Basketball

Thorsten Leibenath von ratiopharm Ulm im Interview: "Ein Erstrundenpick aus Ulm würde das verstärken"

Thorsten Leibenath wechselte im Sommer vom Trainerposten zum Sportdirektor bei ratiopharm Ulm.

Thorsten Leibenath muss als Sportdirektor von ratiopharm Ulm aufgrund der Coronavirus-Pandemie mit verschiedenen Szenarien jonglieren und blickt auf eine ungewisse Zukunft. SPOX sprach mit dem langjährigen Cheftrainer über die komplizierte aktuelle Situation.

Außerdem erklärte Leibenath, warum sich das Risiko mit Killian Hayes gelohnt hat und warum Ulm davon profitieren könnte, wenn der junge Franzose im NBA Draft 2020 ausgewählt wird.

Herr Leibenath, das Coronavirus hat den Sport weltweit vorerst lahmgelegt. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag momentan aus?

Thorsten Leibenath: Wir haben vielfältige Aufgaben. Wir müssen zum einen sehen, wie wir unsere Kosten reduziert bekommen. Dazu haben wir viele Gespräche mit Spielern und Agenten geführt und sind auch zu guten Lösungen gekommen. Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass die Saison eventuell weitergespielt wird und gleichzeitig müssen wir auch schon schauen, wie der Kader für die kommende Saison aussehen könnte. Das ist ein Thema, mit dem man sich zu diesem Zeitpunkt ohnehin befassen müsste, denn gegen Ende der Hauptrunde ist man schon etwas intensiver in die Planung der nächsten Saison involviert. Hier in Ulm kommen jetzt noch ein paar zusätzliche Aufgaben hinzu, da wir recht bald in unseren neuen Orange Campus ziehen, das bringt weitere Herausforderungen mit sich. Langweilig wird uns hier also nicht, auch ohne Spielbetrieb.

Vor kurzem wurde bekannt gegeben, dass nach den Mitarbeitern des Vereins auch Spieler und Coaches auf Gehalt verzichten würden. Wie viel Überzeugungsarbeit musste dafür geleistet werden?

Leibenath: Die Bereitschaft dazu war bei allen Beteiligten groß. Mein Eindruck ist, dass die Mitarbeiter der Geschäftsstelle da vorausgegangen sind und damit auch die sportlichen Akteure sensibilisiert haben. Die Coaches haben das dann auch schnell und gut aufgenommen. Somit war es nicht mehr schwierig, die Spieler ebenfalls zu überzeugen.

Sie selbst arbeiten noch vom Büro in Ulm aus. Wie sieht es mit den Spielern aus?

Leibenath: Wir waren liberaler als einige andere Vereine. Wir haben vom ersten Tag, also vom 12. März an, gesagt: Wenn ihr zu euren Familien wollt, werden wir euch keine Steine in den Weg legen. Wir erwarten nicht, dass ihr hier vor Ort seid, sondern ihr sollt euch dort aufhalten, wo ihr euch am wohlsten fühlt. Momentan gibt es hier ohnehin nicht die Möglichkeit, Team-Training aufrechtzuerhalten. Deswegen haben wir klar gesagt, dass wir die mentale Gesundheit priorisieren und die Spieler bei ihren Liebsten sein sollen, wenn ihnen das gut tut. Es gab durchaus auch Spieler, die gesagt haben, dass sie gerne hier bleiben wollen, auch wenn sie nicht aus Deutschland sind, aber viele sind schnell und unbürokratisch abgereist.

Stichwort mentale Gesundheit, da das Thema momentan natürlich sehr viele Menschen betrifft: Was kann man momentan als Verein für die Spieler tun?

Leibenath: Ich würde es zu hoch aufhängen, wenn ich sagen würde, dass wir in der Hinsicht momentan eine große Rolle im Leben des Spielers spielen. Wir versuchen, verfügbar zu sein, die Spieler, die momentan noch hier sind, kommen auch regelmäßig zum Trainieren und können sich fit halten. Man kann zwar höchstens in Zweiergruppen arbeiten und muss sämtlichen Kontakt vermeiden, aber das ist dennoch möglich und das wollen wir bereitstellen. Es ist aber nicht so, dass wir jeden Tag jeden Spieler anrufen und fragen, was wir tun können, damit es ihnen gut geht. Sie wissen, dass sie sich jederzeit melden können, ohne dass wir uns aufdrängen wollen. Ich bin kein Psychologie-Experte, aber wir werden uns immer bemühen, dass wir in jeder Situation entsprechende Lösungen finden können.

