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NBA

NBA - Chris Boucher startet bei den Toronto Raptors durch: Der unwahrscheinlichste Lichtblick

Von Ruben Martin
Chris Boucher hat sich im neuen Jahr für eine größere Rolle bei den Toronto Raptors empfohlen.

In einem Saisonstart voller Enttäuschungen ist Chris Boucher der größte Lichtblick der Toronto Raptors. Der 28-Jährige könnte die Lösung für das Center-Problem der Kanadier sein, wird jedoch aufgrund seiner einzigartigen Spielweise immer Fragezeichen mit sich bringen.

"Ich wusste es irgendwie schon, als ich ihn zum ersten Mal sah", antwortete Fred VanVleed kürzlich auf die Frage, ob ihn Chris Bouchers Leistungssprung in dieser Saison überrasche. Dass sein Mannschaftskollege von Anfang an von Bouchers Zukunft als erfolgreicher NBA-Profi überzeugt war, ist zum aktuellen Zeitpunkt eine schöne Geschichte, scheint angesichts dessen Weg in die Liga allerdings höchst unwahrscheinlich. Ist "Freddie" wirklich ein besserer Scout als 30 NBA-Teams?

60 Spieler durften am 22. Juni 2017, der Nacht des NBA-Drafts, die Kappe ihres zukünftigen Teams aufsetzen, allen wurde eine bessere Basketballkarriere zugetraut als dem schlaksigen Boucher von den Oregon Ducks, der sich gerade das Kreuzband gerissen hatte.

Sein Spiel sei nicht sonderlich ausgereift und lebe von einer Athletik und einem Körpertyp, die auf die NBA nicht übertragbar seien, so war die allgemeine Meinung vieler Experten. Dazu kam sein fehlendes Postup-Spiel, seine unsaubere Wurfbewegung und die allgemeine Abneigung gegen ältere Prospects - Boucher war bereits 24 Jahre alt.

So blieb der zweitbeste Shotblocker seines Jahrgangs ungedraftet und landete im G-League-Team der Golden State Warriors in Santa Cruz. Boucher hinkte dem gewöhnlichen Zeitplan eines NBA-Stars gewaltig hinterher, das war für ihn jedoch nichts Neues.

Chris Boucher: Die Karriere beginnt mit 19

Während einige seiner Konkurrenten mit 19 Jahren bereits ihr erstes Mixtape mit NBA-Highlights zusammenstellen konnten, führte Boucher in diesem Alter noch ein völlig anderes Leben. Basketball war nicht mehr als eine Ablenkung von seinem schwierigen Alltag in Nord-Montreal. Wie viele 19-Jährige, die noch keine Millionen verdienen, wusste er nicht so recht, was er mit seiner Zeit anstellen sollte.

"Meine kleine Schwester hat damals immer über mich gesagt: 'Das ist mein großer Bruder, er ist meistens zuhause.' Ich war kein Vorbild für sie", erklärte Boucher später gegenüber USA Today und führte aus: "Ich wusste, dass ich sie stolz machen wollte. Und ich wusste, dass es mehr für mich gab als diesen Job."

Das sahen zwei lokale Scouts eines neu entstehenden Basketballprogramms ganz ähnlich, als Boucher hauptsächlich mit Putback-Dunks und wacklig aussehenden Dreiern 44 Punkte in einem Pickup-Spiel vor fast leerer Halle auflegte.

Seine Mutter zögerte nicht, ihn 300 Meilen gen Norden zu schicken, wo er ein sicheres Umfeld und eine Basketball-Ausbildung erhielt, die ihm schon ein Jahr später den Sprung an ein Junior College in den USA ermöglichte. Nach zwei Jahren in der Junior Division NJCAA - dem kleinen Bruder der NCAA - wechselte Boucher auf die große Bühne, zu Oregon in die PAC-12.

Chris Boucher: G-League-MVP und NBA-Champion

Gradlinig verlief sein Karriereweg auch nach dem College aber nicht. Nach seiner Rookie-Saison in der G-League wurde Boucher von den Warriors entlassen, die damaligen Champions sahen den Big Man nicht in ihrer Zukunftsplanung, obwohl er mit 11,8 Punkten, 7,5 Rebounds und 2,1 Blocks pro Spiel ähnliche Zahlen wie in Oregon auflegte.

Seine Leistungen hatten ihm zumindest eine weitere Chance vermittelt - die Raptors statteten Boucher mit einem Two-Way-Vertrag aus. In der Saison 2018/19 betrieb der damals 26-Jährige dann umso stärkere Eigenwerbung: Mit 27,2 Punkten, 11,4 Rebounds und 4,1 Blocks pro Partie für die Raptors 905 schnappte er sich den MVP-Award sowie den Titel als bester Verteidiger der G-League.

