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Fussball

Mersad Selimbegovic von Jahn Regensburg im Interview: "Sie wissen gar nicht, zu was Sie im Krieg imstande sind"

Mersad Selimbegovic ist seit 2006 bei Jahn Regensburg und hat als Cheftrainer gute Chancen, dem Klub zum dritten Mal in Folge den Klassenerhalt in der 2. Liga zu sichern. Der 39-Jährige hat als Flüchtlingskind im Bosnienkrieg der 1990er Jahre eine bewegende Geschichte zu erzählen.

Im Interview mit SPOX und GOAL spricht Selimbegovic ausführlich über seine monatelange Flucht in Bosnien und berichtet dabei von Granatenangriffen sowie Schüssen auf seine Familie und ihn.

Der ehemalige Innenverteidiger erzählt zudem von Plünderungen, dem Schicksal seines Vaters und erläutert seine Sicht auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine.

Herr Selimbegovic, Sie sind 2006 mit 24 Jahren vom FK Zeljeznicar Sarajevo aus Ihrer Heimat Bosnien-Herzegowina zum Jahn gekommen - weil Aldiana, Ihre heutige Frau, damals in Passau lebte und Sie in ihre Nähe wollten. 16 Jahre später sind Sie noch immer in Regensburg. Dabei soll Sie einst ein Zufall dorthin geführt haben.

Mersad Selimbegovic: Das stimmt. Mein damaliger Berater war im Winter in Antalya im selben Hotel wie der Jahn, der dort sein Trainingslager abhielt. Er traf den Regensburger Torwarttrainer, der auch aus Bosnien kam. Dem sagte er, dass er einen guten Spieler hat, der nicht mehr in Ost-Europa, sondern in Deutschland oder Österreich spielen möchte.

Und das war's schon?

Selimbegovic: Mein Berater rief mich wenig später an und fragte: Wo wohnt deine Frau nochmal genau? Ich antwortete: in Passau. Und dann hörte ich im Hintergrund, wie jemand überrascht hineinrief: Das ist ja nur 100 Kilometer von uns entfernt! So kam letztlich der Kontakt zum Jahn und am Ende auch der Transfer zustande.

War es keine Option, dass Sie dort bleiben und Ihre Frau nach Sarajevo kommt?

Selimbegovic: Theoretisch schon. Ich hatte aber keine Lust mehr, jede Saison meinem Geld nachzulaufen und nur sieben von zwölf Gehältern zu bekommen. Wobei ich beim Jahn dahingehend anfangs auch kein Glück hatte: Die ersten zwei Gehälter sind gekommen, die nächsten vier nicht. (lacht)

Als Sie zum Jahn kamen, war der gerade in die Bayernliga abgestiegen. Sie wurden als Innenverteidiger sofort Stammspieler und trugen zum Wiederaufstieg in die Regionalliga bei. Allerdings plagten Sie in der Folge immer wieder Verletzungen. Was gab den Ausschlag, dass Sie schließlich 2012 mit 30 dazu gezwungen waren, Ihre Karriere zu beenden?

Selimbegovic: Ein gravierender Unterschied meiner Beinlänge. Mein rechtes Bein ist 1,5 Zentimeter kürzer als das linke. Das wurde erst kurz vor meinem Karriereende durch Doktor Müller-Wohlfahrt festgestellt. Ich merke das nicht beim Laufen, aber damit ist ein Beckenschiefstand vorprogrammiert. Der wiederum führt zu Überdehnungen der Muskeln und bei maximaler Belastung zu Faserverletzungen. Als ich dann in einem Training über einen Mitspieler fiel und mir mein Iliosakralgelenk zertrümmerte, war der Haarriss groß genug, dass alle damit zusammenhängenden Nerven falsche Signale sendeten.

Unmittelbar danach wurden Sie Co-Trainer der U23 und blieben das für vier Jahre. Parallel dazu begannen Sie eine Ausbildung zum Industriemechaniker. Was war damals Ihr Plan für die Karriere nach der Karriere?

