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Tennis

Superhirn Craig O'Shannessy im Interview: "Du spielst wie ein 1,70 Meter großer Typ aus Bolivien"

Craig O'Shannessy (l.) gilt weltweit als bester Tennis-Analyst.

Strategie-Guru, Superhirn, Zahlengenie, weltbester Tennis-Analyst. Craig O'Shannessy ist eine der spannendsten Persönlichkeiten im Tenniszirkus. Dem Australier entgeht praktisch kein Ballwechsel. Im Interview mit SPOX spricht O'Shannessy vor dem Start der French Open (ab So. im Eurosport-Player auf DAZN) über seine Jahre an der Seite von Novak Djokovic und schwärmt von Alexander Zverev.

Außerdem erklärt O'Shannessy, welche Statistik die dümmste im Tennis ist und welchen Fehler viele Spieler zu häufig machen.

Craig, Sie gelten als Herr der Zahlen im Tennis, Sie werden auch als Strategie-Guru bezeichnet. Wie würden Sie denn selbst beschreiben, was Sie machen?

Craig O'Shannessy: Ich bin ein Coach. Ganz einfach. Coaching ist das, was ich mein ganzes Leben lang gemacht habe. Bis 2013 hatte ich in Austin in Texas meine eigene Akademie. Am Anfang habe ich auch wie alle Coaches mit Spielern an ihrer Technik oder Fitness gearbeitet, aber irgendwann bin ich tiefer in die Materie eingestiegen und habe versucht, herauszufinden, warum Matches wirklich gewonnen oder verloren werden. Und wie ich Spielern damit helfen kann. So bin ich in die Strategie-Schiene hereingerutscht und habe da meine Nische gefunden. Es ist wichtig, wie du den Ball schlägst. Aber es ist noch wichtiger, wohin du ihn schlägst. Das fasst es ganz gut zusammen. Es geht darum, Muster im Spiel des Gegners zu erkennen. Was mir besonders am analytischen und zahlenbasierten Ansatz gefällt, ist, dass es subjektive Meinungen aus dem Spiel nimmt. Ich versuche, mit meinen Analysen Spielern dabei zu helfen, auf dem Court klügere Entscheidungen zu treffen.

Jetzt könnte man auf die Idee gekommen, dass Sie ein totaler Mathe-Nerd sein müssen.

O'Shannessy: (lacht) Um Gottes Willen, das ich bin ich überhaupt nicht. Mathe war mein schlechtestes Fach in der Schule. Mein Hintergrund ist eher ein journalistischer, ich habe am Anfang auch einige Zeit als Reporter gearbeitet. Ich brauche für meine Arbeit aber auch keine komplizierten Formeln zu kennen oder zu verstehen. In vielen Fällen geht es um simple Prozentrechnungen. Ich schaue mir gerade das Match von Jan-Lennard Struff und Karen Khachanov in Hamburg an. Struff hat den ersten Satz 6:7 verloren. Und wissen Sie warum? Weil seine Quote an ersten Aufschlägen bei 44 Prozent liegt. Es ist fast unmöglich, auf der Tour mit solch einer Quote einen Satz zu gewinnen. Würde sie bei 60 Prozent liegen, hätte er den Satz ziemlich sicher gewonnen.

Craig O'Shannessy: "Es ist eine schlechte, dumme und irreführende Statistik"

Wenn wir uns anschauen, welche Rolle die Statistiken im Tennis spielen, sehen wir aber doch, dass andere Sportarten viel weiter sind. Die Tennis-Statistiken sind seit Ewigkeiten die gleichen. Wo steht Tennis in dieser Hinsicht?

O'Shannessy: Tennis kratzt bislang nur an der Oberfläche, es wäre so viel mehr möglich. Aber in den nächsten fünf Jahren werden wir einen großen Boom erleben, es wird viel mehr Daten geben, da bin ich sicher. Wir werden in fünf Jahren ganz anders über Tennis sprechen und durch mehr Daten ganz andere und vor allem bessere Geschichten erzählen können. Wie Sie richtig sagen, seit Jahrzehnten erheben wir die gleichen Statistiken. Wissen Sie, was mich wirklich aufregt?

Nein, aber schießen Sie los.

O'Shannessy: Unforced Errors. Überall werden die Unforced Errors thematisiert, dabei ist das eine schlechte, dumme und vor allem irreführende Statistik. Sie ergibt überhaupt keinen Sinn und führt uns bei der Analyse von Matches auf die falsche Fährte. Es gibt drei Wege, wie ein Punkt enden kann. Ein Winner, ein Unforced Error und ein Forced Error. Die meisten Punkte enden mit einem erzwungenen Fehler. Aber als ich mir jetzt nach den US Open die Turnierstatistiken angeschaut habe, waren die erzwungenen Fehler überhaupt nicht aufgelistet. Nennen Sie mir einen anderen Sport, bei dem die wichtigste Statistik nicht mal aufgeführt wird. Das ist völlig absurd.

Aber es ist fest in den Köpfen aller Tennisfreaks verankert nach leichten Fehlern zu schauen und so Matches zu bewerten.

O'Shannessy: Ja, weil wir alle es so gelernt haben und so erzogen wurden. Das Verrückte ist, dass selbst wir Tennis-Coaches einen erzwungenen nicht von einem unerzwungenen Fehler unterscheiden können, weil der Graubereich so stark ist. Ich habe einmal einen Vortrag bei einer Trainertagung gehalten und 300 Coaches einen Punkt aus einem US-Open-Match zwischen Rafael Nadal und John Millman gezeigt. Alle sollten aufstehen und die Aufgabe war es dann, dem Sitznachbarn zu sagen, ob es ein erzwungener Fehler war oder nicht. Wer richtig lag, durfte stehen bleiben. Wer falsch lag, musste sich wieder hinsetzen. Nach dem ersten Punkt saß die Hälfte des Raums schon wieder und nach dem zweiten stand fast niemand mehr. Wenn selbst wir Trainer es schon nicht verstehen, wie sollen es dann andere Menschen verstehen. Das ist ein Desaster.

Craig O'Shannessy: "Ich habe es organisiertes Chaos genannt"

Sie sollen einmal gesagt haben, dass Roger Federer eine positive Bilanz gegen Rafael Nadal haben könnte, wenn er mit Ihnen zusammengearbeitet hätte. Stimmt das?

O'Shannessy: Also ich gebe ja zu, dass ich es mag, kühn und mutig zu sein, aber das geht definitiv zu weit. (lacht) Es stand so geschrieben, aber so habe ich das nicht gesagt. Es sind natürlich immer noch die Jungs auf dem Platz, die die Matches gewinnen oder verlieren. Was ich in dem Zusammenhang meinte: Federer hat über ein Jahrzehnt lang überhaupt kein Land gesehen gegen Nadal. Die Bilanz lautete 9-23. Aber seit 2015 steht die Bilanz plötzlich bei 7-1 für ihn. Er hat also ganz offensichtlich etwas herausgefunden und weiß jetzt besser, wie er gegen Nadal spielen muss. Weil sich Rafas Spiel sicher nicht verändert hat. Seine Muster sind unglaublich rigide, er spielt immer und immer wieder nach dem genau gleichen Schema, auch bei bestimmten Spielständen zum Beispiel. Roger mag es, sein Spiel beim Return über den Slice aufzubauen, in die Rally zu kommen und seine Vorhand zu finden. Das funktioniert gegen praktisch jeden hervorragend, aber es funktioniert überhaupt nicht gegen Nadal. Gegen ihn muss er anders spielen. Wenn er das früher erkannt hätte, könnte die Rivalität und die Bilanz der beiden heute anders aussehen.

Aber Federer hatte immer Top-Coaches, vor allem mit Severin Lüthi. Warum hat es trotzdem so lange gedauert?

O'Shannessy: Severin Lüthi und Ivan Ljubicic sind beide hervorragende Coaches, mit denen ich gut befreundet bin. Ich habe einen großen Respekt vor ihrer Arbeit. Ich glaube aber, dass es manchmal nicht reicht, Spielern nur eine Meinung mitzugeben, was jetzt die richtige Strategie sein könnte. Wenn ich es ihnen wissenschaftlich erkläre, mit Zahlen, mit Videos, macht das einen großen Unterschied. Es ist ganz wichtig, ein Match nicht chronologisch zu analysieren, sondern nach Mustern zu schauen. Ich schaue mir zum Beispiel alle Punkte an, die Federer gegen Nadal gewonnen hat in allen Matches. Und isoliert alle Punkte, die er verloren hat. Oder nur alle Vorhand-Winner. Manchmal ist es für einen Spieler schwer, es auf dem Platz zu fühlen, aber wenn man es ihnen aufzeigt, wird das Bild schnell klar.

Jemand, der Nadal einmal besiegen konnte, war auch Dustin Brown 2015 in Wimbledon. Sie haben ihn damals auf Nadal eingestellt. Was waren damals die Schlüssel?

O'Shannessy: Das Gute war, dass wir zwei Tage Zeit hatten, um das Match vorzubereiten. Ich hatte Nadal zu Tode analysiert und kannte sein Spiel wirklich aus dem Effeff. Ich habe versucht, Dustin aufzuzeigen, wie er ihn packen kann und er hat den Gameplan perfekt umgesetzt. Ich habe es damals organisiertes Chaos genannt. Wenn Dustin nicht so gut spielt, sieht es meistens wie ein totales Chaos aus, für ihn und für den Gegner, aber an diesem Tag hat er die perfekte Mischung gefunden. Für Nadal muss es sich wie im Zirkus angefühlt haben, mit den ganzen Stoppbällen, mit Dustins ständiger Serve-and-Volley-Taktik, mit der Idee, Rafa ans Netz zu holen - aber da steckte ein genauer Plan dahinter. Für mich war schon vor dem Match Dustin der Favorit gegen Rafa. Er wusste genau, was er machen muss. Die Frage war nur, ob er den Plan so umsetzen kann. Das hat er diszipliniert gemacht und wurde dafür belohnt.

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