Für Toronto kam er in den anschließenden Playoffs zu zwei kurzen Einsätzen, die mit dem ungewöhnlichen Willkommensgeschenk in Form eines Championship-Rings belohnt wurden. In der Regular Season kam er im Meisterjahr ebenfalls auf 28 Einsätze, bei der Titelverteidigung waren es dann schon 62 mit steigender Spielzeit. Und nun, in seiner dritten Saison bei den Raptors, folgte endgültig der Durchbruch.

Toronto Raptors: Chris Boucher ist in der NBA angekommen

Noch hat Boucher nicht alle Zweifel an seinem Spiel beseitigt, aus der Top 15 eines Re-Drafts von 2017 würde er mit dem heutigen Wissen jedoch wohl nicht mehr herauskommen - vor allem dann, wenn er die Form der vergangenen fünf Spiele beibehält.

Gegen die Kings, Warriors, Trail Blazers und zweimal die Hornets stand er durchschnittlich knapp 29 Minuten auf dem Parkett und legte 20,6 Punkte, 10,6 Rebounds (2,8 offensiv) und 3,2 Blocks bei starken Wurfquoten von 66 Prozent aus dem Feld, 56 Prozent aus der Distanz und 80 Prozent von der Freiwurflinie auf.

VanVleet hat seinen Scouting Report von Boucher noch nicht abgeschlossen, schwärmt jedoch in großen Tönen von ihm: "Ich weiß immer noch nicht genau, wie er so gut spielt", sagte der ebenfalls ungedraftete Guard: "Er ist einfach ein Baller, er hat das, was man nicht sehen kann. Er geht Risiken ein und es klappt öfter, als es schief läuft. Er hat keinen Jumpshot aus dem Lehrbuch und nicht den optimalen Körpertyp, aber er findet immer einen Weg."

Toronto Raptors: Baynes und Len machen unfreiwillig Platz

In dem beschriebenen Zeitraum, der mit einer 144:123-Explosion gegen die Sacramento Kings begann, lief Boucher effektiv als Starting Center auf, auch wenn er kein einziges Mal von Beginn auf dem Feld stand. Mal startete Alex Len, mal Aron Baynes, dann sogar Norman Powell in einem ultra-kleinen Lineup. Boucher allerdings absolvierte stets die meisten Minuten auf der Fünf.

"Ich glaube, es gibt gewisse Spieler, die konstant Energie von der Bank bringen und das könnte uns fehlen, wenn wir diese Spieler in das Starting Lineup stecken", erklärte Head Coach Nick Nurse die Maßnahme, Boucher nicht einfach starten zu lassen. "Das müssen wir auf jeden Fall beachten."

Die Raptors scheinen auch dank Boucher langsam zurück in die Spur zu finden, unter den vergangenen fünf Spielen finden sich neben dem Blowout gegen die Kings zwei knappe Siege (+3) und zwei noch knappere Niederlagen (-1). Solange Boucher von der Bank so gut spielt wie aktuell, wird Nurse daran vermutlich nicht rütteln wollen.

Chris Boucher: Seine Statistiken im Überblick

SaisonTeamSpieleMinFG%3P%FT%REBBLKPTS
2018/19Toronto Raptors285,844,732,486,72,00,93,3
2019/20Toronto Raptors6213,247,232,278,44,51,06,6
2020/21Toronto Raptors1223,559,647,777,16,82,515,7

Raptors: Boucher ist keine perfekte Lösung der Center-Frage

Außerdem kann Nurse die klassischen Fünfer Baynes und Len nicht vollständig aus der Rotation nehmen, gerade mit Blick auf die Playoffs brauchen die Raptors zumindest einen der beiden, um große, kräftige Center zu verteidigen.

Denn im Duell mit den Philadelphia 76ers zu Saisonbeginn hat Boucher bei all seinen Stärken gezeigt, dass er defensiv in manchen Matchups (noch) nicht als Center spielbar ist mit gerade einmal 90 Kilogramm bei einer Körpergröße von 2,06 Meter. Nurse musste ihn nach nicht einmal fünf Minuten auf die Bank beordern, weil Boucher sowohl von Joel Embiid als auch von Dwight Howard unter dem Korb dominiert wurde, der schieren Kraft der beiden hatte er nichts entgegenzusetzen.

Solange Boucher seine aktuellen Leistungen auch nur ansatzweise aufrechterhalten kann, wird er trotzdem seine Spielminuten bekommen, ob als Starter oder von der Bank, als Power Forward oder Center. Er mag kein perfekter Spieler sein, aber zuletzt hat er Toronto Leben eingehaucht und sich zum produktivsten Big des Teams entwickelt. Und - wenn man VanVleet Glauben schenken darf - wird Boucher einen Weg finden, noch besser zu werden.

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