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Tennis

Erneuter Visumsentzug: Fragen und Antworten zu den aktuellen Entwicklungen im Fall Novak Djokovic

Von Stefan Petri

Novak Djokovics Teilnahme an den am Montag beginnenden Australian Open hängt weiter in der Schwebe: Nachdem der australische Einwanderungsminister am Freitag das Visum des Serben erneut annullierte, legten dessen Anwälte Einspruch ein. Resultat: Der Fall wird am Sonntag vor dem Bundesgericht verhandelt. Wie läuft das Wochenende ab? Wie stehen die Chancen des Weltranglistenersten? Und was hat es zu bedeuten, dass die Regierung ihre Argumentation offenbar komplett geändert hat? Fragen und Antworten.

Alle Entwicklungen im Fall Novak Djokovic im Liveticker

Novak Djokovic: Was ist am Freitag passiert?

Um 17.35 Uhr Ortszeit in Melbourne (7.35 Uhr deutscher Zeit) wurde Novak Djokovics Anwälten die Entscheidung des australischen Einwanderungsministers Alex Hawke mündlich übermittelt, das Visum des Serben erneut zu entziehen. Rund 20 Minuten später wurde die Entscheidung öffentlich gemacht, um 18.03 Uhr wurden dem Serben die nötigen Dokumente zugestellt.

Diese Entscheidung hatte sich in den letzten Tagen angedeutet, ebenso wie die Tatsache, dass die Anwälte des Serben umgehend Einspruch einlegen würden. Noch am gleichen Abend kam es zu einer vorläufigen Anhörung beider Parteien vor Richter Anthony Kelly, der am Montag in der Verhandlung von Djokovics erstem Visumsentzug vorsitzend war.

Die finale Entscheidung wird Kelly aber nicht treffen. Er entschied am späten Freitagabend Ortszeit, den Fall dem Federal Court of Australia, also dem australischen Bundesgericht zu übertragen. Die Verhandlung beginnt am Sonntag um 10.15 Uhr Ortszeit und wird wie die bisherigen Verhandlungen per Livestream übertragen. Bereits für den Samstagmorgen (10.15 Uhr Ortszeit) ist eine erste Anhörung angesetzt.

Wird Novak Djokovic das Wochenende in Haft verbringen?

Mindestens zum größten Teil. Und er wird so schnell nicht wieder trainieren können. Obwohl Einwanderungsminister Hawke Djokovic wieder hätte festsetzen können, sah er am Freitagabend davon ab. Nach der Anhörung entschied Richter Kelly stattdessen, dass der Weltranglistenerste am Samstag um 8 Uhr morgens zu einer Befragung durch die Einwanderungsbehörden erscheinen muss. Danach steht er wieder unter Aufsicht, darf aber von 10 bis 14 Uhr ins Büro seiner Anwälte, um sich auf die Verhandlung vorzubereiten. Gleiches gilt am Sonntag ab 9 Uhr Ortszeit.

Von Samstag, 14 Uhr bis Sonntag, 9 Uhr ist Djokovic damit wieder in Haft. Allerdings muss er womöglich nicht zurück ins Park Hotel, wo er nach seiner Einreise bis zur ersten Verhandlung hatte ausharren müssen. Beide Parteien einigten sich am Freitag in einer geheimen Absprache darauf, wo Djokovic untergebracht wird und wo seine Befragung am Samstagmorgen vorgenommen wird - Richter Kelly segnete das ab. Zuvor hatten Djokovics Anwälte Sicherheitsbedenken geäußert und einen möglichen Medienzirkus befürchtet, sollten die Räumlichkeiten öffentlich bekannt bleiben.

Djokovic würde also erst nach einer zu seinen Gunsten ausfallenden Gerichtsentscheidung wieder auf freien Fuß kommen können. Viel Zeit bliebe dann nicht mehr: An Nummer eins gesetzt, müsste er schon am Montag zu seinem Erstrundenmatch gegen Landsmann Miomir Kecmanovic antreten.

Neuer Richter: Vorteil oder Nachteil für Djokovic?

Ein Vorteil könnte es insofern sein, als dass der Fall nun vor dem Bundesgericht und damit der höchsten Instanz verhandelt wird. Sollte der Urteilsspruch pro Djokovic ausfallen, bliebe der Regierung in dieser Hinsicht nicht der Gang vor die nächsthöhere Instanz - wobei unklar ist, ob Hawke Djokovics Visum mit Verweis auf ein anderes Gesetz ein weiteres Mal einziehen könnte. Am Freitag berief sich der Einwanderungsminister in seinem öffentlichen Statement auf Abschnitt 133C(3) des Migrationsgesetzes: Er habe das "Visum von Herrn Novak Djokovic aus Gründen der Gesundheit und der guten Ordnung aufgehoben, da dies im öffentlichen Interesse liegt."

Die Frage, ob Djokovic mit Richter Anthony Kelly einen ihm wohlgesonnenen Vorsitzenden verliert, ist dabei kaum zu beantworten. Zwar hatte sich Kelly am Montag in der Verhandlung teilweise durchaus verständnisvoll geäußert, was die Einreise des 34-Jährigen anging (Zitat: "Was hätte dieser Mann noch mehr tun können?"). Insofern wäre ein neuer Richter womöglich ein Vorteil für die Regierung.

Allerdings darf man nicht vergessen, dass Kelly am Montag mitnichten pro Djokovic geurteilt hat. Vielmehr kamen damals beide Parteien überein, den Visumsentzug aufgrund eines Formfehlers aufzuheben: Djokovic war bei seiner Einreise am Flughafen nicht die ursprünglich zugesicherte Zeit gewährt worden, um die geforderten Dokumente vorzuweisen.

