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Tennis

French Open - Carlos Alcaraz: Wie einst Nadal - nur noch besser!

Von Thomas Lehmitz-Artmann

Carlos Alcaraz ist trotz seiner jungen Jahre vor dem Start der French Open in Paris das Gesprächsthema Nummer 1. Der 19 Jahre alte Spanier hat einen kometenhaften Aufstieg hingelegt und mit Siegen gegen Rafael Nadal und Novak Djokovic bereits Geschichte geschrieben. Wie lässt sich der Durchbruch von "Carlitos" erklären, wo liegen seine Stärken - und hat er überhaupt noch Schwächen?

Die Hände weit ausgebreitet, die Augen geschlossen: Carlos Alcaraz konnte es wahrscheinlich selbst nicht ganz glauben. Erst drei Tage zuvor hatte er seinen 19. Geburtstag gefeiert - und nun, drei Tage später, hatte er sowohl sein großes Idol Rafael Nadal, als auch die Nummer eins der Welt namens Novak Djokovic, in Madrid besiegt. Hintereinander, in extrem knappen und unterhaltsamen Dreisatzmatches. Das war in einem Sandplatzturnier bisher noch niemandem gelungen.

Die deutsche Nummer eins Alexander Zverev war dann im Endspiel nach einem späten Halbfinale zu platt, um ernsthafte Gegenwehr zu leisten. Allerdings musste er zugeben: "Auch wenn ich frisch bin, kann ich Carlos heute wahrscheinlich nicht schlagen. Er ist im Moment der Beste der Welt."

Mit dieser Meinung steht Zverev wahrscheinlich nicht alleine da. Die vergangenen Monate des Tennisjahres 2022 gehörten Alcaraz. Nicht nur, weil er auf seinem Lieblingsbelang Sand groß aufspielte, mit Titeln in Madrid und Barcelona. Davor überzeugte der Youngster dieses Jahr auch auf Hartplatz mit dem Masters-Titel in Miami und dem Halbfinale in Indian Wells. Geschlagen hat er sie in diesem Jahr schon alle: Nadal, Djokovic, Zverev, Stefanos Tsitsipas (2x), Casper Ruud, Matteo Berrettini ...

Ein rasanter Aufstieg, wenn man bedenkt, dass Alcaraz vor nur einem Jahr noch die Nummer 94 der Welt war. Zwei Wochen davor sogar nur die 114.

"Ich möchte 2022 hoch hinaus und hoffe unter die Top 15 zu kommen", hatte er seine Ziele fomuliert. Diesen Aufschlag hat er locker übers Netz gebracht: Derzeit steht Alcaraz auf Rang 6 - Tendenz steigend. Wenn er bei den French Open weit kommt, sind Nadal (5) und Tsitsipas (4) durchaus in Reichweite. Und dann kommen ja noch die verlorenen Wimbledon-Punkte dazu ...

Alcaraz und Trainer Ferrero: Tränen nach dem Titel in Miami

Es drängt sich förmlich der Vergleich zu Landsmann Nadal auf. Auch der kam bei seinem großen Durchbruch 2005 als aufstrebender Star nach Paris. Nadal dominierte damals die Turniere vor Roland Garros und gewann sein erstes Grand-Slam-Turnier in Paris, ohne überhaupt in den fünften Satz zu müssen. Im Halbfinale besiegte er Roger Federer - an seinem 19. Geburtstag.

Auch Alcaraz ist 19, ein aufstrebender Star und Sieger mehrerer Turniere im Vorfeld von Roland Garros. Dementsprechend voll des Lobes ist Rafa für den Youngster: "Er ist unglaublich!" Aber er weiß, was die ständigen Vergleiche für Alcaraz bedeuten können. "Genießt sein Spiel und hört auf, mir Fragen über ihn zu stellen", appellierte er deshalb unlängst an die Medien: "Übt nicht so großen Druck auf ihn aus. Lasst ihn einfach seine eigene Geschichte schreiben."

