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Radsport

Das Gelbe Känguru hat den Löwen

Von Torsten Adams
Cadel Evans schlüpft ins Gelbe Trikot der Tour de France
© Getty

Der Toursieger 2011 heißt Cadel Evans! Im Zeitfahren seines Lebens reißt er Andy Schleck das Gelbe Trikot von den Schultern (das Ergebnis der Etappe). Indes holt ein überglücklicher Tony Martin den Tagessieg in Grenoble.

Nur noch 95 Kilometer, dann ist Cadel Evans am Ziel seiner Träume angelangt. Zweimal wurde der 34-Jährige Zweiter, nun steht er kurz vor dem Gesamtsieg - nur noch ein Sturz kann den ersten australischen Toursieg verhindern.

Als Evans im Ziel von Grenoble die ersten Glückwünsche von Teamchef John Lelangue und Pressechef Sean Weide entgegennahm, schossen dem sonst so gefassten Routinier die Tränen in die Augen: "Ich habe unseren Plan befolgt und einfach alles gegeben", so Evans.

Perfektes Zeitfahren

Auf dem Rundkurs um Grenoble legte Evans ein perfektes Zeitfahren hin. Bereits nach knapp 20 Kilometern hatte er seinen Rückstand von 57 Sekunden auf Andy Schleck wettgemacht.

Im Ziel waren es satte 2:31 Minuten Vorsprung, die ihn im Gesamtklassement schließlich 1:34 Minuten vor den Luxemburger katapultieren.

Evans in Gedanken bei Sassi

Nachdem sich Evans die Tränen weggewischt hatte, gab er sich im Sieger-Interview nach dem Rennen gewohnt zurückhaltend: "Wir sind noch nicht in Paris über den Zielstrich gefahren, es kann immer noch was passieren."

Über Jahre hinweg machte er sich durch seine stoische, demütige und ehrliche Art im Radsport-Zirkus zahlreiche Freunde. Statt freudetrunken seine Fabelleistung zu feiern, lenkte Evans die Aufmerksamkeit lieber von sich weg auf seinen im Dezember verstorbenen Trainer Aldo Sassi: "Er war seit 2001 an meiner Seite und hat immer an mich geglaubt. Die Erinnerungen an ihn machen diesen Tag umso schöner."

Leoparden verpassen Streckenbesichtigung

Während im Team BMC die Champagnerkorken knallen, erlebte Leopard-Trek einen rabenschwarzen Tag.

Der Samstag hatte für das luxemburgische Team um die Schleck-Brüder schon schlecht begonnen. Am Vormittag reisten die Leoparden so spät aus Alpe d'Huez nach Grenoble an, dass sie über 90 Minuten im Verkehrsstau aufgehalten wurden. Die Folge: Die Zeitfahrstrecke war schon gesperrt und keiner der Profis konnte die letztlich entscheidende Etappe mit dem Rad abfahren.

Cancellara mit Regenpech

Ein klarer Nachteil gegenüber Evans, der den Parcours vor einigen Wochen schon beim Criterium Dauphine auf identischer Strecke absolvierte. Da half es auch wenig, dass die Schleck-Brüder im Teamwagen mitfuhren, als Fabian Cancellara als einer der ersten Fahrer von der Rampe rollte.

Denn auch der amtierende Weltmeister im Zeitfahren sollte benachteiligt werden. Während bei den späteren Startern die Sonne vom Himmel schien, war Cancellara auf teils nassen Straßen unterwegs. So sprang am Ende für den Schweizer nur der achte Platz heraus.

Beide Schlecks auf dem Podium

Der größte Wermutstropfen sollte aber noch kommen. Andy Schleck ging um 16:18 Uhr als letzter Fahrer auf den Kurs. Bereits bei der ersten Zwischenzeit lag der 26-Jährige 36 Sekunden hinter Evans zurück, sein Bruder Fränk hatte an dem Messpunkt 34 Sekunden eingebüßt. Bei der zweiten Messung lagen die Schlecks dann schon aussichtslos im Hintertreffen.

So musste Andy das Gelbe Trikot nach nur 24 Stunden wieder abgeben und wird die Tour zum dritten Mal in Folge auf dem zweiten Platz beenden.

Doch der Enttäuschung dürfte schon bald Stolz folgen, denn in Paris werden Andy und Fränk hinter Evans das Podium komplettieren - und als das erfolgreichste Bruder-Paar in die Geschichte der Tour de France eingehen.

Gesamtwertung: Familie Schleck auf dem Podium

Martin holt den Tagessieg

Wenn auch nicht in Paris, so schaffte Tony Martin den Sprung auf das Podium in Grenoble. Der Zeitfahrspezialist fuhr die Konkurrenz in Grund und Boden. Bis auf Evans kam kein anderer Fahrer näher als eine Minute an Martin heran.

"Ich habe soviel Adrenalin in mir. Ich könnte die ganze Welt umarmen", freute sich der Cottbuser als klar war, dass ihn Evans nicht mehr überholen konnte. Doch am Ende machte es der Australier noch einmal spannend: Nur sieben Sekunden mehr benötigte Evans für die 42,5 Kilometer.

"Ich war recht optimistisch, als ich an der ersten Zwischenzeit 21 Sekunden vor Evans lag. Doch dann wurde mein Vorsprung immer geringer. Ich glaube, da wurde ich ganz blass im Gesicht. Mein Puls ging hoch und ich schaute nur noch gebannt auf den Fernseher", sagte Martin.

Zweiter deutscher Etappensieg

Der HTC-Profi machte mit dem Triumph im Zeitfahren nach Andre Greipel, der die Etappe nach Carmaux gewann, den zweiten deutschen Etappensieg perfekt.

Es war der erhoffte Befreiungsschlag für den 26-Jährigen, nachdem er in den Pyrenäen eingebrochen war und auch in den Alpen enttäuschte. Hatte er sich vor der Tour noch eine Platzierung in den Top Ten ausgerechnet, reicht es für ihn am Ende nur für den 44. Rang in der Gesamtwertung.

Champagnerfahrt für Evans

Am Sonntag findet die Tour traditionell auf den Champs Elysees in Paris ihr Ende. Während die Sprinter auf der abschließenden Tour d'Honneur noch um das Grüne Trikot kämpfen, wird sich Evans ein Schlückchen Schampus genehmigen - und ganz Down Under in Ekstase versetzen.

"Ich will einen nationalen Cadel-Evans-Tag", twitterte das australische Parlamentsmitglied Ed Husic schon vor mehreren Tagen und schlug den Montag nach der letzten Tour-Etappe vor. Mal sehen, ob Husic sein Vorhaben durchzieht.

Die Trikotträger nach der heutigen Etappe:

Gesamtwertung: Cadel Evans (BMC)

Sprinter: Mark Cavendish (THR)

Bergtrikot: Samuel Sanchez (EUS)

Bester Jungprofi: Pierre Rolland (EUC)

Auf Seite 2 gibt's das Rennen im Re-Live zum Nachlesen

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