UFC

Ottman Azaitar im Interview: "Wenn ich einen Gürtel brauche, gehe ich zu Louis Vuitton"

Von SPOX/DAZN
Ottman Azaitar feiert bei UFC 242 in Abu Dhabi sein UFC-Debüt.

Der Deutsch-Marokkaner Ottman Azaitar feiert im Rahmen von UFC 242 in Abu Dhabi sein UFC-Debüt - vor dem Hauptkampf seines Vorbilds Khabib Nurmagomedov gegen Dustin Poirier (ab 20 Uhr live auf DAZN).

Im Interview mit SPOX und DAZN spricht der 29 Jahre alte Azaitar über seine Lebensgeschichte, eine Bachelor-Arbeit mit Bestnote und eine Trainingseinheit mit Superstar Khabib. Der Fight von Azaitar ist am Samstag ab 18 Uhr ebenfalls live auf DAZN zu sehen.

Herr Azaitar, bevor wir zu Ihrem UFC-Debüt kommen, müssen wir über Ihre interessante Lebensgeschichte sprechen. Sie sind als Kind marokkanischer Eltern in Deutschland aufgewachsen. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Ottman Azaitar: Ich bin in Deutschland geboren, aber bis zu meinem 15. Lebensjahr habe ich kein Deutsch gesprochen. Ich bin auf eine private arabische Schule gegangen und habe die deutsche Sprache nicht verwenden müssen. Dann bin ich aber auf Wunsch meines Vaters von der arabischen Schule direkt auf ein deutsches Gymnasium gewechselt. Das habe ich komplett unterschätzt.

Was ist nach dem Schulwechsel passiert?

Azaitar: Schon nach der ersten Stunde in Biologie bin ich heulend aus dem Klassenzimmer gerannt, weil ich absolut gar nichts verstanden habe. Es war hart. Ich habe ein Talent für Naturwissenschaften, sodass ich mich in Mathe dann traute, zu strecken, als der Lehrer eine Frage gestellt hatte. Es ging um die Berechnung der Fläche eines Quadrats. Er hat mich nach vorne gebeten und ich bin an die Tafel gekommen, mein Herz hat gerast. Mein Ergebnis war richtig, aber die anderen Schüler haben mich wegen meiner Erklärung trotzdem ausgelacht. Wieder bin ich heulend rausgerannt. Ich habe meinen Vater angefleht, dass er mich dort rausholen muss. Ich wollte lieber auf die Hauptschule gehen und dort irgendeinen Abschluss machen, aber mein Vater war beharrlich und meinte, dass ich Geduld haben muss.

Azaitar: "Habe mit einem Notenschnitt von 1,9 mein Abitur bestanden"

Wie ging es dann in der Folge weiter?

Azaitar: Ich habe sechs Monate lang jeden Tag nach der Schule Nachhilfe bekommen. Dazu habe ich auch sechs Monate lang einen internationalen Förderkurs besucht. Ich habe im Endeffekt in einem halben Jahr Deutsch gelernt, danach war ich fit. Dennoch musste ich den nächsten Rückschlag hinnehmen, weil ich drei Jahre zurückgestuft wurde. Ich hätte in die zehnte Klasse kommen sollen, wurde dann aber in die siebte gesteckt. Der Grund war, dass mit Französisch eine ganz neue Sprache dazu gekommen wäre. Das wollte man mir, der ja schon mit Deutsch seine Probleme hatte und kein Englisch konnte, nicht zumuten. Also habe ich es akzeptiert und mein Vater hat mich immer weiter motiviert, dranzubleiben.

Mit Erfolg?

Azaitar: Zum Glück ja. Ich habe mit einem Notenschnitt von 1,9 mein Abitur bestanden. Nebenher hatte ich auch mit dem Sport angefangen und dort meine ersten Erfolge im Thaiboxen und Kickboxen gefeiert. Aber es war mir immer wichtig, mir ein zweites Standbein aufzubauen. Wenn ich heute aus dem Hotel laufe, kann ich von einem Auto angefahren werden, was ist dann? Also habe ich nach der Schule ein BWL-Studium begonnen und konsequent durchgezogen. Für meine Bachelor-Arbeit habe ich sogar die Note 1,0 bekommen. (lacht)

Wie haben Sie das geschafft? Was war das Thema Ihrer Arbeit?