An dieser Geschichte strickt Trainer Juan Carlos Ferrero fleißig mit. Der 42-Jährige war selbst sieben Wochen lang die Nummer eins, gewann 2003 die French Open und traf in seiner Karriere insgesamt neunmal selbst auf Nadal (Bilanz: 2-7).

Ferrero, von Juli 2017 bis März 2018 übrigens auch Trainer von Zverev, erlebte Nadals Aufstieg vor 17 Jahren hautnah mit. Und er weiß: Bis Nadal außerhalb von Paris um Major-Titel mitspielen konnte, dauerte es eine ganze Weile. Deshalb formte er aus dem Sandplatz-Spezialisten Alcaraz schon früh einen Allrounder: "Auf der Tour wird hauptsächlich auf Hartplatz gespielt. Dementsprechend ist es wichtig, das Spiel auf diesem Untergrund zu beherrschen", erklärte er im Interview mit tennisnet.com.

Trainer und Spieler stehen sich sehr nah. Seinen Titel in Miami widmete Alcaraz deshalb dem überraschend verstorbenen Vater seines Coaches, der deshalb erst kurzfristig zum Finale anreisen konnte. Beide lagen sich nach dem Erfolg über Casper Ruud weinend in den Armen.

Carlos Alcaraz - Stärken: Fiese Stopps und gute Volleys

Dass sich Alcaraz zuvor im Alleingang durch das Feld des Masters-Turnieres gekämpft hatte, zeigt seine mentale Reife. Aber auch der Umgang mit dem Schläger ist längst Weltklasse: eine krachende Vorhand und eine starke Rückhand in Kombination mit der Bereitschaft, vermeintlich verlorene Bälle nie aufzugeben.

Klingt nach einem Nadal-Klon - ist er aber nicht. Schon mit 16 wusste Alcaraz: "Mein Spiel ist eher das von Federer. Ich mag es, sehr aggressiv zu spielen, mit vielen Gewinnschlägen." Und tatsächlich erinnert die Art und Weise, mit der Alcaraz seine Punkte vorbereitet und abschließt, zeitweise an den Schweizer Maestro.

Besonders sein Paradeschlag: Der Stopp ist schon jetzt das Markenzeichen von Alcaraz. Dabei zwingt dieser Ball nicht nur den Gegner ans Netz, auch der Spanier selbst rückt vor - und zwar mit stetig wachsendem Erfolg: Laut ultimatetennisstatistics.com machte er im Vorjahr am Netz zu 58 Prozent den Punkt, 2022 wurden daraus bisher starke 76 Prozent. Gleichzeitig gilt: Je stärker die Grundschläge und Angriffsbälle, desto einfacher am Ende die Volleys.

Dass ihm seine Stopps selbst gegen große Namen wie Djokovic, Nadal und Zverev gelingen, zeigt, wie eiskalt Alcaraz in der Lage ist, seinen Matchplan durchzuziehen - selbst wenn ihm ein zu langer Ball mal um die Ohren fliegt. Diese Disziplin ist bemerkenswert. Ist der Gegner einmal am Netz, glänzt "Carlitos" - so lässt er sich am liebsten rufen - mit gutem Auge und einem breit gefächerten Arsenal - von Passierball bis Lob hat er alles parat.

Das Publikum ist dabei oft auf seiner Seite. Einerseits wirkt der Teenager häufig extrem cool und abgeklärt, andererseits heizt er das Publikum nach einem tollen Ballwechsel an, am liebsten mit der Becker-Faust und mit einem lauten "Vamos".

Bestes Beispiel war Madrid, als er einen Gegen-Stopp mit exzellenter Länge von Djokovic durch pure Willenskraft noch ins Feld schlenzte - zum Break und Satzgewinn. Die Freude platzte förmlich aus Alcaraz heraus, er hüpfte über den Platz. Und das Publikum feierte ihn frenetisch.

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