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NBA - Kendrick Nunn nach starkem Saisonstart für die Miami Heat: Der etwas andere Rookie

Von Philipp Jakob
Undrafted Rookie Kendrick Nunn ist nach sechs Spielen Topscorer der Miami Heat.

Eine Anklage wegen Körperverletzung brachte Kendrick Nunn vor einigen Jahren um eine gute Draft-Position. Stattdessen musste sich der nicht gezogene Rookie in der Entwicklungsliga G-League eine Chance in der NBA erkämpfen. Bei den Miami Heat scheint er diese nun zu nutzen - als nächster Musterschüler aus dem Riley/Spoelstra-System.

Zion Williamson, Ja Morant, mit Abstrichen vielleicht noch R.J. Barrett. Die Favoritenrollen für den Award als Rookie des Jahres waren vor Saisonstart klar verteilt. Selbst nachdem Nr.1-Pick Zion aufgrund eines Meniskusrisses unters Messer musste, schrieben die Buchmacher in Las Vegas dem Rennen um die Nachfolge von Luka Doncic keine allzu große Spannung zu.

Einen beliebten Außenseiter-Pick gab es dennoch: Tyler Herro. Als Nr.13-Pick der Miami Heat lieferte der Shooting Guard eine starke Summer League, eine starke Preseason und schließlich mit 29 Zählern gegen die Hawks in der regulären Saison die meisten Punkte eines Heat-Rookies seit Dwyane Wade ab. Und doch bestimmte zu Saisonbeginn ein anderer Neuling die Schlagzeilen im Süden Floridas.

Kendrick Nunn bekam erst zwei Tage vor dem Saisonstart die frohe Botschaft von Head Coach Erik Spoelstra, dass er im Saisonauftakt gegen die Grizzlies im Backcourt der Heat starten würde. Der 24-Jährige profitierte dabei von der Suspendierung von Dion Waiters, der aufgrund von teamschädigendem Verhalten aussortiert wurde. Nunn ließ sich diese Chance nicht entgehen.

Miami Heat: Zwei Rookies starten durch

Mit 24 Zählern führte der Guard, der im Draft 2018 leer ausging, Miami zum Auftaktsieg, es folgten weitere starke Auftritte gegen die Bucks (18), Timberwolves (25) oder Hawks (28). Insgesamt erzielte Nunn in seinen ersten fünf Spielen auf dem NBA-Parkett 112 Punkte - solch eine Ausbeute gelang noch keinem ungedrafteten Rookie vor ihm.

Nach nun insgesamt sieben Spielen führen die Statistiker ihn mit 18,3 Punkten im Schnitt als Topscorer der Heat, unter anderem vor Herro, vor Goran Dragic und vor Jimmy Butler.

Vor wenigen Jahren wäre dies noch undenkbar gewesen, den Namen Kendrick Nunn hatten die wenigsten Basketball-Fans vor dieser Saison auf dem Schirm. Die Schuld dafür ist allerdings bei ihm zu suchen.

Die Saisonstatistiken von Kendrick Nunn bei den Heat

SpieleMinutenPunkteReboundsAssistsStealsFG%3FG%
718,318,32,13,11,745,940,9

Kendrick Nunn: Gericht statt NBA Draft

Schon an der High School entwickelte sich der 1,88 Meter große Guard zu einem vielversprechenden Talent, an der Seite von Jabari Parker führte er die Chicago Simeon High School zu vier State-Championships in Folge. Auch an der University of Illinois zeigte Nunn gute Ansätze - bis die Hochschule ihn nach seinem dritten Jahr aus dem Team schmiss.

Der Grund: Nunn soll in einem Streit eine Freundin gewürgt und ihr Wasser übers Gesicht geschüttet haben. Ersteres bestritt Nunn, nach einem Vergleich wurde er dennoch zu 18 Monaten unter richterlicher Aufsicht und 100 Arbeitsstunden im öffentlichen Dienst verurteilt. Zwei weitere Anklagen wegen Körperverletzung wurden fallen gelassen.

Seine Karriere bei den Fighting Illini war damit vorbei, an der Oakland University in Michigan rehabilitierte er sich jedoch in sportlicher Hinsicht. In seinem letzten College-Jahr versenkte er die meisten Dreier in Division I (134) bei einer starken Quote von 39,4 Prozent. In Sachen Scoring war nur ein gewisser Trae Young besser als Nunn mit seinen 25,9 Punkten pro Partie.

Kendrick Nunn: Von der G-League in die NBA

Dennoch ließen die 30 NBA-Teams im Draft 2018 die Finger von Nunn, wohl aufgrund der privaten Probleme. "Ich bin reumütig. Das hat mich eine Menge gekostet, eine Menge Zeit, die ich nicht in der Schule war, und mein Image", sagte Nunn gegenüber der Detroit Free Press. Eine NBA-Chance bekam er trotz allem - per Umweg.

Noch am Draftabend sicherte sich Golden State die Dienste des Guards. Zwar schaffte er es nicht in den Regular-Season-Kader, doch in der G-League überzeugte er für die Santa Cruz Warriors. "Ich wusste, dass ich besser war als eine Menge der Jungs im Draft", erklärte Nunn gegenüber The Athletic. "Aber das liegt in der Vergangenheit. Ich war enttäuscht, aber ich wusste auch, dass ich eine lange Reise hinter mir hatte."

Das nächste Kapitel dieser Reise führte ihn nach Miami. Am letzten Tag der regulären Saison 2018/19 stattete die Franchise aus dem Süden Floridas Nunn mit einem teilweise garantierten Dreijahres-Vertrag für 3,1 Mio. Dollar aus, der ihm zunächst nur rund 5.000 Dollar einbrachte, aber eben rechtlich an die Heat band.

Heat-Coach Spoelstra lobt Reife von Kendrick Nunn

Miami "opferte" für diese Möglichkeit Rodney McGruder, bisher scheint sich das aber auszuzahlen. Nunn überzeugt bisher an beiden Enden des Courts, der Linkshänder ist nicht nur ein guter Scorer mit einem sicheren Händchen von Downtown (40,9 Prozent Dreier bei 6,3 Versuchen pro Partie), sondern auch ein starker Verteidiger.

Damit passt er nahezu perfekt ins Beuteschema der Heat, auch Jimmy Butler hat bereits Gefallen an seinem neuen Teamkollegen gefunden. "Er hat so viel von mir in sich. Das ist unheimlich, denn sein Selbstvertrauen wächst immer weiter", so Jimmy Buckets, der Nunn "auf dem Weg zu einem kräftigen Zahltag" sieht.

Coach Spoelstra hat zudem eine enorme Ruhe beim Rookie beobachtet, trotz dessen Unerfahrenheit auf dem NBA-Level: "Ich habe noch nie gesehen, dass er gestresst wirkt oder Angst hat oder Druck verspürt. Er ist ein älterer, junger Spieler. Er war am College, hat bereits ein Jahr professionell gespielt. Er hat ein sehr reifes Spiel und ein reifes Gemüt."

Nunn: Der nächste Musterschüler aus dem Heat-System?

Nunn ist eben kein typischer Rookie. Genau diese Reife und der Glaube an die eigenen Fähigkeiten dürften ihm helfen, eventuelle Rückschläge in seiner ersten Saison in der Association zu verkraften und sich dauerhaft zu einem produktiven NBA-Spieler zu entwickeln. Damit würde er sich bei den Heat in eine eindrucksvolle Liste von Spielern einreihen, die sich unter dem Radar nach oben gekämpft haben.

Josh Richardson (Nr.40-Pick von 2015) ist sicherlich so einer oder Derrick Jones Jr. (undrafted) oder auch Bam Adebayo (Nr.14-Pick von 2017). Nunn könnte nun zum nächsten Musterschüler aus dem Heat-System unter Präsident Pat Riley und Coach Spoelstra heranwachsen, dazu will er unter anderem an seinem Playmaking arbeiten. Die Euphorie beim Drittplatzierten in der Eastern Conference könnte trotz der Niederlage gegen die Nuggets derzeit kaum höher sein.

Nunn hat einen unerwartet großen Anteil daran, und das ging auch an den Buchmachern in Las Vegas nicht spurlos vorüber. Nach Zion, Morant und Barrett folgt nun Nunn als beliebtester Außenseiter-Pick für den Award als Rookie of the Year. Auch das wäre selbst vor wenigen Wochen noch undenkbar gewesen.

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