Cookie-Einstellungen
Fussball

Dietmar Beiersdorfer vom FC Ingolstadt im Interview: "Dann ist man auch beim Memory nur zu 35 Prozent bei der Sache"

Beiersdorfer war von 2002 bis 2009 und von 2014 bis 2016 beim HSV.

Nach fast fünf Jahren ohne Anstellung im Profifußball wurde Dietmar Beiersdorfer im November 2021 Geschäftsführer Sport und Kommunikation beim Zweitligisten FC Ingolstadt 04. Das überraschte, schließlich arbeitete der 58-Jährige zuvor bei Schwergewichten wie dem HSV und Zenit St. Petersburg.

Im Interview mit SPOX und GOAL spricht Beiersdorfer über seine lange Auszeit, die Belastung seines Berufs und Niederlagen beim Memory.

Der ehemalige Bundesligaprofi erzählt zudem von seinem Aufenthalt in Russland, den Einfluss des Gazprom-Chefs und erklärt, warum er die 1. Liga nicht für langweilig hält.

Herr Beiersdorfer, Anfang November 2021 haben Sie nach rund fünf Jahren ohne Anstellung im Profifußball beim FC Ingolstadt 04 unterschrieben. Jetzt sind Sie fünf Monate im Amt - mussten Sie sich erst wieder an das zeitintensive Pensum dieses Jobs gewöhnen?

Dietmar Beiersdorfer: Nein, ich habe mich schnell wieder an den alten Pulsschlag gewöhnt und ihn auch irgendwo gesucht. Für mich ist Fußball sieben Tage die Woche, so habe ich es gelernt und so muss es auch sein. Das kriege ich nicht mehr heraus. Es hat mir auch gefehlt. Ich habe schnell festgestellt, dass es mir großen Spaß macht, wieder tagtäglich mit Menschen an Projekten zu arbeiten und Strategien zu entwickeln.

Sie haben in der Zeit außerhalb des Fußballs Beratungsmandate für sportnahe Unternehmen sowie Startups übernommen und sich weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Was haben Sie sich gerade zu Beginn der neuen Freizeit gegönnt, um Abstand gerade von dem turbulenten Engagement beim HSV zu gewinnen?

Beiersdorfer: Ich bin relativ viel mit der Familie weggefahren und habe ein paar sehr schöne Urlaube verbracht. Wir waren mehrere Wochen an der Westküste der USA und haben uns auch den Indian Summer an der Ostküste angeschaut, waren auf Island oder in der Türkei, dem Heimatland meiner Frau. Es war toll, viel Zeit mit meiner Tochter verbracht und sie auf dem Weg durch die ersten Schuljahre begleitet zu haben. Ich habe mich wirklich gut erholt und mit einem völlig anderen Rhythmus gelebt als zuvor.

Wenn man wie Sie so viele Jahre am Stück in einer exponierten Rolle gearbeitet hat und daraufhin über einen längeren Zeitraum ausscheidet, reflektiert man das Vergangene dann alleine oder haben Sie sich dafür professionelle Hilfe geholt?

Beiersdorfer: Nein, das habe ich nicht. Ich brauchte erst einmal ausreichend Abstand von meiner alten Tätigkeit, die sehr intensiv und innig war. Das benötigt einfach Zeit. Irgendwann kommen die Dinge automatisch wieder hoch, die man damals anders gesehen hat oder heute anders entscheiden würde. Ich habe sie aber nicht mit irgendeiner Unterstützung abgearbeitet, sondern Zug um Zug und dabei das Meiste mit mir selbst ausgemacht, aber auch mit Freunden oder Leuten aus der Branche darüber gesprochen.

Haben Sie in Ihrer Pause gemerkt, dass das Leben außerhalb des Fußballs eventuell sogar lebenswerter ist?

Beiersdorfer: Also wenn ich mir die Bilder vom Ende meiner zweiten HSV-Zeit anschaue - heute sehe ich frischer aus. (lacht) Ich kann dieses Hoch und Runter in der Branche nach fast 40 Jahren ja aber einordnen und abstrahieren. Der Sport ist eben ganz oft nicht berechenbar. Es gibt unheimlich viele Einflussfaktoren, die Entscheidungen in unterschiedliche Richtungen lenken können und mit denen man permanent umgehen muss. Beeinflussen kann man sie allerdings nur bis zu einem bestimmten Grad.

Inwiefern haben Sie in dieser Phase erst so richtig realisiert, wie groß der Druck war, der zuvor auf Ihnen lastete?