Am Bundesgericht fangen beide Parteien vor dem vorsitzenden Richter Davi O'Callaghan bei Null an - zumal die australische Regierung die Argumentation für den Visumsentzug augenscheinlich geändert hat.

Mit welcher Begründung wird Djokovics Visum entzogen?

Hier ist noch ein wenig Vorsicht geboten, da es sich am Freitag lediglich um eine vorläufige Anhörung handelte. Dabei skizzierte vor allem Djokovics Anwalt Nick Wood die Argumente der Gegenseite, könnte sie also verkürzt wiedergegeben haben. Zudem können beide Lager ihre Argumentationen bis Sonntagmorgen noch beliebig anpassen.

Was festzustehen scheint: Die Regierungsseite argumentiert nicht mehr (primär) damit, dass Djokovic aufgrund fehlender Nachweise die Einreise ins Land verwehrt werden soll. "Herr Djokovic hat die Einreisebedingungen nicht erfüllt und sein Visum wird daraufhin annulliert", hieß es ursprünglich. Gleiches Recht für alle, hatte Ministerpräsident Scott Morrison am 5. Januar auf Twitter betont: "Regeln sind Regeln, besonders, was unsere Grenzen angeht. Niemand steht über dem Gesetz."

Ob Djokovic gegen diese Regeln verstoßen hat, ist nun offenbar nicht mehr relevant. Richter Kelly betonte am Freitag explizit, dass die Frage nach der medizinischen Ausnahmegenehmigung des Djokers und ihr Einklang mit den Visumsbestimmungen noch nicht geklärt sei - dieser Fall sei jedoch abgeschlossen. Stephen Lloyd, Anwalt der Regierungsseite, stimmte ihm zu. Wood erklärte, die Argumentation Hawkes stütze sich darauf, dass der Serbe eine "Anti-Impfungs-Stimmung" im Land verstärken würde, und berief sich dabei wohl auf von der Gegenseite vorgelegte Argumente, die öffentlich nicht einsehbar sind. Zumindest am Freitag gab es darauf keinen Widerspruch von Lloyd.

Visum für die Australian Open: Wie stehen Djokovics Chancen?

Nicht nur Djokovic-Befürworter könnten einwenden, dass die Kehrtwende der Argumentation von Einwanderungsminister Hawke Fragen aufwirft: Ist die Regierung selbst nicht (mehr) davon überzeugt, dass er bei seiner Einreise geltendes Recht verletzt hat? Wenn der Serbe - wie so oft betont - die Regeln gebrochen hat, warum wird damit dann nicht mehr argumentiert?

Ein Vorteil ist das für Djokovic aber noch lange nicht. Eine Argumentation, die sich nun auf "öffentliche Ordnung" und "gute Ordnung" beruft, mag vielleicht schwammiger sein, ebenso der Konjunktiv, der Djoker "könnte" durch seine Anwesenheit Down Under diese oder jene Stimmung auslösen oder sie verstärken.

Aber sie lenkt vom Versagen der Regierung in der Visumsfrage ab - immerhin wurde es Djokovic schließlich ursprünglich ausgestellt. Gleichzeitig wäre eine solche Argumentation von der Verteidigung wohl auch schwerer zu widerlegen. Man darf nicht vergessen, dass es Hawke eben zusteht, auch aufgrund dieser Argumentation ein Visum zu entziehen. Ein Gericht müsste schon sehr starke Zweifel an seinem Vorgehen haben, um die Entscheidung wieder zu kassieren.

Dazu kommt: Wenn die Regierung die Regeln in Bezug auf die Einreise nicht mehr ins Feld führt, so könnte sie umgekehrt aber an die Regeln erinnern, an die Djokovic in Bezug auf Corona zuletzt so offensichtlich verstoßen hatte, nämlich an die in der Öffentlichkeit wahrgenommenen Termine und das Foto-Shooting in Serbien trotz positivem PCR-Test im Dezember.

Wie auch immer am Sonntag genau argumentiert wird: Sollte Djokovics Visum am Ende immer noch Gültigkeit für die Australian Open haben, wäre das angesichts der Ausgangslage überraschend.

Welche Folgen hätte eine Ausweisung Djokovics aus Australien?

So oder so: Die Fronten in der Öffentlichkeit dürften ohnehin verhärtet sein. Für seine Fans, gerade in der Heimat Serbien, wäre der Djoker erst Recht ein unschuldiger Märtyrer, für die Mehrheit der Australier eine Ausweisung die logische Konsequenz aus seinem Verhalten.

Sportlich gesehen stiegen die Chancen für Alexander Zverev und Daniil Medvedev, sich den Titel Down Under in Abwesenheit des dreimaligen Titelverteidigers zu sichern - und ihn gleichzeitig an der Spitze der Weltrangliste abzulösen. Für Djokovic wäre eine große Chance dahin, sich den 21. Grand Slam zu sichern und damit im Triell mit Roger Federer und Rafael Nadal (je 20) vorzulegen.

Mehr noch: Es wäre sogar möglich, dass Nole nie wieder bei seinem Lieblingsturnier antritt, dass er überragende neun Mal gewinnen könnte. Normalerweise ist der Entzug eines Visums nämlich gleichbedeutend mit einem Einreiseverbot für drei Jahre - und Djokovic wird im Mai 35. Zwar gebe es dieser Hinsicht zwar Schlupflöcher, um dem Djoker etwa aufgrund öffentlichen Interesses doch die Einreise zu erlauben. Doch nach den vergangenen Wochen mag man nicht wirklich daran glauben, dass die australische Regierung in dieser Hinsicht auf den ungewollten Gast zugehen würde.

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