Tennis

Tennis, US Open - Sascha Bajin im Interview: "Sorry, Drake, aber deine Schuhe taugen mir nicht"

Sascha Bajin war lange Zeit als Hitting-Partner an der Seite von Serena Williams.
© getty

Sascha Bajin war viele Jahre ein großer Teil im Team von Serena Williams. Später führte er Naomi Osaka zu den Grand-Slam-Titeln bei den US Open und Australian Open und machte die Japanerin zur Nummer eins der Welt. Aktuell bereitet der 34-Jährige die Französin Kristina Mladenovic auf das letzte Major des Jahres in New York vor (ab Montag live im Eurosport-Channel auf DAZN). Im Interview mit SPOX erzählt Bajin Anekdoten aus 13 Jahren WTA-Tour und erklärt, warum er phasenweise kein eigenes Leben mehr hatte.

Außerdem gibt Bajin praktische Tipps für den verhassten Weg ins Büro und beschreibt, was Novak Djokovic, Roger Federer und Rafael Nadal so einzigartig macht.

Herr Bajin, Sie sind jetzt seit 13 Jahren auf der WTA-Tour unterwegs, was ist das Verrückteste, das Sie jemals erlebt haben?

Sascha Bajin: Ich war zwei Wochen lang im Tourbus mit Pharell Williams unterwegs auf seiner USA-Tour. Ich war bei jeder Show auf der Bühne. Ich, der weiße halb-deutsch-halb-Jugo-Typ, der große Hip-Hop-Fan, der mit dieser Musik aufgewachsen ist und alle Texte auswendig kennt. Ich habe Snoop Dog kennengelernt, Drake hat mich zu meinem 30. Geburtstag sogar persönlich angerufen. Hallo?! Wie geil ist das denn?! In Toronto habe ich Kiki (Mladenovic) jetzt erst wieder backstage zu einem Konzert von Drake gebracht, weil wir immer noch Kontakt haben. Ich glaube, diese Jungs finden es auch cool, dass ich nicht so in Ehrfurcht erstarre wie viele andere.

Wie zeigt sich das?

Bajin: Ich bin jemand, der immer seine ehrliche Meinung sagt. Einmal hat Drake sich neue Schuhe gekauft und Serena gefragt, wie sie ihr gefallen würden. Serena wusste schon, dass ich sie nicht so toll finde, also hat sie mich gefragt. Sorry, Drake, aber deine Schuhe taugen mir nicht. (lacht) Drake dachte sich bestimmt, was denn diesem 28-jährigen Pimpf einfällt, aber er fand es geil und hat sich kaputt gelacht. Er meinte, dass ich der Einzige sei, der ihm sagen würde, dass seine Schuhe ihm nicht passen. Aber was soll ich machen, Drake? Sie taugen mir halt nicht.

Bajin über den Start mit Serena: "Also habe ich abgesagt"

Müssen Sie sich manchmal kneifen, wenn Sie zurückdenken, wie Sie in München aufgewachsen sind und dann so eine Karriere auf der Tennistour hingelegt haben?

Bajin: Mein Problem ist, dass ich Perfektionist bin. Perfektionisten vergessen sehr gerne das Gute, weil sie immer die schlechten Dinge verbessern wollen. Ich muss mich immer daran erinnern und mich fast dazu zwingen, die Erfolge und die schönen Momente auch zu genießen. Als Naomi (Osaka) die US Open gewonnen hat, war ich mit meinen Gedanken schon wieder beim nächsten Turnier in Tokio. In meinem Kopf ging es schon wieder darum, den Platz in Tokio zum Training zu buchen. Aber wenn du es nicht schaffst, diese Momente aufzusaugen, wozu machst du das dann alles? Ich muss mich ab und zu bremsen und mir vor Augen führen, dass ich den Augenblick wirklich genieße und mal nicht an morgen denke.

Sie waren selbst ein sehr guter Junior, warum sind Sie nicht den Weg auf die Tour gegangen?

