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Tennis

Noah Rubin im Interview: "Der Tennissport befindet sich in einem erschreckenden Zustand"

Noah Rubin ist aktuell die Nummer 225 der Tenniswelt.

In zwei Wochen starten in New York sehr ungewöhnliche US Open. Mitten in der Corona-Pandemie werden nicht nur Fans und zahlreiche Stars fehlen, unter anderem hat Rafael Nadal seine Teilnahme abgesagt, über dem gesamten Tennissport schweben dunkle Wolken. US-Profi Noah Rubin ist aktuell die Nummer 225 der Welt und für die US Open damit nicht qualifiziert, ein echter Nobody. Der 24-Jährige ist aber auch einer der kritischsten Geister auf der Tennistour.

Schon vor einem Jahr gab er bei SPOX spannende Einblicke, wie er den Tennissport revolutionieren würde. Nun hat sich die Lage im Zuge der Coronakrise dramatisiert und die großen Probleme zum Vorschein gebracht.

Im SPOX-Interview spricht Rubin Klartext und zeigt sich angesichts der fehlenden Visionen im Tennis desillusioniert. Außerdem erklärt der gebürtige New Yorker, wie die Situation im Big Apple aussieht und mit welchen Gefühlen er auf die US-Präsidentschaftswahlen blickt.

Noah, Sie sind in New York geboren und leben auch heute noch dort. NY war über eine lange Zeit ein absoluter Hotspot in der Corona-Pandemie. Wie würden Sie die Lage aktuell beschreiben?

Noah Rubin: Uns hat es in New York am Anfang wirklich mit am Schlimmsten getroffen, das war verrückt. Wir hatten auch zwischenzeitlich die meisten Todesfälle pro Tag, da wird einem natürlich ganz anders. Danach haben wir hier aber ziemlich gut reagiert und die Situation einigermaßen in den Griff bekommen. Ich habe aber immer noch Angst davor, dass es sich wieder in die falsche Richtung entwickelt, wenn wir die Grenzen wieder öffnen. Das macht mir Sorgen.

Wie haben Sie die Zeit ganz persönlich erlebt?

Rubin: Es gibt diese Momente, in denen du für einen kurzen Moment egoistisch denkst und dich fragst, wie deine persönliche Zukunft aussieht, wie es für mich im Tennis weitergeht. Aber es dauert nie lange, bis ich realisiere, dass ich noch ein echter Glückspilz bin, wenn ich mir das große Ganze vorstelle. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Menschen ihren Job verloren haben. Wie viele vielleicht Depressionen entwickeln, weil Corona das beschleunigt und sie nicht wissen, wie es weitergehen soll. Wenn ich mir vor allem auch vorstelle, welchen Job Krankenpfleger machen. Ich habe viele Freunde, die im medizinischen Bereich arbeiten. Jedes Mal, wenn sie mir ihre Geschichten aus den Krankenhäusern erzählten, bin ich zusammengezuckt. Du stehst dann so hilflos daneben, weil du gar nichts beitragen kannst, das ist traurig. Es gibt so viele Menschen, die es so viel schwerer haben als ich. Ich habe in dieser Zeit sehr zu schätzen gelernt, wie gut es mir da noch geht.

Noah Rubin: "Es ist eine angsteinflößende Zeit"

New York musste 9/11 durchmachen und überstehen, wie hat sich die Stadt durch die Corona-Pandemie verändert?

Rubin: Ich kenne ziemlich viele Menschen, die bereits aus der Stadt weggezogen sind. Die sich dachten: Wow, in so einer Zeit ist New York City irgendwie nicht der Ort, an dem ich sein will. Viele zieht es an den Stadtrand. Auf der anderen Seite sind New Yorker sehr widerstandsfähige Leute. Auch wenn es im Moment immer noch schwer ist, werden wir uns da wieder rausziehen. Und irgendwann wird es auch einen Impfstoff geben - wir lassen uns da nicht unterkriegen und müssen zusammenhalten. Das ist ganz entscheidend.

Zusammenhalt ist ein gutes Stichwort. Wenn man aus der Ferne auf die USA blickt, sieht man eher ein unglaublich gespaltenes Land.

