Wintersport

Sven Hannawald im Legenden-Interview: "Ich habe zur Ablenkung Heinz-Erhardt-Filme angeschaut"

Sven Hannawald nach dem Grand-Slam-Triumph bei der Tournee.

Sven Hannawald gewann 2002 als erster Springer in der Geschichte den Grand Slam bei der Vierschanzentournee und ging damit in die Sport-Historie ein. Nur zwei Jahre später folgte der Schock: Burnout. Im Interview mit SPOX blickt der heute als Eurosport-Experte arbeitende Hannawald auf seine legendäre Karriere zurück und gibt tiefe Einblicke in sein Seelenleben.

Das neue Talk-Format "Locked-In" mit der Legendenrunde um Michael Stich, Sven Hannawald, Günther Jauch und Marcel Reif jetzt auf jetzt auf DAZN!

Hannawald erzählt von seinen Anfängen in der ehemaligen DDR, wo sich schon früh sein Drang zum Perfektionismus zeigte. Der 45-Jährige erklärt auch, wie er mit dem unglaublichen Hype umging - und er verrät, in welchen Momenten er wirklich Angst hatte.

Herr Hannawald, Sie waren Teil der ersten Talkrunde von Locked-In auf DAZN. Wie war's?

Sven Hannawald: Fragen Sie mal Herrn Jauch, wie es war. Der war zwischenzeitlich achtmal eingeloggt. Er hatte etwas Stress mit der Technik. (lacht) Es war großartig. Ich bin stolz, dass ich in so einer illustren Runde dabei sein durfte. Es hat Spaß gemacht.

Wir wollen Ihre legendäre Karriere noch etwas tiefer besprechen. Ihr Talent wurde ja früh erkannt. Damals hießen Sie noch Sven Pöhler.

Hannawald: Das stimmt. Ich war ein allseitiger Normerfüller, wie es so schön hieß.

Was ist das denn?

Hannawald: In der ehemaligen DDR gab es für Kinder alle möglichen Normen bei Sportfesten. Wie weit du zum Beispiel mit sieben Jahren springen solltest. Da wurden sämtliche Daten erfasst und bestimmt, wie es um das Talent bestellt ist. Ich habe diese Normen immer intuitiv locker erfüllt. Ich hatte zwar genetisch nicht die besten Voraussetzungen für einen Top-Skispringer, weil mir dafür die Schnellkraft fehlte, aber dafür hatte ich schon ganz früh das Talent und Gefühl für gewisse Dinge. Da war ich allen anderen voraus und konnte so meine Schwäche kompensieren. Das hat sich ganz früh gezeigt.

Sven Hannawald: "Hannawald? Den brauchen wir nicht mehr!"

Ganz früh zeigte sich auch Ihr Ehrgeiz und Drang zum Perfektionismus.

Hannawald: Mein Vater hat mir erzählt, dass ich jedes Mal, wenn ich zu einer neuen Schanze gekommen bin, plötzlich weg war. Ich habe mir dann immer einen Offiziellen gesucht, der sich auskennt und ihn gefragt, wo denn hier der Schanzenrekord liegt. Das war aber keine Arroganz. Das war mein innerer Drang. Ich wollte am Weitesten springen von allen und nach dem Wettkampf sollte der Schanzenrekord mir gehören. Diese Einstellung beschreibt mich ganz gut. Hätte ich diese Einstellung nicht gehabt, hätte ich in der Jugend auch nicht solche Erfolge erzielen können. Ohne diesen Perfektionismus hätte ich viel früher aufgehört. Ich hatte Momente, in denen ich nicht mehr wollte, aber eine innere Stimme hat mich dann geleitet und zum Glück habe ich auch auf sie gehört. Ich wollte eines Tages die Tournee gewinnen, das war mein großer Traum.

Mit 17 sind Sie in den Schwarzwald gezogen, hießen dann Hannawald, als Ihre Eltern heirateten, aber nach der Wende lief es sportlich nicht mehr so gut. Was war das für eine Zeit?

Hannawald: Der Systemwechsel von Ost nach West war nicht einfach für mich. Im Internat in Klingenthal gab es nicht so viele Freiheiten. Da ist die Erzieherin so lange ins Zimmer gekommen und hat das Licht ausgemacht, bis es irgendwann auch wirklich aus war. In Furtwangen war es so, dass zwar um 20 Uhr auf dem Gang Ruhe sein musste, aber ob wir auf dem Zimmer bis tief in die Nacht die Puppen tanzen ließen oder nicht, hat niemanden interessiert. Ich wollte diese neue Welt erleben, alles aufsaugen - dadurch ging der Fokus auf den Sport verloren. Dazu kam, dass ich es im Männerbereich plötzlich mit Tournee-Siegern, Weltmeistern und Olympiasiegern zu tun bekam. Da ist es ja normal, dass die Zahl hinter deinem Namen auf der Anzeigetafel eine andere wird. Über die Jahre bin ich in ein trübes Fahrwasser hineingeraten.