Selimbegovic: Ich hatte zunächst keinen richtigen Plan. Die ständigen Comeback-Versuche hatten mich mental ausgelaugt, so dass ich trotz des Angebots auf Vertragsverlängerung einen Strich unter die Karriere und etwas Neues machen wollte. Der Verein bot mir daraufhin an, es einmal bei der U23 zu probieren. Das reichte finanziell aber nicht aus, so dass ich diese Umschulung begann.

Und wieso Industriemechaniker?

Selimbegovic: Weil das der Beruf meines Vaters ist. Ich habe das dual über zwei Jahre und vier Monate gemacht: Eineinhalb Tage pro Woche war ich in der Schule, dreieinhalb im Betrieb, jeden Tag stand ich um 4.20 Uhr auf. Dazu war viermal Training plus das Spiel am Wochenende. Ich kam meist erst um 22 Uhr nach Hause. Und 2013 kaufte ich mir ein Haus, dass ich nebenbei selbst kernsaniert habe. In diesem Jahr begann ich auch mit den Trainerscheinen, blockweise für je sieben Tage in Bosnien. Anfangs musste man mich dazu drängen, da ich dachte, dass ich das als Ex-Profi schon irgendwie hinkriegen würde. (lacht)

2016 übernahmen Sie für eine Saison die U19, danach waren Sie zwei Jahre lang Co-Trainer der Profis. Was ist aus dem Industriemechaniker Selimbegovic geworden?

Selimbegovic: Den gibt's noch. Wobei meine Frau nicht begeistert ist, wenn ich Reperaturen in unserem Haus vornehme. (lacht) Mein Betrieb gab mir damals einen unbefristeten Vertrag, den ich nach eineinhalb Jahren aufgeben musste, als ich das Angebot als Co-Trainer bekam. Ich bin aber sehr stolz darauf, diese Ausbildung abgeschlossen zu haben. Ich hatte zuvor mit der Industrie nichts am Hut, hinzu kam diese mir fremde Fachsprache. All das half mir, das Leben noch einmal von einer anderen Seite kennenzulernen, so dass ich die Zeit im Fußball mehr zu schätzen lernte.

Mittlerweile absolvieren Sie Ihre dritte Saison als Cheftrainer des Jahn und werden ein drittes Mal in Folge den Klassenerhalt sichern. Ihr Vertrag läuft bis 2023. Was müsste passieren, damit Sie Regensburg den Rücken kehren?

Selimbegovic: Ich habe nie gedacht, dass ich einmal Profitrainer werde. Das hat sich einfach so entwickelt. Es hat mir und den Spielern gefallen, man gab mir immer größere Verantwortung. Mittlerweile ist alles so intensiv, dass es vielleicht schwer zu glauben ist, ich mir aber nie Gedanken über ein Ende in Regensburg gemacht habe. Mir gefällt's hier und ich hoffe, dass ich noch lange bleiben kann.

Wie groß ist Ihr Ehrgeiz, als Trainer eines Tages einmal in der Bundesliga oder mit größeren Mitteln zu arbeiten als in Regensburg?

Selimbegovic: Ich bin kein Träumer, aber es ist auch nicht so, dass ich keine Ambitionen habe. Manchmal wird gesagt, dass ich hier nach drei Jahren nicht mehr viel erreichen kann. Das sehe ich komplett anders, denn das, was wir hier machen, ist jedes Jahr eine riesige Herausforderung. Jahn Regensburg ist noch kein etablierter Zweitligist, der zu Saisonbeginn weiß, dass er den Klassenerhalt schaffen wird. Ich weiß aber auch, dass im Fußball nur eines sicher ist: dass nichts sicher ist. Ich habe in meinem Leben schon viele Dinge in alle verschiedenen Richtungen erlebt und kann daher einschätzen, wie schnell sich die Gegenwart verändern kann.

Auf brutale Art und Weise hat sich bei Ihnen die Gegenwart verändert, als Sie zehn Jahre alt waren und im Bosnienkrieg der 1990er Jahre zum Flüchtlingskind wurden. Wie ergeht es Ihnen in diesen Tagen, wenn Sie die Bilder vom russischen Angriffskrieg in der Ukraine sehen?

