Basketball

BBL-Restart - Crailsheim-Boss Martin Romig im Interview: "Wir haben die Brauerei leer getrunken"

HAKRO Merlins Crailsheim wurden 1986 aus einer Schul-AG gegründet, jetzt mischen sie die BBL auf!

Die HAKRO Merlins Crailsheim waren das Sensationsteam der BBL - dann kam die Coronakrise. Jetzt wagt nach dem Fußball auch der Basketball den Restart und kehrt ab Samstag mit einem Finalturnier in München zurück. Crailsheim-Boss Martin Romig erklärt im Interview mit SPOX, warum das Event eine einmalige Chance ist und wie die Merlins ums Überleben kämpfen.

Außerdem erzählt der 52-jährige Romig die völlig verrückte Cinderella-Geschichte der Merlins. 1986 aus einer Schul-AG gegründet, 2020 auf Rang drei der BBL. Und zwischendurch vor allem: Party, Party, Party!

Pure Magic: Die 4-teilige Video-Dokumentation der HAKRO Merlins Crailsheim

Bevor wir zur Entstehungsgeschichte der HAKRO Merlins Crailsheim kommen: Wie sind Sie persönlich zum Basketball gekommen?

Martin Romig: Erstmal gar nicht. (lacht) Ich bin zwar in Boston geboren, nachdem meine Eltern nach dem Krieg erst nach Kanada ausgewandert und dann weiter in die USA gezogen sind, aber meine ersten Sportarten waren Eishockey und Baseball. Als meine Mutter Heimweh bekam und wir zufällig in Crailsheim landeten, weil mein Vater dort ein Jobangebot annahm, konnte ich mit meinen Sportarten aber nichts mehr anfangen in Deutschland. Da war nichts. Also musste ich mich im örtlichen Fußballverein anmelden, ich hatte keine andere Wahl. Ab und zu sind wir mit der Clique aber trotzdem nach Heilbronn gefahren, um dort abends um 22 Uhr in der Halle ein bisschen Eishockey zu zocken. Wir waren generell offen für alles. Wir haben auch Tennis, Squash oder Faustball ausprobiert. Basketball kam dann erst durch die Schule.

Eine Schüler-AG ebnete den Weg für die Merlins.

Romig: Richtig. Das musste sich aber erst entwickeln. Am Anfang war es so, dass laut DIN-Norm in einer Schul-Turnhalle plötzlich Körbe hängen mussten. Aber niemand wusste, wie dieser Basketball funktioniert. Auch die Lehrer hatten keinen Schimmer. Das hat uns irgendwie heiß gemacht. Wir haben angefangen, uns über Theoriebücher ein wenig Wissen anzueignen. Als es möglich wurde, Videokassetten von NBA-Spielen aus den USA zu bestellen, haben wir das gemacht. Wir hatten nur ein Problem: Niemand hatte einen Videorecorder, den gab es nur in der Schule.

Was dann?

Romig: Wir mussten den Physiklehrer darum bitten, in einer freien Stunde den Physikraum nutzen zu dürfen. Dort haben wir uns die Anfänge von Michael Jordan reingezogen und alles aufgesaugt. Wir haben versucht, uns autodidaktisch alles beizubringen und wollten es auf dem Freiplatz oder in der Turnhalle, in die wir uns immer wieder reingeschmuggelt haben, kopieren. Strukturierter wurde es erst, als ein ehemaliger Austauschschüler als Lehrer nach Crailsheim zurückkam. Er hatte sich durch seinen USA-Aufenthalt Know-how angeeignet. Wir hatten endlich jemanden, der uns wirklich Basketball lehren konnte. Wir mussten noch warten, bis wir volljährig waren, aber am 31. Januar 1986 war es dann soweit. Wir gründeten im TSV Crailsheim eine Basketball-Abteilung und feierten noch im gleichen Jahr unser Debüt in der Kreisliga B. Das erste Spiel haben wir sogar gleich gewonnen.

Martin Romig: "Der Basketball war unsere Opposition zum Mainstream"

Wie ist dann der Name Merlins entstanden?

Romig: Dazu gibt es eine witzige Anekdote. Wir Basketballer waren die 18. Abteilung im Verein und niemand hat uns für voll genommen. Als wir den damaligen Vorstand in der Stadt trafen, meinte er zu uns: "Na, wie geht's euch Volleyballern?" Und es war nicht das erste Mal, dass so etwas vorkam. Damit war die rote Linie überschritten. Wir brauchten dringend ein Alleinstellungsmerkmal. Am Lagerfeuer haben wir mögliche Namen diskutiert. Namen aus der Tierwelt waren damals ja schon angesagt für Teams in den USA, über Marlins sind wir dann irgendwie auf Merlins gekommen. Wir wollten nicht noch einen Tiernamen, wir wollten etwas Einzigartiges, etwas ganz Neues. Magie, Kraft, Zauber - das sind doch Attribute, die gut zum Basketball passen. Und der Name war von keinem anderen Klub belegt. Da wir auf die Befindlichkeiten im Großverein Rücksicht nehmen mussten, haben wir unseren Beschluss erstmal geheim gehalten und den Namen ganz langsam und schleichend eingeführt. Wir haben die Merlins in den Berichten hier und da einfließen lassen und irgendwann war der TSV ganz verschwunden, ohne dass es jemand richtig wahrgenommen hätte.

Gerade in der Anfangszeit erarbeiteten sich die Merlins den Ruf eines Party-Vereins. Wodurch hat sich dieser Party-Verein ausgezeichnet?

