Boxen

DAZN-Kommentator Uli Hebel im Interview vor Wilder vs. Fury II: "Der im Labor gezüchtete Athlet gegen den manischen Künstler"

Tyson Fury und Deontay Wilder treffen zum zweiten Mal aufeinander.

Der erste Fight zwischen Deontay Wilder und Tyson Fury endete in einem sehr kontroversen Unentschieden - jetzt kommt es in der Nacht auf Sonntag (5.45 Uhr live auf DAZN) in der MGM Grand Garden Arena in Las Vegas zum mit Spannung erwarteten Rematch. Uli Hebel wird den Mega-Fight für DAZN kommentieren. Im Interview mit SPOX analysiert Hebel die beiden Boxer und gibt seinen Tipp ab.

Tyson Fury und Deontay Wilder kämpfen um den WM-Gürtel der WBC im Schwergewicht und Ihr könnt den Kampf in der Nacht zum Sonntag ab 5.45 Uhr auf DAZN live sehen. Holt Euch jetzt einen Freimonat!

Außerdem spricht Hebel über die Zukunft im Schwergewicht und verrät, auf wen man besonders achten muss.

Herr Hebel, am Sonntagmorgen steht Wilder vs. Fury II auf dem Programm. Sind Sie noch heißer auf den Kampf als vor AJ vs. Ruiz II?

Uli Hebel: Nein, so würde ich es nicht sagen. Ich war extrem gehyped und heiß vor AJ vs. Ruiz II, weil es bei diesem Kampf so große Fragezeichen gab. Die Fallhöhe war auch so groß. Wenn AJ erneut verloren hätte, wäre er weg gewesen vom Fenster. Aber boxerisch ist Wilder vs. Fury II sicher ähnlich interessant. Wenn ich AJ vs. Ruiz II ausklammere, müssten wir in die 90er zurückgehen zu Tyson vs. Holyfield, um im Schwergewicht einen Kampf zu finden, der so groß war. Zumal dieser Kampf auch von diesem spannenden Kontrast lebt. Zugespitzt formuliert: Auf der einen Seite Wilder, der im Labor gezüchtete Athlet. Und auf der anderen Seite Fury, der manische Künstler.

Ist es im Vergleich zu AJ vs. Ruiz mehr ein Kampf für die Freaks?

Hebel: Definitiv, das glaube ich schon. Wir werden wieder mehr unter uns im Box-Kosmos sein. Der Kampf bedient den Mainstream weniger. Alleine schon wegen der Uhrzeit, aber auch weil weder Wilder noch Fury in den USA besonders ziehen. Da können sie mit AJ und auch mit Ruiz und dessen Sympathiefaktor nicht mithalten.

AJ wird ja seit Jahren in die Muhammad-Ali-Schiene gedrückt.

Hebel: Das stimmt. Er unterstützt es aber auch selbst. Er verkörpert die Ästhetik, den perfekten Modellathleten - und er wird einfach unglaublich gut vermarktet. Fury dagegen stößt Leute mit seiner Art und Weise zu reden eher ab. Und ehrlicherweise müssen wir auch festhalten, dass Fury erwiesenermaßen ein Rassist ist. Er ist als Charakter unberechenbar. Wilder würde ich im Gegensatz zu Fury als integren Typen einschätzen. Das Problem bei ihm ist, dass er versucht, ein Lautsprecher zu sein und in diese Rolle gedrängt wird - er ist es aber eigentlich gar nicht. Wenn man sieht, wie Wilder weg vom Scheinwerferlicht Interviews gibt, dann sind die immer sehr interessant. Auch wie er sich mit seiner Familie zeigt - er ist ein netter Typ. Aber es wird versucht, ihn als das Monster, das allen den Kopf abreißt, darzustellen. Das finde ich schade.

Wie würden Sie im Rückblick den ersten Kampf der beiden einordnen?

Hebel: Ich war sehr überrascht von Furys Leistung. Dass er im erst dritten Kampf nach seinem Comeback zu so einer Leistung imstande ist, hätte ich nicht erwartet. Ich glaube, dass ihn Wilder minimal unterschätzt hat. Im Nachhinein war das Unentschieden sehr schmeichelhaft für Wilder. Aber wenn du den Weltmeister in dessen Heimat boxt, musst du eben noch deutlicher gewinnen als sonst. Aber klar, das Urteil war sehr kontrovers.