1997 wollte man Sie quasi rausschmeißen.

Hannawald: Nach der Saison 1996/97 fand die jährliche Trainertagung statt. Dort wurde in jedem Jahr auch über die Kaderzusammenstellung diskutiert. Es hieß: "Hannawald? Den brauchen wir nicht mehr!" Ich hätte vielleicht noch ein Jahr einen Alibi-Platz bekommen, aber eigentlich wäre es das für mich gewesen, wenn mein Heim-Trainer Wolfgang Steiert sich nicht vehement für mich eingesetzt hätte. Als er von der Tagung zurückkam, hat er mich angerufen und wir haben uns zum Laufen verabredet. Als er mir erzählte, wie es aussieht, hat es Klick gemacht. Das war wie eine Initialzündung für mich. Ich bin aufgewacht und war wieder der kleine Junge aus dem Osten, der nach vorne kommen wollte und Vollgas gegeben hat.

Sven Hannawald: "Ich saß als Kind auf dem Sofa und wollte diese Tournee gewinnen"

Wie alternativlos war es für Sie, dass es mit dem Skispringen klappen muss? Sie hatten ja eine Ausbildung zum Kommunikationselektroniker gemacht.

Hannawald: Ich habe nie an Alternativen gedacht, ich habe es ignoriert. Ich habe die Ausbildung über vier Jahre gemacht, aber ich hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung. Eigentlich wollte ich etwas mit Autos machen, aber das war damals nicht möglich. Es hätte auch schiefgehen können mit der Skisprung-Karriere, aber ich habe schon immer ein großes Vertrauen in eine höhere Macht gehabt, die mich leiten wird. Die mich auch durch schwierige Zeiten durchführt. Aktuell erleben wir alle eine sehr schwierige Zeit, aber wir werden da durchkommen. Dieses Urvertrauen habe ich. Es wäre doch auch furchtbar langweilig, wenn es im Leben nur Höhen geben würde. Und als Leistungssportler lernst du, dich durchzubeißen. Ich saß als Kind auf dem Sofa und wollte diese Tournee gewinnen. Dieses Bild und dieses Ziel haben mich immer angetrieben.

1998 holten Sie Silber bei der Skiflug-WM, bei den Olympischen Spielen gab es Silber mit der Mannschaft, ein Jahr später folgte WM-Silber, 2000 dann der WM-Titel beim Skifliegen. Wann war der Moment, als Sie für sich wussten, dass Sie jetzt tatsächlich zu den Großen gehören?

Hannawald: Mein erster Weltcup-Sieg 1998 in Bischofshofen war prägend. Da habe ich Kazuyoshi Funaki den Grand Slam kaupttgesprungen, da wusste ich, ich gehöre jetzt zu den Cracks. Aber ich habe auch schnell gemerkt, dass ich mir jeden Erfolg jeden Tag neu erarbeiten musste. Es gab ja im Wettkampf noch 49 andere, die genau das gleiche Ziel hatten wie ich. Hinzu kam, dass ich meine ganze Karriere lang nie von Anfang bis Ende einer Saison dominant war. Um meinen Nachteil bei der Sprungkraft auszugleichen, musste ich an mein Gewicht rangehen. Je weniger, desto besser. Ich war immer an der Grenze. Das hat zwar geklappt, aber auch dafür gesorgt, dass sich mein Körper immer wieder Auszeiten nehmen musste, wenn ich platt war.

Obwohl Sie so auf Ihr Gewicht achteten, haben Sie damals das Backen als Hobby entdeckt. Wie kam es dazu?

Hannawald: Wenn man sich die ganze Zeit so am Limit bewegt, sendet der Körper Gelüste auf Süßes. Das bedeutet schnelle Energie für ihn, auch wenn das nicht gesund ist und nicht lange anhält. Ich habe deshalb immer lieber ein Stück Kuchen verdrückt als etwas Herzhaftes zu essen. Ich habe mir immer Muffins gemacht, eingefroren und dann in die Mikrowelle gesteckt. Das war sensationell.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung