Fussball

Jahn Regensburgs Co-Trainer Sebastian Dreier im Interview: "Klose war der Wahnsinn, ein brutal guter Typ"

Von Stefan Zieglmayer
Sebastian Dreier (r.) war Kapitän der U17 des FC Bayern München.

Er trainierte schon bei den Profis des FC Bayern München, ehe er mit 21 Jahren seine Karriere beenden musste. Heute, sieben Jahre später, ist Sebastian Dreier Co-Trainer beim Zweitligisten Jahn Regensburg.

Im Interview mit SPOX und Goal erzählt Dreier von seinem gelebten Jugendtraum im Bayern-Internat an der Säbener Straße, dem ersten Training mit den Profis und seinen zwei Seuchenjahren, nach denen er entschied, als Trainer weiterzumachen.

Dreier spricht über seine Anfänge als Jugendcoach des FC Bayern, Trainingseinheiten von Pep Guardiola, den coolen Typen Sandro Schwarz und den spannenden Spielstil von Thomas Tuchel.

Herr Dreier, Sie waren 15 Jahre alt, als Sie von zuhause auszogen. Wie sah Ihr Leben damals aus?

Sebastian Dreier: Nicht viel anders als heute. Es ging rund um die Uhr nur um Fußball. Ich wechselte damals von 1860 München zum FC Bayern und zog ins Internat an der Säbener Straße. Ich schaute oft den Profis beim Training zu. Nebenbei gingen wir dann selbst noch auf den Platz. Das war die Erfüllung eines Jugendtraums - für jeden von uns 13 Jungs im Internat.

Dreier: "Götze machte immer etwas Magisches mit dem Ball"

Kennt man einige Mitbewohner von damals?

Dreier: Im ersten Jahr wohnte Toni Kroos noch dort. Wir hatten allerdings wenig Berührungspunkte. Im zweiten Jahr, zur U17, zog David Alaba ein, mit dem ich zumindest eine Weile lang zusammenspielte. Dann wurde er ziemlich schnell zur U19 hochgezogen. Er war physisch sehr stark, dynamisch und robust. David marschierte damals schon immer nach vorn.

War er Ihr bester Mitspieler in der Jugend?

Dreier: Das war wahrscheinlich Mario Götze, in der Nationalmannschaft. Wenn wir nicht mehr wussten, wohin mit dem Ball, spielten wir ihn zu Mario. Er machte immer etwas Magisches damit.

Götze wurde 2009 U17-Europameister mit Deutschland. Sie waren Kapitän der U17 des FC Bayern, standen vor der EM immer im Kader von Marco Pezzaiuoli - dann kam der erste Rückschlag.

Dreier: Eigentlich war es kein großer Rückschlag, nur der Zeitpunkt war mehr als unglücklich. Ich zog mir einen Bänderriss im Sprunggelenk zu und war rund sechs Wochen und damit für die EM raus. Ich ärgerte mich sehr, aber der Fokus auf das eigentliche Ziel, nämlich Profi zu werden, war schnell wieder zurück.

Die damaligen Europameister erfuhren nach dem Titelgewinn einen kleinen Hype. Einige wurden in die U23-Teams ihrer Klubs hochgezogen, andere feierten ihr Profidebüt. Sie rissen sich im März 2010 das Kreuzband im linken Knie.

Dreier: Und das Außenband. Ich war neun Monate raus.

Was ging Ihnen in diesen neun Monaten durch den Kopf?

Dreier: Ich entwickelte Ungeduld. Meine Mitspieler machten in der Zeit große Sprünge und ich war zur Pause verdonnert. Das war eine schwierige Zeit. Es muss auf dem Weg zum Profi vieles reibungslos ablaufen.

Bei Ihnen war das nicht der Fall. Innerhalb von zwei Jahren riss Ihr Kreuzband dreimal, dazu kam ein Knorpelschaden. Sie waren erst 21 Jahre alt, als Sie sich zum Karriereende entschieden - und als Jugendtrainer begannen. Wie kam es dazu?

Dreier: Inmitten meiner dritten Rehaphase im Winter sprang der Co-Trainer der U16 ab. Ich wurde also gefragt, ob ich für den Rest der Saison einspringen kann. Parallel nahm ich langsam wieder am Mannschaftstraining der U23 teil, doch das Knie fühlte sich auch nach einer Zeit nicht gut an. Meine Entscheidung war eine Mischung aus Angst vor einer erneuten Verletzung und dem Spaß an der Arbeit mit der U16.

Sebastian Dreier im Steckbrief

geboren22. Februar 1992 in Landshut
Größe1,79 Meter
Position als Spielerdefensives Mittelfeld, rechter Verteidiger
Stationen als SpielerFC Hohenthann Jugend, 1860 München Jugend, FC Bayern Jugend, FC Bayern II, FC Hohenthann
Stationen als TrainerFC Bayern U16, FC Bayern U17, Unterhaching U17, Unterhaching U19, Mainz U15, Jahn Regensburg

Dreier: "Klose war der Wahnsinn, ein brutal guter Typ"

Der Traum vom Profifußball war zum Greifen nah - keine einfache Wahl.

