Leichtathletik

Kommentar zur WM in Doha: Die Leichtathletik zerstört sich selbst

Samstagabend in Doha: In einem fast leeren Stadion hat der umstrittene Christian Coleman soeben die 100 m gewonnen.
© imago images

Katastrophale Bedingungen, fehlendes Interesse, Umweltzerstörung, Frauenfeindlichkeit, mangelndes Durchgreifen gegen Doping - die einstige Massensportart gibt bei der WM in der Wüste ein erbärmliches Bild ab. Ein Kommentar.

Früher war alles besser - zumindest in der Leichtathletik. So ähnlich hat das kürzlich die ehemalige Weltklasse-Kugelstoßerin Nadine Kleinert gesagt.

Demnach fehle es der einstigen Massensportart praktisch an allem: Nachwuchs, Trainern, TV-Präsenz und vor allem Geld. Kleinerts vernichtendes Fazit: "Wenn es so weitergeht, dann ist die Leichtathletik in zehn Jahren tot."

Nach den Bildern des vergangenen Wochenendes kann man da nicht widersprechen. Denn bei der Weltmeisterschaft in Katar wird eigentlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.

Die Wurzel des Übels: Ein Glutofen als Veranstalter

Die Wurzel des Übels liegt freilich in der von offenen Bestechungsvorwürfen umgebenen Vergabe der Titelkämpfe an das Emirat im Jahr 2014. Schon damals war klar, dass die WM in einem Glutofen stattfinden wird, der selbst Hochleistungssportler überfordert. Da zur extremen Hitze von bis zu 40 Grad noch die unglaublich hohe Luftfeuchtigkeit kommt, klappten die Athleten bei den Open-Air-Wettbewerben Marathon und Gehen reihenweise zusammen.

Eine desaströse PR, die auch durch die Wettkämpfe im auf 26 Grad heruntergekühlten Khalifa International Stadium nicht besser wird. Zwar sind die Bedingungen dort durch die riesigen Klimaanlagen deutlich angenehmer, aber aus ökologischer Sicht ist die Verschwendung von Ressourcen gerade vor dem Hintergrund der Fridays-for-Future-Bewegung ein Aberwitz.

Hinzu kommt die traurige Resonanz in der 40.000 Zuschauer fassenden Arena, die schon zur Hälfte mit Planen abgedeckt und dennoch halbleer ist. Ein dermaßen geringeres Interesse für eine Leichtathletik-WM vor Ort gab es noch nie.

IAAF-Boss Sebastian Coe und die Investition in die Zukunft

Die Schuld daran liegt abgesehen von den dubiosen Geldflüssen bei der Vergabe aber nicht bei den Kataris, sondern beim Internationalen Leichtathletik-Verband. Dass der Ausrichter noch unter dem Skandal-Präsidenten Lamine Diack bestimmt wurde, der mittlerweile in Frankreich in Hausarrest sitzt, ändert daran wenig.

Denn auch die meisten heute noch aktiven Funktionäre um den damaligen Vize- und jetzigen IAAF-Präsidenten Sebastian Coe sprachen sich ja für die WM in der Wüste aus. Der Brite behauptete sogar, die Vergabe sei eine Investition in die Zukunft.

Realitätsverweigerung auf allen Ebenen

Diese Realitätsverweigerung passt allerdings ins erbärmliche Bild, das der Weltverband aktuell abgibt. Sei es mit den frauenfeindlichen Von-unten-Kameras in den Startblöcken oder mit der Starterlaubnis für 100-Meter-Sieger Chris Coleman, der gleich drei Dopingstests binnen eines Jahres verpasste.

Normalerweise hätte der US-Amerikaner dafür zwei Jahre gesperrt werden müssen, wegen eines angeblichen Formfehlers konnte er aber dennoch triumphieren - vor leeren Rängen.

Schon nach drei Tagen lässt sich daher ein trauriges Fazit ziehen: Mit solchen Weltmeisterschaften zerstört sich die olympische Kernsportart Leichtathletik selbst - und braucht dafür vielleicht nicht mal zehn Jahre.

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