Rubin: Das stimmt. Das Bizarre ist, dass die Pandemie uns zwar zusammengeschweißt hat, aber nur die Menschen, die vorher schon auf der gleichen Seite standen. Diese sind noch enger zusammengerückt, aber auf der anderen Seite steht diese große Spaltung. Ich weiß gar nicht, was ich zu Donald Trump noch sagen soll. Ich glaube nicht, dass Joe Biden der beste Kandidat auf der Welt ist, aber Kamala Harris als Vize-Kandidatin aufzustellen, war eine großartige Wahl. Und wenn wir ehrlich sind: Wir sind an einem Punkt, an dem jeder andere außer Trump für uns ein guter Präsident wäre. Ich hoffe sehr auf die Wahl im November, aber ich bin auch immer noch besorgt, dass er tatsächlich wiedergewählt werden könnte.

Lassen Sie uns über Tennis sprechen: Wie viel haben Sie in den vergangenen Monaten überhaupt gespielt?

Rubin: In den ersten Monaten, in denen ich mich selbst in Extrem-Quarantäne begeben habe, habe ich den Schläger nicht einmal angefasst. Danach habe ich angefangen, wieder ein bisschen zu trainieren. Aber ehrlich gesagt auch nicht allzu viel. Ich habe immer wieder Pausen eingelegt und es ruhiger angehen lassen, um mich nicht für nichts und wieder nichts kaputtzumachen. Wofür soll ich denn aktuell trainieren? Ich verstehe die Spielerinnen und Spieler, die sich auf die US Open und French Open vorbereiten, aber worauf soll ich mich denn vorbereiten? Es gibt Stand jetzt kein Turnier für mich. Es ist eine sehr seltsame Zeit. Auch eine Zeit, die angsteinflößend ist. Ich habe absolut keine Ahnung, was auf mich zukommt. Die Challenger-Events in Europa sind keine Option, weil ich aktuell nicht aus den USA herauskomme.

Noah Rubin: "Die Tenniswelt ist beschissen im Moment"

Würden Sie denn dort überhaupt spielen wollen?

Rubin: Ich glaube nicht. Selbst wenn ich hinfliegen könnte, wäre es mir das gar nicht wert. Es wäre es mir nicht wert, dass ich mir einen Kopf mache und meine mentale Gesundheit riskiere, um in Europa ein Challenger spielen zu können. Zumal es auch brutal ist, dort reinzukommen, weil die Felder so gut sind. Jeder sucht ja nach Möglichkeiten zu spielen. Ich habe keine Idee, wie es weitergeht.

Sie sind im Moment außerhalb der Top 200 in der Weltrangliste. Wie ist die Situation finanziell?

Rubin: Schwierig. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich mit "Behind the Racquet" ein Projekt habe, das zwar noch nicht viel Gewinn einbringt, aber das mir eine Zukunft und eine Perspektive gibt. Außerdem habe ich ein bisschen was gespart. Aber ich sage Ihnen was: Ich kann mir gut vorstellen, dass wir einige Spieler nach dem Ende der Pandemie nicht mehr auf der Tour sehen werden. Jemand, der um die 300 im Ranking steht und vielleicht 29 oder 30 Jahre alt ist, wird sich sehr gut überlegen, ob er sich nicht einfach einen anderen Job sucht. Weil es so keinen Sinn mehr ergibt. Das kann definitiv passieren.

Sie sind als kritischer Geist bekannt. Wie ist Ihr Blick aktuell generell auf den Tennissport und was für ein Bild er während Corona abgibt?

Rubin: Sie fragen wahrscheinlich die falsche Person. (lacht) Die Tenniswelt ist beschissen im Moment. Wir haben sechs Monate verschwendet. Wir lagen sechs Monate einfach nur auf der Couch herum und haben nichts getan. Wir haben nicht versucht, die Zeit zu nutzen, um den Tennissport weiterzuentwickeln. Um Veränderungen voranzutreiben. Das macht mich traurig. Wir hätten diese Zeit wirklich nutzen können und ich habe ein paar Mal versucht, während der Pandemie zu schauen, ob ich etwas bewegen kann, aber es sieht so aus, als ob es komplett hoffnungslos ist. Auch 2021 wird sich im Tennis nichts verändert haben und Tennis wird immer weiter hinter andere Sportarten zurückfallen. Der Tennissport befindet sich in einem erschreckenden Zustand.

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