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NFL

Third and Long Week 15: So explodierte die Cowboys-Offense - und was wird aus Winston?

SPOX-Redakteur Adrian Franke blickt in seiner wöchentlichen Kolumne zurück auf Woche 15 in der NFL.

Woche 15, und in seiner wöchentlichen Kolumne kommt SPOX-Redakteur Adrian Franke zu einer Entscheidung was Jameis Winston angeht. Außerdem: Wie konnten die zuletzt vor sich hin dümpelnden Cowboys die Rams-Defense so auseinander nehmen? Wie geht es mit dem Salary Cap der Cowboys weiter? Und wer wird Defensive Player of the Year?

Ihr wollt Fragen an die SPOX-NFL-Kolumne stellen? Das geht direkt hier an den Autor!

Das Enigma namens Jameis Winston

Kann man sich ein Spiel vorstellen, dass Jameis Winston innerhalb von vier Vierteln besser beschreibt als das am Sonntag in Detroit?

Zum fünften Mal in dieser Saison - NFL-Rekord - sowie zum zehnten Mal in seiner Karriere warf er eine Interception beim ersten eigenen Drive des Spiels. Er dirigierte den längsten Touchdown-Drive in der Franchise-Geschichte und übertraf, zwei Spieltage vor Saisonende, seine eigene Bestmarke was Touchdown-Pässe in einer Saison angeht.

Winstons 221 Passing-Yards im ersten Viertel waren der dritthöchste Wert für einen Quarterback über die letzten 40 Jahre; nur Peyton Manning (247/September 2004) und Jim Kelly (229/Dezember 1990) hatten mal mehr. Und: Winston ist seit Sonntag der erste Quarterback aller Zeiten mit mindestens 450 Passing-Yards und vier Touchdowns in aufeinanderfolgenden Spielen. Der Sieg über die Colts letzte Woche mit 456 Yards, vier Touchdowns und drei Picks lässt sich nahtlos als Beweismaterial in die "Wer ist Jameis Winston"-Diskussion dazu packen.

Die kurze Zusammenfassung: Es gibt Turnover - häufig auch solche, die sich absolut vermeiden lassen und nicht selten mit wiederkehrendem Muster wie etwa das Übersehen eines Spielers, der sich etwas verspätet in Underneath-Coverage zurückfallen lässt. Es gibt aber auch immer und immer wieder Big Plays. Es gibt Fumbles und Sacks, die die Top-Quarterbacks in der Liga einfach nicht kassieren. Und es gibt Big Plays und Pässe, die umgekehrt wiederum nur sehr wenige Quarterbacks in der Liga auflegen. Umso weniger Woche für Woche.

Und Woche für Woche gilt auch, dass ich von Euch die Winston-Fragen bekomme; diese Woche ist da keine Ausnahme. Der Kern: Was sollen die Buccaneers mit Winston machen? Aktuell spielt er noch unter der Fifth-Year-Option, sein Vertrag läuft also im Frühjahr aus. Sollte Tampa ihm einen neuen Vertrag geben? Mit dem Franchise Tag für rund 27 Millionen Dollar für ein Jahr mehr Zeit erkaufen? Oder Winston gehen lassen und einen Neustart auf der Position ausprobieren?

Was sollen die Buccaneers mit Jameis Winston machen?

Ich selbst muss hier ganz offen zugeben, dass sich meine Meinung zu Winston allein innerhalb der laufenden Saison mehrfach geändert hat. Vor Saisonstart war ich extrem optimistisch, vor nicht allzu langer Zeit war mein Standpunkt, dass Tampa dieses Spiel nicht mehr mitspielen kann und sich nach einer Alternative umschauen muss - und dass vielleicht auch Winston selbst anderswo einen Neustart gebrauchen könnte.

Mittlerweile bin ich der Meinung, dass man mit Winston noch weitermachen sollte. Zumindest für ein Jahr. Das kann über den Franchise Tag gehen, es könnte auch über ein Konstrukt wie einen Dreijahresvertrag gehen, aus dem man nach dem ersten Jahr halbwegs günstig wieder raus kommt.

Die Winston-Debatte legt zu einem gewissen Grad wunderbar offen, wie Leute über Football denken - und das ist überhaupt nicht wertend, sondern nur beobachtend gemeint. Manche sehen eine bessere Chance darin, um einen konservativeren Quarterback, der wenige gravierende Fehler (= Turnover) machen, aber auch weniger individuelle Big Plays kreieren wird, um ideale Umstände zu kreieren. Wenn man eben einem Alex Smith oder einem Derek Carr eine gute Offensive Line, gute Receiver und ein gutes Scheme gibt, kann das Gesamtkonstrukt weit gehen.

Andere wiederum - und das ist, so scheint es mir, die relativ deutliche Minderheit - sehen in einem Quarterback wie Winston den Fall eines Spielers, bei dem trotz allem das Positive überwiegt. Platt formuliert: Man nimmt die Turnover in Kauf, weil Winston diese mit seinen Big Plays nicht nur ausgleicht, sondern in der Endabrechnung die positive Waagschale schwerer ist.