Azaitar: Mein Professor hat mich damals gelobt, weil ich der einzige Student in der Geschichte der Uni gewesen sei, der bei seiner Bachelor-Arbeit ein ganz neues Thema aufgegriffen hat. Alle anderen nehmen zehn Bücher her und machen ein elftes daraus. Ich war dagegen meine eigene Fußnote. Ich habe die Bachelor-Arbeit auf mein Leben bezogen. Ich habe über MMA geschrieben und beleuchtet, wie ich in meinem Sport die Prozesse optimieren kann, um Geld damit zu verdienen. Und darum geht es ja schließlich in einem BWL-Studium. Ich habe auch mit dem Master-Studium angefangen und zwei Semester absolviert. Im Moment ruht das Studium aber ein wenig, weil ich es nicht mehr mit dem Sport kombinieren kann.

Was ist anders geworden?

Azaitar: Das Studium ist schwieriger geworden, ich bin jetzt im Master in Richtung Wirtschaftsprüfung gegangen, das ist nicht so einfach. Und der Sport ist auch schwieriger geworden. Beides gleichzeitig zu machen, ist nicht mehr möglich, aber ich habe nicht abgebrochen. Ich werde dranbleiben und immer wieder meine Klausuren schreiben, wenn es die Zeit zulässt. Ich mache das auch für mich, es tut mir gut. Und das ganze Know-how, das ich mir dadurch schon erworben habe, hat mir in meiner Karriere schon sehr geholfen. Bis zu meinem elften Kampf habe ich mich ganz alleine gemanagt, das konnte ich nur dank des Studiums überhaupt machen.

Azaitar sieht Zukunft nicht im Management

Wissen Sie also auch schon, was Sie nach der Karriere als MMA-Fighter einmal machen werden?

Azaitar: Ich denke nicht, dass ich Steuerberater werde. (lacht) Unsere Familie hat eine Restaurant-Kette gegründet, mittlerweile haben wir sieben Filialen eröffnet. Ich bin dabei für das Marketing und die Buchhaltung zuständig. Ehrlich gesagt sehe ich meine Zukunft aber nicht im Management. Ich will lieber mit Jugendlichen arbeiten und mein Wissen weitergeben. Ich habe einen harten und steinigen Weg hinter mir, mein Bruder Abu sogar einen noch viel härteren, aber ich habe viel daraus gelernt und will diese Erfahrungen weiterreichen. Ich bin glücklich, wenn ich andere glücklich machen kann. Wenn ich anderen helfen kann. Selbst wenn ich nur zwei Menschen meine Botschaft vermitteln kann, ist das schon viel. Diese zwei Menschen werden es wieder weitergeben. Wenn ich richtig rechne, kann ich so in 2000 Jahren immerhin 25 oder 30 Menschen erreichen, das ist schon mal eine ganz gute Zahl.

Ottman Azaitar: Profikämpfe in der Übersicht

DatumGegnerErgebnis
07.06.2014Patrick Talmon (GER)Sieg
11.01.2014Alex Vogt (GER)Sieg
28.03.2015Ilbey Akdas (GER)Sieg
18.04.2015Serge Dali (FRA)Sieg
06.05.2015Christoph Hector (GER)Sieg
28.11.2015Ramunas Paliunis (LIT)Sieg
16.04.2016Luksz Szczerek (POL)Sieg
02.12.2016Kevin Koldobsky (ARG)Sieg
31.03.2017Charlie Leary (ENG)Sieg
17.11.2017Alejandro Martinez (MEX)Sieg
18.08.2018Danijel Kokora (SRB)Sieg

Sie waren deutscher Meister im Thaiboxen und haben auch an einer WM teilgenommen. Wie sind Sie überhaupt mit dem Thema MMA in Berührung gekommen?

Azaitar: Mein Bruder Abu hat mich dazu gebracht. Ich habe ja sehr spät überhaupt damit angefangen, da war ich schon 24 Jahre alt. Abu meinte damals zu mir, dass ich das unbedingt auch machen müsse. Dass ich jetzt in der UFC, der Champions League im MMA, angekommen bin, löst bei mir vor allem ein Gefühl der Dankbarkeit aus. Viele Menschen sehen nur die Ergebnisse, aber sie sehen nicht, welch harte Arbeit dahintersteckt. Aber ich bin dankbar dafür, dass mein Weg so hart war. Deshalb weiß ich es jetzt auch viel mehr zu schätzen, was ich heute habe. Wäre ich in einem goldenen Käfig aufgewachsen, wäre das sicher anders. Es gab so viele Menschen, die mir geholfen haben. Die mir mal 50 oder 100 Euro gegeben haben, damit ich einen Flug bezahlen konnte zum Beispiel. Jedem Einzelnen bin ich dankbar.

Bei UFC 242 kämpfen Sie gegen den Finnen Teemu Packalen. Was wissen Sie über ihn?

