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Basketball

Schmerzhafte Revolution?

Von Sebastian Hahn
Die Mitspieler von Paul George waren nach seiner schweren Verletzung geschockt
© getty

Paul Georges Verletzung ist nicht nur ein herber Rückschlag für den Small Forward, sie lässt die Debatte um das Abstellen von Superstars für die Nationalmannschaft auch wieder neu aufflammen. Die großen Fragen: Was bedeutet der Schien- und Wadenbeinbruch von PG für das Team USA? Wie gehen die Indiana Pacers damit um? Und auf welchem Level kann George nach seiner Rückkehr überhaupt agieren?

Den Zuschauern und Spielern im Bankers Life Fieldhouse steht der Mund offen. Gerade hatte Paul George einen Pass von Clippers-Guard Darren Collison abgefangen und war zum gegnerischen Korb gesprintet.

Zwei lange Schritte, dann schraubt sich der Star der Pacers in die Höhe und schließt per beeindruckendem 360-Dunk ab. Die älteren Zuschauer fühlen sich an Vince Carters Jam aus dem Jahr 2000 erinnert. Die Menge tobt.

Am Freitagabend steht den Zuschauern und Spielern im Thomas & Mack Center zu Las Vegas ebenfalls der Mund offen. Gerade eben war George zum Blockversuch gegen James Harden abgehoben.

Der Pacer verpasst allerdings den Ball, springt ins Aus und knallt mit dem rechten Bein an den Fuß der Korbanlage. Schien- und Wadenbein brechen unter dem Druck zusammen, die TV-Bilder zeigen für kurze Zeit, wie Georges Bein in einem abnormalen Winkel wegknickt.

Wie Livingston 2007

Die Reaktionen sind bezeichnend. Derrick Rose schleicht orientierungslos über den Platz, Kenneth Faried hält sich den Bauch, DeMarcus Cousins betet, Mason Plumlee und Gordon Hayward ziehen sich das Handtuch über den Kopf. Kyrie Irving weint nach Spielende sogar in den Armen seines Vaters auf der Tribüne.

Knapp sieben Monate liegen zwischen diesen Szenen, die unterschiedlicher nicht sein können. Paul Georges Horror-Verletzung ist die schlimmste, die einem Spieler je beim Team USA widerfahren ist. "Es hat mir den Magen umgedreht, als ich davon erfahren habe. Ich wollte es nicht wahrhaben. Ich brauche dich da draußen, werd' schnell gesund!", erklärte LeBron James via "Twitter".

Viele vergleichen die Szene schon mit der furchtbaren Verletzung von Shaun Livingston 2007, der nach einem Korbleger unglücklich landete und sich beide Kreuzbänder, den Meniskus und das Innenband riss. Zudem sprang die Kniescheibe heraus.

Der Point Guard brauchte eineinhalb Jahre, bis er überhaupt wieder einen Basketball anfassen konnte. Es dauerte allerdings bis 2013, bis er wieder an die Leistungen vor seiner Verletzung anknüpfen konnte und sich seinen Platz in der NBA zurückeroberte.

"Alle geschockt"

"Im Moment sind alle geschockt wegen ihm. Aber er wird zurückkehren, er hat eine Krieger-Mentalität. Dasselbe habe ich zu Derrick Rose gesagt. Beide sind jung und haben schwere Verletzungen erlitten, aber manchmal macht dich so etwas stärker. Sie fordert dich, mit deinem Körper über die Grenzen zu gehen. Ich glaube an Paul Georges Rückkehr an die Spitze", twitterte Livingston.

Taugt Livingston also als Vergleich für Paul George? Definitiv nicht. Der offene Bruch des Schien- und Wadenbeins, den George erlitt, ist zwar einer schwerwiegende Verletzung, im Gegensatz zu Livingston blieben die Bänder des Small Forwards aber vollkommen intakt.

Sofern die Nerven im rechten Unterschenkel nicht dauerhaft geschädigt sind, wird die Verletzung voraussichtlich gut verheilen und George wird weiterhin in der NBA spielen können. Das Beispiel Steve Nash, der sich 2012 das Schienbein brach, zeigt allerdings, dass speziell in den ersten Monaten nach dem Comeback die Nerven noch große Probleme bereiten können. So verpasste Nash in der vergangenen Spielzeit mehr als 60 Partien.

Das Video ist nichts für schwache Nerven. Anschauen auf eigene Gefahr!

Erinnerungen an Hill und T-Mac

Vielmehr muss man sich um die Explosivität und Athletik des Small Forwards Sorgen machen. Wird man auch in Zukunft diese atemberaubenden Dunks von George sehen, die es in der abgelaufenen Saison zur Genüge zu bestaunen gab? Blickt man in die Vergangenheit, machen vor allem die Beispiele von Tracy McGrady und Grant Hill Sorgen.

T-Mac wurde nach einer OP am linken Knie fast vollständig seiner Explosivität beraubt und war danach nur noch ein Schatten seiner selbst. McGrady war allerdings schon 30 Jahre alt, als er sich unters Messer legte.

Hill dagegen war in einer ähnlichen Situation wie George. Auch er war auf dem Sprung zum absoluten Superstar, in den ersten vier Jahren bei den Orlando Magic absolvierte er aber aufgrund von mehreren Knöchelverletzungen nur 47 Partien. Sein Problem: Er startete zu früh sein Comeback, um seinen neuen Vertrag zu rechtfertigen.

Kein verfrühtes Comeback

George sollte sich Zeit lassen. Eine Rückkehr wäre frühestens zwischen Februar und April ein Thema, vermutlich wird George aber die komplette Saison aussetzen. Beispiele wie Derrick Rose und Kobe Bryant unterstreichen, dass ein frühes Comeback niemandem weiterhilft.

Neben der physischen Komponente wird sich auch die Frage stellen, ob George mental dann wieder bereit ist, Vollgas zu geben. "Auch nach meinem Comeback hatte ich immer noch etwas Angst, in die Zone zu ziehen", erklärte etwa Derrick Rose nach seinem ersten Kreuzbandriss. Auch George wird sicherlich noch eine Zeit lang mit der Verletzung im Hinterkopf agieren.

Team-USA-Debatte neu entfacht

Die Verletzung des Small Forwards entfacht allerdings eine weitere Debatte neu: Sollen weiterhin NBA-Superstars für das Team USA abgestellt werden, wenn sie sich dort folgenschwer verletzen können?

Wie "ESPN" vermeldet, sind mehrere NBA-Verantwortliche beunruhigt, dass die Stars der Liga durch Verletzungen bei der Nationalmannschaft lange ausfallen. Beispiele sind Pau Gasols Fußbruch bei der WM 2006 und Manu Ginobilis Knöchelverletzung während der Olympischen Spiele 2008.

Der Fall George ist besonders tragisch. Immerhin war es ein Testspiel, bei dem es zwar um die letzten Plätze im Kader ging, George hatte seinen aber eigentlich schon sicher. Hätte er zum Block gegen Harden in die Luft steigen müssen? Sicherlich nicht. Dass er es trotzdem tat, spricht für seine Einstellung.

Korb zu dicht am Feld

Hinzu kommen die Begebenheiten im Thomas & Mack Center in Las Vegas. Die Korbanlage steht nur 66 Zentimeter von der Grundlinie entfernt, in normalen NBA-Hallen ist der Abstand meist doppelt so groß. "Paul George ist wahrscheinlich mit so viel Wucht zum Block gesprungen, weil er nicht damit gerechnet hat, dass der Fuß der Anlage so nahe ist", erklärte Brian Windhorst von "ESPN".

US-Coach Krzyzewski erklärte aber im Anschluss an das Spiel, dass eine Rückkehr zu dem alten System von vor 1992, als nur College-Spieler für die Nationalmannschaft antraten, nicht zur Debatte stünde: "Sowas kann immer und überall passieren. Heute ist es bei einem Basketball-Spiel passiert. Darum müssen wir uns kümmern. Das bedeutet nicht, dass so etwas immer und immer wieder passiert. Es bedeutet, dass es nun mal heute passiert ist. Wir müssen jetzt die richtigen Schlüsse ziehen und uns dann auf die WM konzentrieren."

Seite 1: Georges Verletzung und die Superstar-Debatte

Seite 2: Konsequenzen für das Team USA und die Pacers

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