Höhere Hochs und tiefere Tiefs - in der Summe ähnlich?

Die Gesamtsumme ist gewissermaßen höher als bei einem Quarterback wie Jacoby Brissett, der zwar deutlich weniger Fehler macht, aber auch deutlich weniger Big Plays kreiert. Das ist ein Grund dafür, dass Winston in Total Quarterback Rating dieses Jahr (eine Erklärung für die Formel gibt's hier) vor etwa Brissett, Aaron Rodgers oder auch Tom Brady steht und nach Expected Points Added pro Play etwa auf Augenhöhe mit Rodgers agiert.

Mit mehr positiven und mehr negativen Plays kommt ein ähnliches Gesamtergebnis raus wie bei Rodgers, der dieses Jahr einmal mehr das Risiko kategorisch scheut, gleichzeitig aber auch Big Plays liegen lässt.

Das ist eine nicht unwichtige Erkenntnis. Turnover werden in der breiten Berichterstattung nach wie vor extrem kritisch bewertet, ich selbst bin da keine Ausnahme. Die Frage, die man aber vielleicht zunehmend stellen muss, lautet: Ist hier nicht die Perspektive inzwischen im Vergleich zur Realität zu sehr verschoben?

In Zeiten, in denen wir konstant dazu auffordern, mehr Fourth Downs auszuspielen, weil Field Position nicht mehr den Wert vergangener Tage hat, da (gute) Offenses selbige sowieso schnell komplett auf den Kopf stellen können - wie gravierend sollte man da eine Winston-Interception gewichten, wenn die Big Plays umgekehrt damit einhergehen?

Das ist keine rhetorische Frage und keine Frage, die man aus dem Stegreif beantworten kann, sondern etwas, das man, und insbesondere die Buccaneers, so exakt wie möglich quantifizieren und beantworten muss. Wie schwerwiegend sind die Turnover, verglichen mit einem Quarterback, der häufiger 3&Out geht?

Und dann lautet die entscheidende Anschlussfrage: Welche Entwicklung prognostizieren wir anhand der Daten, die wir haben?

Prognose für 2020: Winston bleibt in Tampa Bay

Natürlich hätte am liebsten jeder das Beste aus beiden Welten: Einen Quarterback, der Big Plays auflegt, der Plays kreiert und der gleichzeitig auch die Turnover minimiert. Da reden wir aber eben von den Elite-Quarterbacks der Liga, von Patrick Mahomes, von Lamar Jackson, von Russell Wilson. Und so einen Quarterback kann nun mal nicht jedes Team haben.

Im Vakuum gefragt also, wenn wir uns im Quarterback-Mittelmaß bewegen: Lieber einen "soliden" Game Manager mit hohem Floor und niedrigem Ceiling, oder einen Jameis Winston mit von Woche zu Woche und manchmal Snap zu Snap potenziell niedrigem Floor auf der einen sowie Top-8-QB-Ceiling auf der anderen Seite?

Etwas, das bei der Betrachtung von Winston definitiv zu beobachten ist, ist das Ignorieren der guten Plays. Die Turnover sind eine zu naheliegende (und nicht selten auch sehr unterhaltsame) Storyline - und dieses Jahr waren selbige auch wirklich extrem.

Extrem mit Blick auf einige von Winstons Fehlern, extrem aber auch schlicht statistisch gesprochen. PFF-Kollege Timo Riske hatte dazu am Sonntag einen guten Punkt geäußert: Es sind natürlich viel zu viele Turnover dieses Jahr. Und dennoch wird die Wahrnehmung Winston vermutlich nicht ganz gerecht. Sehen wir also wieder einen leichten Rückgang der Turnover? War es dieses Jahr in der Hinsicht der Tiefpunkt?

Winston wird zu einem gewissen Grad immer der Quarterback sein, der viele Risiken eingeht und manchmal belohnt, manchmal bestraft wird. Doch so wie sich die NFL entwickelt, glaube ich eher, dass eine Spielweise wie die von Winston wertvoller und eine Spielweise wie die von Carr weniger wertvoll werden wird. So deutlich wie Offense dominiert, mit einem Ende des Trends nicht in Sicht, können sich - ganz platt formuliert - Gunslinger mehr Fehler leisten, während konservative Quarterbacks weiter einen kleinen Spielraum für Fehler haben.

Das bedeutet nicht, dass die Bucs Winston 30 Millionen Dollar im Jahr zahlen sollen, und das werden sie auch nicht müssen. Es bedeutet aber, dass es sich für Tampa lohnen könnte, mit Winston unter Bruce Arians in eine weitere Saison zu gehen. Mit den Fehlern leben, und wissen, dass Winston sie aber auch aus einem Loch - ob selbst geschaufelt oder durch andere Umstände reingefallen - wieder raus feuern kann.

Stand heute rechne ich damit, dass Winston 2020 in Tampa Bay starten wird. Persönlich bin ich mehr und mehr an dem Punkt, an dem ich mit Winston als Spielertyp meinen Frieden geschlossen habe; inklusive Toleranzgrenze was eine gewisse Turnover-Zahl angeht.

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