Romig: Zunächst mal durch eine riesige Portion Leidenschaft für den Basketball. Wir haben für unseren Sport gelebt. Für uns war Basketball Lifestyle, lange bevor die großen Marken in den 90ern ihre große Marketing-Maschinerie anschmissen und der Streetball-Lifestyle groß wurde. Das haben wir bei uns schon vorher gelebt, mit Haut und Haaren. Der Basketball war auch unsere Opposition zum Mainstream. Der Hausmeister musste uns aus der Halle rausprügeln, bis er es irgendwann aufgegeben hat. Unsere Spiele in der Kreisliga sind zum Treff- und Startpunkt fürs Feiern geworden. Man hat sich beim Spiel getroffen und ist danach in die Disco weitergezogen. Wir haben sogar aus der Mannschaft jeder einen Zehner in die Kasse gelegt für Freibier für unsere Kumpels, damit sie uns richtig anfeuern konnten. Es war alles sehr puristisch, aber auch sehr stimmungsvoll. Bei unseren Aufstiegsspielen im ersten Jahr hatten wir in der Kreisliga 200 Zuschauer in der Halle. Das war sensationell. Da war am Anfang natürlich auch kein Geld im Spiel. Der Antrieb war immer nur der Spaß. Und er ist es heute immer noch. Manchmal denke ich an diese Anfänge zurück, um mich daran zu erinnern, warum wir den ganzen Scheiß eigentlich angefangen haben. Wir dürfen nie vergessen, wo wir herkommen.

Was war in der Folge der erste große Meilenstein auf dem Weg nach oben?

Romig: Ein erster großer Meilenstein war das Crailsheimer Volksfest 1994.

Martin Romig: "Wir haben permanent elektrische Schläge bekommen"

Ein Volksfest als Meilenstein eines Basketballvereins?

Romig: Ja, durch das Volksfest und die dortige Bewirtung der Turnhalle hatten wir zum ersten Mal etwas Geld in der Hand. Unser Budget im ersten Jahr betrug 1000 Mark. Wir mussten das Benzin noch selbst bezahlen, wir mussten unsere Eltern anpumpen, um überhaupt zu den Auswärtsspielen zu kommen. Aber für uns war das normal. Das Volksfest hat dann alles geändert. Bei uns auf dem Land war es üblich, dass die Leute nach dem offiziellen Ende des Volkfests in den Bierzelten am Abend um 22.30 Uhr noch für einen Absacker in die Turnhalle kamen. Das gehörte zum guten Ton. Erst dann ist man im Rausch nach Hause gekrabbelt. Und nachmittags gab es Kaffee und Kuchen. 40 Leute von uns mussten dafür ihre eigene Kaffeemaschine mitbringen und unser Elektriker war die ganze Zeit damit beschäftigt, die Sicherung rein- und rauszuschrauben. Wir haben permanent elektrische Schläge bekommen. Das war alles wild. Aber irgendwie haben wir es gewuppt.

Aber es gab ja nicht nur Kaffee und Kuchen.

Romig: Nein. Ehrlicherweise muss man sagen, dass wir das ganze Konzept heimlich, still und leise per Guerilla-Taktik über den Haufen geworfen haben. Eigentlich sollte die Turnhalle die "Oase nach der Party" sein, wir haben daraus aber die Party-Höhle gemacht. Bei uns ging die Post ab. "Aber bitte mit Sahne" von Udo Jürgens war unsere Hymne, sie lief rauf und runter. Die Polizei stand vor der Halle, war aber machtlos und kam gar nicht rein, so voll war es. Wir mussten uns hinter der Theke fast selbst retten, weil wir von den Massen so an die Wand geschoben wurden. Das Volksfest ging vier Tage - und am letzten Tag haben wir die Brauerei leer getrunken. (lacht) Nicht umsonst war unser erstes Sponsoring dann auch ein Bier-Sponsoring. 3000 Mark für drei Jahre. Mit den Einnahmen aus der Bewirtung hatten wir außerdem die Möglichkeit, die ehemalige US-Kasernen-Halle anzumieten. Die war durch den zweiten Irak-Krieg frei geworden. Das Gelände lag brach, es gab nur ein Asylantenwohnheim und uns, alles andere stand leer, das hat sich wie in einem Science-Fiction-Film angefühlt. Die Halle ist quasi zu unserem neuen Jugendzentrum geworden.

In dem die Partys munter weitergingen?

Romig: Absolut. Wir haben die Partys als Einnahmequelle genutzt. Wir haben pro Jahr vier bis fünf Partys mit bis zu 4000 Besuchern veranstaltet. Wir haben da richtig Alarm gemacht und sind sicher auch mal übers Ziel hinausgeschossen. Wir waren schon etwas aufsässig. Die Stadtverwaltung hat uns gehasst, für die waren wir die Bad Boys. Aber die Leute haben uns geliebt. Wir haben mit den Partys den Basketball finanziert. Wir haben die ganzen Einnahmen in den Klub gesteckt. Wir konnten zum ersten Mal einen Trainer von außerhalb holen und bezahlen. Mit der eigenen Halle hatten wir natürlich auch ganz andere Trainingsmöglichkeiten. Wir mussten nur schauen, sie sauber zu halten. Aber in gewisser Weise war das auch gut, weil es uns Eigenverantwortung gelehrt hat. Innerhalb von fünf Jahren sind wir viermal aufgestiegen. Wir haben eine richtige Welle der Begeisterung entfacht. Wir hatten in der Landesliga 1000 Zuschauer. Wir sind schon in der Bezirksliga mit 500 Mann nach Neckarsulm gefahren. Normalerweise dauert die Fahrt 40 Minuten. Wir haben zweieinhalb Stunden gebraucht, weil wir an jedem Parkplatz eine Pinkelpause eingelegt haben. Es war eine besondere Zeit.

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