Dreier: Das stimmt. Andererseits hatte ich meine Verletzungen alle im Übergang zu den Herren. Während andere wahnsinnige Entwicklungssprünge machten, geriet ich immer stärker in den Rückstand.

Vor Ihrem zweiten Kreuzbandriss holte Sie zunächst Louis van Gaal und später Interimstrainer Andries Jonker sogar immer wieder ins Profitraining. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Dreier: Das war absolut surreal. Plötzlich marschiert ein Basti Schweinsteiger durch die Kabine oder ein Schrank wie Daniel van Buyten sitzt am Frühstückstisch neben dir und liest Zeitung.

Wie wurden die jungen Spieler damals aufgenommen?

Dreier: Sehr gut. Allen voran Miroslav Klose war sehr hilfsbereit. Er gab uns viele Tipps, nahm uns zur Seite und erklärte uns, wie wir uns rund ums Profitraining am besten verhalten. Etwa, dass es für junge Spieler selbstverständlich ist, sich um die Bälle zu kümmern. Aber auch, wenn es um taktische Sachen oder die Haltung beim Pass ging. Klose war der Wahnsinn, ein brutal guter Typ. Und damals schon ein guter Trainer. (lacht) Mark van Bommel war ähnlich offen.

Welche Tipps verteilte der "aggressive Leader"?

Dreier: Da ging es tatsächlich eher um Filigranes. (lacht) Ich stand mit ihm beim Flanken. Er hat mir nach jeder Flanke Kleinigkeiten erklärt, die ihm aufgefallen waren.

Mit 21 war genau das dann Ihr Job. Wie sah Ihr Werdegang als Jugendtrainer bei Bayern aus?

Dreier: Nach dem halben Jahr bei der U16 war der damals neue U17-Trainer Heiko Herrlich die treibende Kraft. Da ich die Spieler schon kannte, wollte er mich in seinem Team haben. Er hat mich durch seine Arbeitsweise zum Weitermachen inspiriert.

Was zeichnet ihn als Trainer aus?

Dreier: Mit welcher Detailversessenheit und Akribie er arbeitete, hat mir imponiert. Er sah sich in den ersten Wochen alle Trainingseinheiten von Pep Guardiola an. Der hatte damals zeitgleich bei Bayern begonnen. Heiko machte sich Notizen, filmte manche Einheiten und versuchte alles zu verstehen. Gleichzeitig hatte er immer eine klare Vorstellung vom Spiel seiner Mannschaft und kreierte dafür die perfekt geeigneten Trainingsformen. Das war beeindruckend.

Dreier: Das hat mich bei Pep Guardiola beeindruckt

Welche Aufgaben übernahmen Sie in Heiko Herrlichs Trainerteam?

Dreier: Videoanalyse und deren Vorstellung vor der Mannschaft, Einzelanalysen von Spielern, Gruppencoachings im Training. Das waren meine wesentlichen Aufgaben. Nebenbei machte ich meine Trainerlizenzen.

Sie haben als Spieler und Co-Trainer schon mit vielen Trainern zusammengearbeitet, etwa mit Mehmet Scholl, Stephan Beckenbauer, Jonker, Herrlich oder Tim Walter. Ist man als angehender Trainer ein Produkt all dieser Einflüsse?

Dreier: Ja, auf alle Fälle. Ich habe von jedem etwas mitgenommen. Tim Walter zum Beispiel hat eine sehr eigene Vorstellung von Spieleröffnung, bei der die Innenverteidiger ins Mittelfeld schieben und die Außenverteidiger nach innen rücken. Von Heiko Herrlich ist mir vor allem das Pressingverhalten hängengeblieben. Bei den Niederländern standen Passformen, Raumaufteilung und Positionsspiel in Ballbesitz im Fokus. Bei den Spaniern war das ähnlich, nur noch dynamischer. Ich konnte mir von jedem Trainer kleine Aspekte für die verschiedenen Spielphasen herausziehen, die ich zumindest situativ anwenden kann.

Haben Sie Pep Guardiola kennengelernt?

Dreier: Nicht persönlich. Aber wenn Trainings unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden, schauten wir oft zu. Mir ist vor allem seine Persönlichkeit, sein Auftreten auf dem Platz in Erinnerung geblieben. Wie energisch, leidenschaftlich und aktiv er als Trainer auf dem Platz steht, das ist beeindruckend. Auch, dass er auf Deutsch, Englisch, Spanisch und teilweise Französisch coachte, war eindrucksvoll.

2016 absolvierten Sie ein Praktikum beim FC Arsenal. Wie kann man sich das vorstellen?

Dreier: Das geschah im Rahmen meines Sportwissenschaft-Studiums an der TU München. Der Kontakt kam durch Andries Jonker zustande, der damals Akademieleiter bei Arsenal war. Ich arbeitete im Grunde als Assistent des U16-Trainers, bei dem ich die ersten vier Wochen sogar wohnte. Die englische Fußballsprache im Arbeitsalltag anzuwenden, war schon etwas Besonderes.

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