Wie sieht die Arbeit der Coaches momentan aus?

Leibenath: Sie findet überwiegend von Zuhause aus statt. Das traf vorher zwar auch schon auf einen Teil ihrer Arbeit zu, momentan sind sie jedoch fast ausschließlich im Home Office. Genau wie die Spieler sollen sie bei ihren Familien sein, es hat aber schon jeder von ihnen Aufgaben bekommen. Beispielsweise geht es jetzt darum, Spiele zu analysieren, sich weiterzubilden, kommende Aufgaben zu planen und so weiter. Da haben sie jede Menge zu tun. Die Geschäftsstellen-Mitarbeiter sind überwiegend im Büro, weil das für die Koordination wichtig ist, aber das ist bei den Coaches nicht nötig.

Thorsten Leibenath: "Mir kann keiner sagen, ob die EM stattfindet"

Wie groß ist die Unsicherheit im Verein? Es sind derzeit überall Untergangsszenarien zu hören - auch im Fußball, der finanziell in Deutschland ja eigentlich viel stärker dastehen sollte.

Leibenath: Es herrscht schon eine Unsicherheit, weil man einfach nicht weiß, wie sich das Ganze weiterentwickeln wird. Mir kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand sagen, ob Anfang August die Spieler kommen werden, um sich auf die kommende Saison vorzubereiten. Mir kann keiner sagen, ob es nächste Saison Nationalmannschaftsfenster geben wird oder ob die Europameisterschaft stattfindet. Das sind alles Unsicherheiten. Ich habe den Eindruck, dass unser Verein auch für eine schwer einzuschätzende Krise gut aufgestellt ist. Die Corona-Krise wird die Sportwelt jedoch insgesamt erschüttern. Viele Vereine werden kurzfristig Probleme bekommen, weil Einnahmen ausbleiben, aber die Kosten nicht in dem Maße schnell genug gesenkt werden können. Da ist es auch unerheblich, ob das Budget eine Million Euro beträgt oder 100 Millionen bei einem Fußball-Verein - dieser hat ja auch höhere Ausgaben.

Viele Vereine haben diese Rücklagen wohl nicht in dem Maße. Gibt es zwischen den Teams und vielleicht auch der Politik schon einen Austausch, wie man die Situation bewältigen kann?

Leibenath: Ich bin bei uns nicht im kaufmännischen Bereich tätig, daher kann ich das nicht im Detail beantworten. Ich rede mit meinen Kollegen im sportlichen Bereich bei anderen Vereinen, wir sitzen ja alle im selben Boot. Aber ob es schon Planungen etwa für einen Rettungsschirm oder dergleichen seitens der Politik gibt, das kann ich nicht beantworten.

Für Sie als Sportdirektor: Mit wie vielen Szenarien müssen Sie derzeit kalkulieren?

Leibenath: Es sind schon einige. Sollte die Saison weitergehen etwa: Sind alle Spieler in der Lage, mitzumachen, oder spricht aufgrund von Einreisebeschränkungen oder vertraglichen Situationen etwas dagegen? Was passiert, wenn wir nicht mit dem gleichen Kader weiterarbeiten können? Haben wir Alternativen? Wir haben welche aufgrund unseres Nachwuchsprogrammes und unserer Doppellizenz-Spieler. Wir müssen uns aber eben auch bereits jetzt damit befassen, was passiert, wenn wir die Saison nicht beenden können. Ich finde es gut, dass zum jetzigen Zeitpunkt alles dafür versucht wird, die Saison zu Ende zu spielen, weil es wichtig ist und sich dadurch viele Fragen erübrigen. Sollte es aber nicht möglich sein, kommen viele Fragen auf. Wer ist Meister, wie sieht die Abschlusstabelle aus, zählen alle Spiele - ich hoffe einfach, dass wir solche Fragen sportlich beantworten können.

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