Azaitar: Ich weiß, dass er Teemu Packalen heißt und aus Finnland kommt. Das war's. Ich habe einmal zehn oder 20 Sekunden von ihm gesehen, aber mehr nicht. Das ist bei mir aber immer so. Ich habe Trainer, die sich mit meinem Gegner beschäftigen und mich dementsprechend vorbereiten werden.

Azaitar: "Trainingseinheit mit Khahib ist unbezahlbar"

Sie kommen ungeschlagen in die UFC. Warum bleibt das auch nach UFC 242 so?

Azaitar: Ich mag es nicht, Vorhersagen zu treffen. Das habe ich noch nie gemacht. Ich habe es selbst in der Hand, wie viel Gas ich gebe, wie viel ich investiere. Wenn ich das alles gemacht habe, bin ich unabhängig vom Ausgang zufrieden mit mir. Dann muss ich mir keine Vorwürfe machen. Ich bin auch kein Typ, der plant, wie es weitergehen könnte. In der Vergangenheit habe ich große Pläne gemacht und es ist nie so gekommen. Ich habe ein großartiges Team um mich herum. Diesen Menschen vertraue ich blind. Auf diese Menschen höre ich. Wenn sie sagen, dass ich im Käfig tanzen soll, dann werde ich das tun.

Sie hatten schon die Chance, mit Khabib Nurmagomedov zu trainieren. Wie sehen Sie ihn?

Azaitar: Eine Trainingseinheit mit Khahib ist unbezahlbar. Ich habe schon gegen Schwergewichtler gerungen und jeden habe ich am Ende irgendwie hochbekommen, aber bei Khabib ist das unmöglich. Khabib ist wie eine Jacke, die du anziehst. Du kriegst ihn nicht weg. Er hat von Gott eine besondere Gabe bekommen. So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Aber ich weiß jetzt auch, warum ihm Gott diese Gabe gegeben hat. Khabib ist nicht nur ein kompletter Kämpfer und Pound for Pound der stärkste Fighter in der UFC, er ist gleichzeitig auch der bodenständigste. Das macht ihn so besonders.

Khabib ist in der gleichen Gewichtsklasse wie Sie. Wäre ein Titelkampf gegen ihn ein Traum?

Azaitar: Sollte ich eines Tages die Chance auf einen Titelkampf gegen Khabib bekommen, werde ich das Angebot nicht annehmen. Dieser Mann ist mein Vorbild. Er ist eine Legende. Er ist mein Bruder. Werte wie Loyalität und Aufrichtigkeit sind mir viel wichtiger als jeder Gürtel. Wenn ich einen Gürtel brauche, gehe ich zu Louis Vuitton und kaufe mir einen, so einfach ist das.

Sie haben Ihren Hauptwohnsitz wieder in Marokko. Wie ist aktuell Ihre Verbindung zu Deutschland?

Azaitar: Es stimmt, dass ich 2019 bislang nur eineinhalb Monate in Deutschland war. Die restliche Zeit habe ich in Marokko, Frankreich, London und in den USA verbracht. So gesehen ist die Welt aktuell mein Zuhause. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, ich mag Deutschland. Aber ich muss zugeben, dass ich mich in Marokko wohler und auch willkommener fühle. Auch die Trainingsbedingungen sind besser. Und meine Leistung wird in Marokko mehr wertgeschätzt als in Deutschland.

Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht?

Azaitar: Ich erinnere mich, wie ich einmal für das deutsche Nationalteam angetreten bin und mir dabei den Arm gebrochen habe. Niemand hat sich danach um mich gekümmert, niemand hat mich im Krankenhaus besucht. Ich würde es niemals verallgemeinern, aber es gibt gewisse Erlebnisse, die ich nicht vergessen habe. Es ist kein Geheimnis, dass mir meine Religion sehr wichtig ist. Ich bete fünfmal am Tag. In Köln war es dann so, dass der Combat Club zu einer gebetsfreien Zone erklärt wurde. Dabei stand ich nur da und habe gebetet, ich haben niemanden gestört. Erlebnisse dieser Art gab es einige, irgendwann hatte ich es satt. Diese Leute haben ein schwarzes Herz, aber sie werden damit nie nach vorne kommen.

Das klingt ein wenig verbittert.

Azaitar: Nein, ich bin überhaupt nicht verbittert. Ich bin Deutschland für vieles sehr dankbar und werde auch immer meinen Wohnsitz dort behalten. Es geht nur darum, was mein Herz sagt. Und mein Herz ist mehr in Marokko.

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