Selimbegovic: Wahrscheinlich noch etwas schlechter als vielen anderen. Die meisten sehen nur die schrecklichen Bilder, verbinden damit aber keine echten Gefühle. Bei mir ist das anders, die Bilder von damals kommen sofort wieder hoch. Es macht mich sehr traurig zu sehen, dass Menschen einfach nicht lernen und schnell vergessen. Ich bekomme natürlich mit, was dort passiert, aber ich versuche auch zum Eigenschutz, nicht zu viele Nachrichten zu konsumieren.

Viele Menschen sind auch deshalb schockiert, weil der Krieg so nah ist. Wie blicken Sie derzeit auf die Rezeption des Krieges vor allem in Westeuropa?

Selimbegovic: Es ist leider so, dass es ständig Kriege gibt. Doch wenn sie weiter entfernt sind, sind sie meist nicht unsere Sache. Aber: Es gibt keinen besseren oder schlechteren Krieg. Krieg ist kein Computerspiel, das man noch einmal neu starten kann. Wer einmal stirbt, was einmal zerstört ist, das lässt sich nicht mehr ändern. Das ist etwas, was viele komplett unterschätzen. Ich bin etwas gespalten, ob die Menschen wirklich begreifen, was gerade passiert und wie schnell sich das auch verbreiten kann. Die Ukrainer dachten zwei Wochen vor dem Einmarsch nicht, dass es sie treffen würde. Uns ging es in Bosnien zwei Tage vor dem Angriff genauso. Deshalb ist jede diplomatische Anstrengung wertvoll und keine zu viel. Das darf unter keinen Umständen ein größeres Ausmaß annehmen.

Ende April werden Sie 40 Jahre alt, im Juni liegt die Flucht aus Ihrem Heimatort nahe der Kleinstadt Rogatica östlich von Sarajevo 30 Jahre zurück. Wie weit weg fühlt sich das für Sie an?

Selimbegovic: Ich finde es wirklich verrückt, dass 30 Jahre vergangen sind. Ich habe noch so viele Bilder in mir, dass es mir vorkommt, als wäre es gestern passiert. Ich habe auch als Fußballer vieles erlebt, aber nichts kommt so schnell und so klar hoch wie die Zeit der Flucht. Das wird auch mein Leben lang so bleiben. Es prägt dich einfach, du kannst es nicht verdrängen. Wichtig ist, es zu verarbeiten und gut zu kanalisieren. Ich kenne viele, denen das nicht gelungen ist und die heute noch sehr stark damit zu kämpfen haben.

Sie haben einmal gesagt, der Fußball habe Ihnen geholfen, das Geschehene schneller zu verarbeiten. Wie sind Sie darüber hinaus vorgegangen, haben Sie sich Hilfe geholt?

Selimbegovic: Während des Kriegs bist du einzig und allein damit beschäftigt, zu überleben. Man verschiebt seine Grenzen extrem. Sie wissen gar nicht, zu was Sie in einer solchen Lage imstande sind. Als der Krieg vorüber war, überwog die Freude am Leben. Schule, Fußball, Freunde - es lagen so viele Dinge vor mir, die ich verpasst habe und aufholen musste. Ich habe jahrelang kein Fernsehen gehabt, mir fehlt die WM 1994 zum Beispiel komplett. Dadurch hatte ich kaum Zeit darüber nachzudenken, wie es mir wirklich geht. Es ist auch Typ-Sache, ich war stets sehr lebensfroh. Ich erinnere mich, dass es Momente gab, da haben wir uns stundenlang vor den Granatenangriffen versteckt und als sie aufhörten, lachten wir zwei Minuten später wieder. So verrückt das auch klingen mag.

Ist es unmöglich, die schlimmen Bilder gänzlich aus dem Kopf zu löschen?

Selimbegovic: Ich will das nicht verdrängen. Man darf vor bestimmten Sachen nicht weglaufen, sondern muss sich ihnen stellen. In mir stecken keine Rachegelüste, sondern ich rede gerne darüber. Mir hat das dabei geholfen, zu der Person zu werden, die ich heute bin. Ich schätze das Leben und den Frieden, respektiere meine Mitmenschen und sehe alles, was wir haben, nicht als selbstverständlich an.

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