Leichtathletik

Usain Bolts Weltrekord bei der WM 2009 in Berlin: 9,58 Sekunden für die Ewigkeit

© getty

Am Freitag startet die Leichtathletik-WM in Doha. Wenn die besten Athleten der Welt um die Medaillen kämpfen, wird ein Name schmerzlich vermisst werden: Usain Bolt. Genau zehn Jahre ist es her, dass der Stern des schnellsten Mannes aller Zeiten so hell erstrahlte wie niemals zuvor. SPOX blickt zurück auf die WM 2009 in Berlin - und magische 9,58 Sekunden.

Sie konnten einem nur leidtun, die Fotografen, die sich an jenem 16. August 2009 im Inneren der blauen Berliner Tartanbahn versammelt hatten. Gute 30 Meter hinter der Ziellinie hofften sie darauf, im altehrwürdigen Olympiastadion Zeugen eines geschichtsträchtigen Rennens zu werden. Die besonders Cleveren hatten sich sogar noch weiter hinten positioniert, fast schon in der Mitte der Linkskurve.

Doch mit dieser unfassbaren, im wahrsten Sinne des Wortes "unvergleichlichen" Geschwindigkeit von Usain Bolt an diesem lauen Sommerabend hatten auch sie nicht gerechnet.

Und so hatte es etwas Drolliges, als Bolt über die Ziellinie schwebte und sich, vom eigenen Weltrekord berauscht und kaum langsamer werdend, vom Schwung der vorigen einhundert Meter bis auf die Gegengerade tragen ließ. Die Fotografen nämlich hasteten verzweifelt hinterher, mit im Vergleich zu Bolt fast schon winzigen Schrittchen, die teuren Kameras aus dem Lauf heraus auf den Jamaikaner abfeuernd.

Meisterwerke der Technik, die ein menschliches Meisterwerk festhalten und verewigen sollten.

Es dauerte eine Weile, bis ihn das gute Dutzend rot gekleideter Fotografen endlich gestellt hatte, doch irgendwann war auch Bolt ausgetrudelt, zeigte seine berühmte Jubelpose und badete im Jubel der begeisterten Berliner Zuschauer. Als er sich wieder in Bewegung setzte, mussten auch die Paparazzi los, um ein paar Meter zwischen sich und den Goldjungen zu bringen - und angesichts des einen oder anderen eher rundlichen Torsos mochte man sich des Eindruck nicht erwehren, dass nicht nur Bolt in den vergangenen Sekunden eine persönliche Bestzeit aufgestellt hatte. Ihr Glück: Für seine Ehrenrunde ließ sich der neue Weltmeister insgesamt 20 Minuten Zeit.

Merke: Wer einen Usain Bolt einfangen will, für den ist kein Vorsprung zu groß.

Usain Bolt nach dem Olympiasieg von Peking: Was ist sein Limit?

Einen Vorsprung auf den Olympiasieger von Peking hatte sich 2009 auch Tyson Gay ausgemalt, zumindest beim Überqueren der Ziellinie im finalen Lauf um 21.35 Uhr Ortszeit. Einen Vorsprung hatte er sogar nach Berlin mitgebracht, wenn man so will, schließlich war der US-Amerikaner mit der Weltjahresbestzeit angereist: 9,77 Sekunden bedeuteten persönliche Bestzeit. Genau 0,02 Sekunden schneller war er damit als Bolt, nur ein Bruchteil eines Wimpernschlages - aber vielleicht genug für die Titelverteidigung?

Schließlich hatte Bolt alles andere als eine perfekte Vorbereitung gehabt, mit regnerischen und windigen Meetings, und dann war da ja noch der Eingriff am linken Fuß im April, als Bolt seinen BMW M3 in Jamaika in einen Graben gesetzt hatte und beim Verlassen des Wracks in Dornen getreten war. Die Form von Peking, die schien er nicht zu haben.

Überhaupt, Peking. Im "Vogelnest" der chinesischen Hauptstadt war Bolt fast genau ein Jahr zuvor zu Gold gesprintet, mit einer fast schon unerhörten Lässigkeit - und offenen Schnürsenkeln. Auf 9,69 Sekunden hatte er den Weltrekord damals gestutzt, obwohl er viele Meter vor dem Ziel ausgetrudelt war. Die versammelte Weltelite hatte er zu zweitklassigen Statisten degradiert, ja fast schon lächerlich gemacht.

Und überall auf der Welt Gedankenspiele angeregt: Wie schnell hätte er wohl laufen können, dieser 21-Jährige, der mit 1,96 Metern Körpergröße und 86 Kilogramm Körpergewicht daherkam, so ganz anders als die übrigen kompakten, ja teilweise fast schon bullig-gedrungenen Sprinter der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Hätten die 9,60 fallen können? Vielleicht sogar die 9,50?

Usain Bolt in Berlin 2009: Ein Moment für die Ewigkeit

In Berlin sollte Bolt die Antwort geben. Betont locker präsentierte er sich bei der Vorstellung vor dem Start, machte seine üblichen Faxen und sprach noch ein "Let's go!" in die Kameras. Dabei hatte er im Halbfinale noch einen Fehlstart produziert. Typisch für die Frohnatur von der kleinen Karibikinsel, die sich vor dem Rennen noch ihre Leibspeise gegönnt hatte: Chicken McNuggets. McDonald's verleiht Flügel, man kennt das ja aus persönlicher Erfahrung zur Genüge.

"Ready." Ein letztes Ausschütteln der Muskulatur, dann das Zusammenkauern auf den Startblöcken. Den Kopf geneigt wie beim Gebet, vor den Augen nur noch der blaue Untergrund, so sie denn überhaupt geöffnet sind.

"Set." Kein Mucks plötzlich aus zehntausenden Kehlen. Acht zur Perfektion gedrillte Körper - und ein paar Nuggets - zum Zerreißen gespannt. Bereit, vom nächsten Geräusch "befreit" zu werden aus der eigenen Starre, sich nach vorn zu stürzen, der Ziellinie entgegen.

Ein Pistolenschuss. Ein kollektiver Aufschrei.

9,58 Sekunden später ist es vorbei. Und gleichzeitig ist es für immer.

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