Bajin: Es stimmt, ich war mit 14, 15, 16 in den Top 30 von Europa, das war ganz solide. Als ich 15 war, ist dann allerdings mein Vater bei einem tragischen Unfall gestorben. Sein Tod hat mich sehr getroffen. Mein Vater war bis dahin auch der einzige Coach, den ich kannte. Gerade in dieser Phase, in der es um den Sprung in den Männerbereich geht, plötzlich mit einem ganz anderen Trainer zusammenzuarbeiten, war zu schwer für mich. Ich habe dann mit 18 schon begonnen, Trainerstunden zu geben. Sobald du damit beginnst, ist deine eigene professionelle Karriere vorbei. Es war eine harte Zeit. Ich habe mir die Beine ausgerissen, um irgendwie Geld zu verdienen. Ich war Platzwart, ich habe Schläger bespannt, ich habe Netze aufgebaut - ich habe alles gemacht. Kurz vor meinem 22. Geburtstag bin ich dann mit zwei Taschen im Gepäck zu Serena gezogen. Ab diesem Moment begann meine Reise ins Ungewisse, aber ich habe einfach Ja gesagt, ohne zu wissen, was genau auf mich wartet. Ab diesem Moment war alles anders.

Wie kam es überhaupt zur Chance, Hitting-Partner von Serena zu werden?

Bajin: Ich war Samstagabend mit meinem besten Kumpel in München unterwegs, als ich um Mitternacht einen Anruf von Serenas altem Hitting-Partner bekam. "Pass auf, Serena kommt morgen nach München und will trainieren. Sie sucht wahrscheinlich jemanden und du wärst genau der richtige. Morgen 10 Uhr. Wie sieht's aus?" Ich habe geantwortet, dass ich unterwegs bin, dass ich auch etwas getrunken habe und auf gar keinen Fall morgen um 10 Uhr in der Lage sein werde, mit Serena zu spielen. Also habe ich abgesagt. 45 Minuten später hat es aber wieder geklingelt. Er hatte niemand anderen gefunden. Letztendlich habe ich gesagt: "Scheiß drauf, dann mache ich es halt." Am nächsten Tag haben wir im Olympiapark gespielt und nach vier, fünf Tagen hat es ihr offenbar so gut gefallen, dass sie mich gleich zu den French Open mitgenommen hat. Das war der Anfang von acht Jahren an der Seite von Serena.

Bajin: "Ich konnte das nur machen, weil ich kein eigenes Leben hatte"

Und es wurde eine unglaublich innige Beziehung.

Bajin: Ich war selbst verwundert, wie schnell das ging. Anfangs dachte ich, dass sie einen vielleicht nicht sofort so tief in ihre Welt reinlässt, aber wir waren sehr schnell so vertraut, dass sie mir anbot, bei ihr zu wohnen. Plötzlich stand ich bei Serena im Wohnzimmer und sah die ganzen Trophäen - da war ich erstmal baff. Ich habe mir dann aber auch wirklich den Hintern aufgerissen. Ich hatte wirklich kein Sozialleben, ich war 24 Stunden am Tag für Serena da. Wenn Serena in den Urlaub geflogen ist, bin ich mitgeflogen.

Sie könnte ja Lust auf Tennis bekommen.

Bajin: Ich bin dabei für den Fall, dass sie an Tag vier des Urlaubs vielleicht ja doch trainieren will. Ich erinnere mich noch an einen Urlaub, da haben wir auf Pferden die Insel erkundet. Serena und ihr Freund wie die Turteltauben vorneweg und ich habe mich in der Zeit dahinter mit meinem Pferd unterhalten. Und, was machst du so heute Abend? (lacht) Es war irgendwie schön, aber ein Privatleben hatte ich nicht. Wenn Serena zum Einkaufen gegangen ist, bin ich auch zum Einkaufen gegangen. Wenn Serena auf ein Konzert gegangen ist, bin ich auch aufs Konzert gegangen. Ich bin für diese Zeit auch übertrieben dankbar, weil ich unglaublich tolle Sachen erleben durfte, es hat auch Spaß gemacht, aber auf Dauer kannst du so ein Leben nicht führen. Ich konnte das nur machen, weil ich kein eigenes Leben hatte. Ich habe mein Leben komplett ihr gewidmet.

Sie haben mal gesagt, dass Serena mehr über Sie weiß als Ihre eigene Mutter.

Bajin: Absolut. Mit der Zeit kann ein so enges Verhältnis auch kompliziert werden, weil man sich irgendwann unprofessioneller verhält und Sachen sagt, die man sonst nicht sagen würde. Einfach weil man so freundschaftlich verbunden ist und denkt, es sei okay. Aber dennoch war ich der Angestellte und Serena die Chefin. Aber hey, ich würde die Zeit mit Serena gegen nichts auf der Welt eintauschen und alles genau so wieder machen. Es war eine gigantische Erfahrung.

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