Beiersdorfer: Ich habe noch vor Augen, wie ich 2002 im Gespräch mit dem HSV über die Stelle als Sportdirektor und Vizepräsident war. Da gab es ein Vorbereitungsspiel und es kamen 40.000 Zuschauer ins Stadion. Damals habe ich das ganz anders wahrgenommen und mir gesagt: Für all diese Leute sollst du dich jetzt auch mitverantwortlich zeigen? Das wird schon hart. Ich habe den Druck später aber nie als Belastung empfunden. Belastet haben mich eher Dinge wie: Ist das nun der richtige Trainer oder Spieler für unseren Klub?

Max Eberl hat bei Borussia Mönchengladbach die Reißleine gezogen, weil er aufgrund der Anstrengungen und Entbehrungen des Berufs erkrankt ist. Wie nah waren Sie schon einmal an einem solchen Punkt?

Beiersdorfer: Es gab mit Sicherheit immer wieder Phasen, in denen ich am Anschlag oder darüber war. Am Ende kommt es darauf an, wie tief man sich emotional mit dem Job auseinandersetzt. Je tiefer diese Emotionalität ist, desto schwerwiegender ist die Gefahr, in Situationen zu geraten, in denen man mental und körperlich erschöpft ist. Ich habe immer versucht, es so zu leben, dass ich den Druck nicht so bewusst spüre. So war es für mich gerade anfangs leichter, in die Rolle und ihre Aufgaben hineinzuwachsen. Ich habe immer mehr nach innen gewirkt, weil es mir nicht so wichtig war, was nach außen scheint.

Ist es überhaupt möglich, von einem solch öffentlichen Beruf auch einmal wirklich abzuschalten?

Beiersdorfer: Wenn man so stark in die verschiedenen Themen involviert ist, gibt es ganz wenige Zeiten, in denen man sich einmal richtig herausnehmen kann - auch weil einen die Themen nicht wirklich loslassen. Phasen zum Abschalten hat man dann kaum. Die Belastung ist schon erheblich und man kann sie ganz selten vor der Haustüre einfach abstreifen. Dann ist man auch beim Memory nur zu 35 Prozent bei der Sache und verliert oft. (lacht)

Inwiefern haben Sie sich nun auch bewusst für einen kleineren und familiären Klub wie den FCI entschieden, bei dem weniger Leute mitreden und wo nicht alles öffentlich kommentiert wird?

Beiersdorfer: Das hatte natürlich seinen Reiz. Ich habe hier aber vor allem die Möglichkeit, inhaltlich zu arbeiten und gemeinsam eine in die Zukunft gerichtete Strategie zu entwickeln. Wir haben infrastrukturell sehr gute Voraussetzungen. Ich sehe mich in der Lage, einer der Köpfe zu sein, die dies alles Stück für Stück nach vorne treiben. Mit der Zeit haben sich auch mein Anspruch und die Arbeitsinhalte ein bisschen geändert. Das hat gar nichts mit Motivation zu tun, die hat bei mir keineswegs abgenommen. Eher mit einer gewissen Erfahrung, so dass man sich mit einigen Sachen nicht mehr so stark auseinandersetzen will, weil man weiß, wie wenig zielführend sie sind.

Ganz anders als in Ingolstadt ging es bei Zenit St. Petersburg zu, wo Sie von August 2012 bis Juli 2014 Sportdirektor waren. Der Verein wurde vom russischen Staatskonzern Gazprom alimentiert und hat zu Ihrer Zeit enorm hohe Summen für Transfers ausgegeben. Wie anders war das Arbeiten dort?

Beiersdorfer: Ich konnte lange Zeit total unter dem Radar arbeiten, weil mein Engagement erst Monate später bekannt wurde. Mir war das auch ganz recht, da viel zu tun war. Insgesamt war es schon komplett anders, in jeglicher Hinsicht.

Können Sie das konkretisieren?

Beiersdorfer: Zum Beispiel waren die Mitarbeiter im Klub einerseits sehr herzlich, hilfsbereit und wissbegierig. Andererseits aber auch überrascht, wenn man sie miteinbezogen oder nach ihrer Meinung befragt hat. Damit konnten sie anfangs gar nicht richtig umgehen, weil sie es gewohnt waren, dass eine klare Hierarchie mit klaren Vorgaben herrscht. Sie wachsen einfach in einem anderen System auf, an das sie sich anpassen müssen.

Dietmar Beiersdorfer: Seine Stationen als Funktionär

VereinFunktionAmtszeit
Hamburger SVVorstand Sport2002-2009
Red Bull GmbHHead of Global Soccer2009-2011
Zenit St. PetersburgSportdirektor2012-2014
Hamburger SVVorstandsvorsitzender/Direktor Profifußball2014-2016
FC Ingolstadt 04Geschäftsführer Sportseit 11/2021
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung