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Tennis

Wimbledon-Chaos 2022: Die Vorfreude war schon größer

Von Stefan Petri

Nur drei Wochen nach den French Open beginnt Wimbledon: Ab dem 27. Juni wird auf dem heiligen Rasen des Centre Courts aufgeschlagen. Derzeit reagiert beim traditionsreichsten Turnier jedoch das Chaos: Ein Streit zwischen den Ausrichtern und ATP/WTA schreckt die Stars ab, Wimbledon könnte zum Schaukampf verkommen. Und auch sportlich gesehen verspricht der dritte Grand Slam des Jahres (noch) nicht viel Spannung.

Wimbledon. Tennis auf Rasen (und nach ein paar Tagen auf gestampfter Erde). Blütenweiße Kleidung. Überteuerte Erdbeeren mit Sahne. Kurze Ballwechsel, aber das längste Match aller Zeiten. Serve and volley, zumindest manchmal noch. Die Royal Family in ihrer Box. Pete Sampras. Roger Federer. Die Williams-Schwestern. Boris Beckers Wohnzimmer. Henman Hill. Kein "Center", sondern ein "Centre" Court. Liebgewordene Traditionen - und auch ein paar doch eher "verstaubte" Traditionen.

Wimbledon, das älteste, bekannteste, prestigereichste und bei vielen Spielerinnen, Spielern und Fans beliebteste Tennisturnier der Welt.

Wimbledon, der ... Schaukampf?

Wimbledon, das Chaos.

Wimbledon-Chaos: Botschaft an Russland - und keine Punkte

Im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten hatte sich Tennis in den letzten Monaten mit Spielerinnen und Spielern aus Russland und Belarus arrangiert. Anderswo wurden Teams und Nationalmannschaften ausgeschlossen, doch bei WTA und ATP war davon keine Rede. Unter neutraler Flagge mussten Daniil Medvedev, Viktoria Azarenka und Co. an den Start gehen, das eine oder andere Anti-Krieg-Statement wurde gewünscht und gegeben, aber das war es dann auch. Keine Bestrafung Einzelner für das Verhalten ihres Heimatlandes.

Bis der All England Lawn Tennis and Croquet Club vorpreschte, auch auf Druck der Regierung in der Downing Street: Keine Starterlaubnis für Athletinnen und Athleten aus Russland und Belarus. Man sei nicht bereit, "zu akzeptieren, dass Erfolge oder Teilnahmen in Wimbledon von der Propagandamaschine des russischen Regimes genutzt werden".

Ein Affront für die beiden Touren der Individualsportart: Es handle sich um eine unverhältnismäßige Maßnahme, um die Verletzung von Spieler-Grundrechten. Um Diskriminierung. Und um einen Präzedenzfall, der nicht hinzunehmen war - sonst dürfte von nun an jedes Turnier nach eigenem Gutdünken Spielerinnen und Spieler ausschließen. "Dies ist bei einer Tour, die in mehr als 30 Ländern stattfindet, nicht machbar", erklärten ATP und WTA - und strichen dem berühmtesten Event im Tenniskalender vor einigen Wochen die Weltranglistenpunkte.

Das Echo der großen Stars auf die Verbannung der eigenen Kolleginnen und Kollegen war größtenteils kritisch. "Verrückt", nannte etwa Titelverteidiger Novak Djokovic, selbst im Balkankrieg aufgewachsen, die Entscheidung. "Ich kann den Ausschluss einzelner Athleten aus einem Turnier aufgrund ihrer Nationalität nicht unterstützen", sagte Legende Billie Jean King. "Unfair", kritisierte Medvedev.

Aus der Ukraine kam jedoch Unterstützung für die Entscheidung. "Tennis will sich einfach raushalten, aber das ist falsch", erklärte Alexandr Dolgopolov, einst die Nr. 13 der Welt und seit Monaten an der Front. Elina Svitolina forderte öffentliche Statements: "Fragt sie, ob sie die Invasion und ihre Regierung unterstützen. Wenn sie das nicht tun, wenn sie Putin und Lukashenko nicht unterstützen, dann dürfen sie teilnehmen."

Wimbledon-Chaos: Schaukampf und neue Weltrangliste

Der Kampf um die Weltranglistenpunkte dürfte noch bis Turnierbeginn anhalten. Schließlich hat eine Nullrunde für nicht wenige Profis gravierende Konsequenzen. Hubert Hurkacz etwa, im letzten Jahr im Halbfinale, oder Finalist Matteo Berrettini, werden in der Weltrangliste abstürzen. Andere wie Marton Fucsovicz, letztes Jahr überraschend im Viertelfinale, stürzen sogar aus den Top 100. Auf ihn warten damit Quali-Turniere - es geht nicht nur um Djokovic und Co.

Und: Selbst wenn es Wimbledon ist - so richtig motivieren können sich die Topstars der Szene ohne Ranglistenpunkte nur teilweise. "Wimbledon ohne Punkt, das ist mehr wie eine Exhibition", sagte Naomi Osaka, die am besten verdienende Sportlerin des Planeten, am Rande der French Open. "Ich weiß, das stimmt nicht. Aber in meinem Kopf fühlt es sich so an. Ich kann dann einfach keine 100 Prozent geben." Sie tendiere dazu, das Turnier auszulassen.

"Unsere Währung sind nun einmal Punkte", sagte John Isner, Halbfinalist von 2018. "Derzeit bin ich ehrlich gesagt nicht wirklich heiß. Vielleicht komme ich am Samstag an, spiele am Montag und schaue dann weiter." Lokalmatador Cameron Norrie nahm ebenfalls das Wort "Schaukampf" in den Mund und prognostizierte: "Topspieler werden nicht kommen und sich lieber auf die Hartplatzturniere vorbereiten."

Vielleicht gibt es noch einen Kompromiss, schließlich blieben die Punkte auch auf den jeweiligen Konten, als das Turnier 2020 aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt wurde. Medienberichten zufolge soll die WTA vor einer Einigung mit dem Ausrichter stehen, wonach die Damen immerhin die Hälfte ihrer zu verteidigenden Punkte behalten würden.

Bei den Herren hat Wimbledon sogar in gewisser Weise Glück gehabt: Hätte Djokovic seinen Titel in Roland Garros verteidigt, wäre er als Nummer eins angereist - und mit 2.000 Punkten weniger abgezogen. Das Turnier, das keine Jubelbilder von Medvedev und Co. liefern wollte, hätte ihm so die Nummer eins zugespielt, eine veritable PR-Katastrophe. Durch Nadals Sieg über seinen Erzrivalen im Viertelfinale blieb ihnen das erspart: Jetzt ist Medvedev auch schon vor dem Turnier die Nummer eins der Welt.

Wimbledon-Chaos: Wo sind die Herausforderer für Djokovic?

Bei den Damen sind sechs Spielerinnen aus den Top 30 nicht spielberechtigt, darunter die Nummer 6 (Aryna Sabalenka) und die Nr. 12 (Daria Kasatkina, in Paris im Halbfinale). Bei den Herren wäre Medvedev normalerweise topgesetzt, Andrey Rublev ist ebenfalls seit Jahren Top-10-Spieler. Der sportliche Wert des Turniers ist definitiv beeinträchtigt, auch wenn es sich nicht um Rasen-Spezialisten handelt.

Wenn es diese überhaupt noch gibt. Djokovic könnte man mittlerweile als einen bezeichnen, auch wenn der die French Open "enttäuscht und müde" (Coach Goran Ivanisevic) verließ. Der Djoker wird wohl kein Vorbereitungsturnier spielen - und trotzdem könnte man seine Herausforderer womöglich mit der Lupe suchen müssen:

  • Rafael Nadal will irgendwie antreten, wenn sein Fuß auf neue Behandlungsmethoden positiv reagiert. Allzu optimistisch hörte er sich jedoch nicht an.
  • Roger Federer ist nicht dabei.
  • Alexander Zverev fehlt verletzt.
  • Vorjahresfinalist Matteo Berrettini kehrt nach einer Hand-OP im März erst auf die Tour zurück.
  • Daniil Medvedev ist gesperrt.
  • Carlos Alcaraz hat in seiner Karriere bisher ein Match auf Rasen gewonnen.

Der Serbe muss auf dem Weg zum siebten Wimbledon-Titel womöglich von den Auger-Aliassimes und Shapovalovs dieser Welt gestoppt werden. Ob das viel Spannung verspricht, wird man sehen.

Übrigens sieht es bei den Damen nicht viel besser aus. Titelverteidigerin Ash Barty hat den Schläger an den Nagel gehängt, die Williams-Schwestern nicht gemeldet. Iga Swiatek fühlt sich auf Gras (noch) nicht richtig wohl. Und local darling Emma Raducanu musste ihr Auftaktmatch in Nottingham am Montag verletzt aufgeben.

Keine Punkte, kaum Stars, wenig Spannung: Die Vorfreude auf Wimbledon war schon größer.

Wimbledon: Alle Sieger seit 2011

JahrHerrenDamen
2021Novak DjokovicAshleigh Barty
2020ausgefallenausgefallen
2019Novak DjokovicSimona Halep
2018Novak DjokovicAngelique Kerber
2017Roger FedererGarbine Muguruza
2016Andy MurraySerena Williams
2015Novak DjokovicSerena Williams
2014Novak DjokovicPetra Kvitova
2013Andy MurrayMarion Bartoli
2012Roger FedererSerena Williams
2011Novak DjokovicPetra Kvitova
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