Uli Hebel: "Einen Menschen wie Fury gibt es eigentlich nur in der Literatur"

Wenn wir uns Fury und Wilder genauer anschauen: Woran denken Sie denn als Erstes, wenn Sie an Fury denken?

Hebel: Fury ist ganz schwierig zu bewerten, das merke ich auch jedes Mal, wenn ich mich auf einen seiner Kämpfe vorbereite. Bei ihm kann immer alles passieren, sowohl in die positive als auch in die negative Richtung. Bringt er die beste Version seines Ichs in den Ring, erleben wir einen der besten Schwergewichtler, den wir je erlebt haben. Niemand kann ihn dann fassen. Aber der Totalabsturz ist genauso gut möglich. Einen Menschen wie Fury mit so verschiedenen Facetten gibt es sonst eigentlich nur in der Literatur. Er hat eine Aufmerksamkeitsspanne von zwei Minuten - wenn überhaupt! Es muss für einen Trainer so unglaublich schwer sein, ihn bei der Stange zu halten. Da hört man auch die skurrilsten Geschichten. Er kann in einem Moment sensationell gut trainieren und du denkst, er hat es verstanden. Und dann geht er aus dem Ring und zeigt den Leuten Pornos. Aber genau das ist Tyson Fury.

Er stand ja auch sehr kurz vor dem Selbstmord und hat kürzlich erst wieder gesagt, dass er eigentlich jeden Sonntag daran denken würde, sich das Leben zu nehmen.

Hebel: Er ist fürchterlich ambivalent. Ich kann mir gut vorstellen, dass er an einem Tag aufwacht und der glücklichste Mensch der Welt ist. Und am nächsten ist alles scheiße und er will sich umbringen. Er könnte in Geld baden und alle WM-Gürtel der Welt haben, das würde glaube ich keinen Unterschied machen. Das macht ihn aber auch aus. Bei ihm sind die Suizid-Gedanken psychischer Natur. Bei Wilder, der auch mal erzählte, die Waffe auf dem Schoß gehabt zu haben, ist es in der Biografie begründet. Vor allem durch die Krankheit seiner Tochter, das war ein schwerer Schicksalsschlag.

Was das Boxerische angeht: Da sah Wilder im letzten Kampf gegen Luis Ortiz nicht gerade top aus, oder?

Hebel: Jein. Ich habe in dem Kampf schon das bekommen, was ich vorher erwartet hatte. Wir müssen uns einfach immer wieder in Erinnerung rufen, dass Wilder im Vergleich zum Rest der Schwergewichtsklasse der sehr viel eindimensionalere Typ ist. Das sieht vielleicht nicht immer total überzeugend aus, aber er weiß genau, was er tut. Er bereitet die eine Explosion vor, die er braucht. Und dann gehen die Lichter aus. Eine kurze Unaufmerksamkeit reicht ihm.

Und Furys letzte Kämpfe gegen Tom Schwarz und Otto Wallin?

Hebel: Ganz ehrlich, der Kampf gegen Schwarz war natürlich eine Frechheit. Bei allem Respekt vor Schwarz. Für Deutschland war der Kampf sicher ganz nett, aber es war ein komplettes Mismatch. Das war einfach nicht sehenswert. Da schalten die Fans in den USA auch ganz schnell ab, wenn du ihnen solche Kämpfe präsentierst, da kann dein Walk-In noch so toll sein. Den Fight gegen Wallin kann man machen, aber Ortiz war da schon eine andere Nummer. Das Problem bei Fury ist, dass du aus diesen Kämpfen nie etwas schließen darfst. Er hat auch vor dem ersten Kampf lächerliche Gegner gehabt und war dann zum richtigen Zeitpunkt voll da. Genauso wie er gegen Wladimir Klitschko voll da war. Er hat bewiesen, dass er in den ganz großen Kämpfen seine beste Leistung abrufen kann.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung