitte des Feldes, wo 91 seiner 146 Targets zustande kamen. Mit dem Speed Outside öffnen sich hier Räume, und insbesondere gegen San Franciscos Cover-3 könnte das der Fall sein: Das Schlüsselwort hier lautet "Seam Route".

Eine Seam Route ist ein Laufweg, in aller Regel zwischen den Field Numbers gelaufen, deren Ziel es ist, in den Bereich zwischen zwei Coverage-Zones zu kommen. Genau das machen die Packers hier, einmal mit dem Receiver auf der linken und dann mit Graham auf der rechten Seite. Seam-Routes, Dinge wie Post-Wheel-Kombinationen um einzelne Zones zu überladen - so werden die Chiefs versuchen, zu Big Plays zu kommen.

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