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Olympia

Kommentar zum Fünfkampf-Drama um Annika Schleu: Einer Reiterin und Bundestrainerin unwürdig

Von Stefan Petri
Fünfkämpferin Annika Schleu schluchzt hemmungslos: Sie musste das Springreiten auf Pferd Saint Boy abbrechen.

Beim Modernen Fünfkampf der Frauen kam es am Freitag zu schlimmen Szenen: Die deutsche Gold-Hoffnung Annika Schleu musste das Springreiten schluchzend abbrechen, weil ihr Pferd Saint Boy verweigert hatte. Zuvor hatten sie und Bundestrainerin Kim Raisner auf das scheuende Tier eingeschlagen. Der Vorfall muss Konsequenzen haben - im Sinne des fairen Wettbewerbs, aber auch zum Wohle der Pferde. Ein Kommentar.

Eins vorweg: Mein Hintergrundwissen, was den Reitsport angeht, hält sich in überschaubaren Grenzen. Ich bin in meinem Leben zweimal auf einem Pferd gesessen, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt. Ich traue mir deshalb keine fundierte Meinung darüber zu, wo und an welchem Punkt die einzelnen Disziplinen wie Dressur, Spring- oder Geländereiten zu Lasten des Tieres gehen, wo gar der Punkt zur Tierquälerei überschritten wird. Ob der Reitsport an sich bei großen Wettbewerben ein Grundsatzproblem hat. Diese Frage müssen andere beantworten.

Nach den erschreckenden Bildern vom Modernen Fünfkampf, als die deutsche Gold-Hoffnung Annika Schleu erst mit dem Reglement kämpfte und anschließend den Kampf mit ihrem Pferd Saint Boy und den Tränen verlor, steht eines allerdings außer Frage: Diese knapp vier Minuten müssen Konsequenzen nach sich ziehen. Und zwar für alle Beteiligten.

Moderner Fünfkampf: Fremde Pferde und groteske Reglements

Beginnen wir mit dem Reglement: Die 36 Reiterinnen bekamen 18 Pferde für den Wettbewerb zugelost, genau 20 Minuten und fünf Hindernisse hatten sie Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen, bevor es auf den Parcours ging. Man kann Isabell Werth nur zustimmen: "Die Pferde sind hier nur Mittel zum Zweck." Ein gegenseitiges Vertrauen von Ross und Reiter(in) kann sich in dieser Zeit gar nicht entwickeln. Stattdessen Nervosität auf beiden Seiten, die sich aufeinander überträgt und bei den Tieren gerade im zweiten Lauf noch einmal verschlimmern kann, wenn der erste in die Binsen geht. Wie bei Saint Boy geschehen. Schon da war das Unheil absehbar.

Die Vorschrift, dass das Pferd dann genau viermal ein Hindernis verweigern muss, bevor es von der zweiten Reiterin ausgetauscht werden darf, mutet hier geradezu grotesk an. So konnte Schleu nicht auf ein Ersatztier zurückgreifen, weil Saint Boy bei der Russin Gulnas Gubaidullina bei der dritten Verweigerung einfach nicht aus der Ecke kam - und es deshalb keine vierte gab. Dass der zuständige Tierarzt grünes Licht gab, mag da schon gar nicht mehr verwundern.

Und Schleu war ja kein Einzelfall: Sechs von 36 Reiterinnen beendete die Disziplin punktlos. So gerät ein Wettkampf, auf den man fünf Jahre lang hingearbeitet hat, zur Lotterie. Als wäre bei den Schützen jeder sechste Lauf verbogen oder im Leichtathletik-Stadion jeder sechste Speer angebrochen.

Annike Schleu und Bundestrainerin Kim Raisner: Unwürdiges Verhalten

Wobei dieser Vergleich natürlich hinkt. Schließlich sprechen wir nicht von Gegenständen, sondern von Lebewesen. Von hochsensiblen Tieren, die sich mal eben mit unbekannten Reiterinnen über Hindernisse stürzen müssen, im Blitzlichtgewitter, oder auch mal vorbei an Sumo-Ringern. Wo die ersten drei Verweigerungen einfach ignoriert werden, schließlich geht es um Gold. Wo Sporen und Gerte eingesetzt werden, oder auch mal zugeschlagen wird.

Womit wir bei Annika Schleu und Bundestrainerin Kim Raisner wären. Wie Schleu das bockende und zurückweichende Pferd mit den Hacken und der Gerte malträtierte, war ein entsetzlicher Anblick. "Hau richtig drauf!", rief Raisner, und nahm am Zahn selbst auch noch die Faust zu Hilfe. Ein Anblick, der jeder Reiterin unwürdig ist, und einer Bundestrainerin ganz besonders.

Ich will die Umstände nicht außer Acht lassen. Bei beiden brach sich in diesem Moment Verzweiflung und Hilflosigkeit Bann, der Traum von einer Medaille, jahrelange Arbeit löste sich in diesen Augenblicken ohne eigenes Verschulden in Luft aus. Ich möchte Schleu glauben, als sie anschließend ihre Liebe zu Tieren beteuerte. Auch Ex-Fünfkämpferin Lena Schöneborn, die im ARD-Studio später erklärte, dass es bei der gepufferten Reitgerte nicht darum geht, dem Tier Schmerzen zuzufügen. Ich weiß es selbst nicht besser. Ich weiß nur, dass es ganz sicher nicht so aussah.

Und ich weiß: Selbst wenn Saint Boy in diesen Szenen keine körperlichen Schmerzen zugefügt wurden, so war der Zwang, ein weiteres Mal in den Parcours zu müssen, für ihn ganz sicher eine Qual. "Ich war kurz davor zu sagen, abzugrüßen und zu sagen: Ich versuche es gar nicht erst", schilderte Schleu. Hätte sie es bloß getan.

Es wäre eine große Geste gewesen - und Druck auf den IOC, grundsätzliche Regeländerungen herbeizuführen. An diesem Abend in Tokio haben alle Beteiligten versagt. Bleibt der Vorfall bis Paris 2024 aber ohne Konsequenzen, wäre das ein noch viel schlimmeres Versagen.

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