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Ex-BVB-Nachwuchstrainer Benjamin Hoffmann im Interview: "Als U19-Coach ist man nicht Trainer von einem selbst"

Benjamin Hoffmann trainierte bis 2019 die U19 des BVB.

Benjamin Hoffmann ist seit 2019 Trainer der U19 des 1. FSV Mainz 05. Zuvor arbeitete er 17 Jahre lang im Nachwuchsbereich von Borussia Dortmund. Im vergangenen Sommer wurde der 40-Jährige beim BVB trotz des Gewinns des Meistertitels durch Michael Skibbe ersetzt.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Hoffmann über seine Anfangszeit beim BVB, den ersten Posten als Cheftrainer und warum er die Gründe für sein Aus in Dortmund nicht nachvollziehen konnte.

Zudem erklärt Hoffmann, wie er die Zusammenarbeit mit Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Peter Bosz wahrnahm, weshalb Jadon Sancho ein "Straßenköter" ist und warum sich Alex Isak nicht bei der Borussia durchsetzen konnte.

Herr Hoffmann, seit dem 7. März hat Ihre Mannschaft kein Pflichtspiel mehr absolviert. Die Saison in der A-Junioren Bundesliga Süd/Südwest ist mittlerweile abgebrochen, Mainz 05 landete mit 41 Punkten aus 19 Spielen und nur zwei Niederlagen auf Platz zwei. Wie haben Sie die vergangenen fast vier Monate verbracht?

Benjamin Hoffmann: Im vergangenen Jahr wurde meine Tochter geboren. Corona hat mir quasi eine Elternzeit geschenkt. Zudem habe ich mit meinen Spielern Kontakt gehalten, sie häufig angerufen oder mit ihnen per WhatsApp gechattet. Ich habe die Spieler so noch einmal anders kennengelernt. Mit manchen habe ich über eine Stunde lang telefoniert. Sie haben auch Aufgaben von uns bekommen, wie zum Beispiel eine positionsbezogene Videoanalyse von Bundesligamannschaften zu erstellen, damit sie Szenen herausschneiden, was ihnen bei den Teams positiv und negativ aufgefallen ist.

Sie sind im vergangenen Sommer nach 17 Jahren beim BVB nach Mainz gewechselt. Die U19 des FSV landete zuletzt immer im oberen Tabellenbereich, auch in der Vorsaison wurde sie Vizemeister. Inwiefern unterscheiden sich die Ziele als Mainzer U19-Trainer von denen, die man in Dortmund erreichen sollte?

Hoffmann: Allen Trainern im Nachwuchsbereich sollte klar sein: Der Spieler ist immer am wichtigsten. Es geht darum, ihn an sein individuelles Limit zu bringen, denn jeder entwickelt sich anders und macht zu unterschiedlichen Zeitpunkten einen Sprung. In Dortmund möchte man immer auch den Titel jagen. Das wollten wir auch in Mainz, wir standen auch im Halbfinale des DFB-Pokals. Am Ende liegt aber die Priorität darauf, die Spieler so gut wie möglich auf den Profibereich vorzubereiten. Darauf wird in Mainz sehr viel Wert gelegt, weil hier natürlich auch der Sprung nach oben nochmal ein anderer ist als beim BVB, der immer in der Champions League vertreten sein muss.

Ex-BVB-Trainer und -Talent Hoffmann: "Ich war nicht der Talentierteste"

Sie haben einst selbst von der C-Jugend bis zum Ende der A-Jugend in Dortmund gespielt. Wieso ging die Zeit als Spieler beim BVB für Sie damals zu Ende?

Hoffmann: Ich war nicht der Talentierteste und habe gemerkt, dass es für ganz oben nicht reicht. Der Sprung zur U23 in die drittklassige Regionalliga wäre für mich zu schwierig gewesen, so dass ich mich entschied, nach Beckum in die Oberliga Westfalen zu wechseln. Das war das richtige Niveau für mich, dort war ich auch Stammspieler.

Sie standen in den 1990er Jahren auch als Fan auf der Südtribüne und wurden später als Balljunge am Spielfeldrand eingesetzt.

Hoffmann: Genau. Ich ging mit meinem Vater und unserem Nachbarn ins Stadion und habe mitgejubelt und mich geärgert. Als Jugendspieler war ich später Balljunge beim entscheidenden Spiel gegen Bremen um die Meisterschaft 1996. Komplett eingebrannt hat sich auch, dass wir mit der U19 zum Champions-League-Finale 1997 nach München eingeladen wurden. Das war ein geiles Erlebnis, dafür bin ich tausendfach dankbar.

2002 haben Sie schließlich beim Verbandsligisten VfL Schwerte Ihre Karriere beendet und sind mit 22 Jahren Co-Trainer Ihres ehemaligen Jugendcoachs Peter Wazinski in der Dortmunder U17 geworden - nebenberuflich für sechseinhalb Jahre. Wie haben Sie das mit Ihrem Hauptjob als Bankkaufmann im Finanzbereich unter einen Hut gebracht?

Hoffmann: Als der Anruf von Peter kam, habe ich nicht eine Nacht lang überlegt. Ich musste dann immer um fünf Uhr morgens aufstehen, pendelte mit dem Zug zur Deutschen Bank nach Düsseldorf und ging nach dem Training um 21, 22 Uhr wieder ins Bett. Anschließend habe ich mich selbständig gemacht, um das Pendeln zu umgehen. Damit konnte ich mich gerade so über Wasser halten, doch die Lust auf den Job im Trainerbereich war deutlich größer. 80 Prozent meiner Zeit gingen für den Fußball drauf.

Hoffmann: "Ich bekam einmal einen Anruf von Dynamo Kiew"

Als dann Nachwuchs-Koordinator Edwin Boekamp mit Michael Skibbe in die Türkei wechselte und Wazinski neben Lars Ricken sportlicher Leiter der Jugendabteilung wurde, bekamen Sie im Januar 2009 einen hauptamtlichen Trainerposten angeboten. Für die Zusage werden Sie nicht lange gebraucht haben, oder?

Hoffmann: Nein, ich unterschrieb noch am selben Tag. (lacht) Ich hatte immer darauf gehofft und gewartet. Lars bestellte mich an diesem Tag zur Geschäftsstelle. Ich wusste von nichts und habe dieses Angebot auch nicht erwartet. Danach bin ich schwitzend und mit einem breiten Grinsen im Gesicht wieder gegangen. Das war ein toller Moment, weil es eben auch nicht irgendein Verein ist. Beim BVB in diesem Alter Chefcoach einer Nachwuchsmannschaft zu sein, das hatte ich mir in den kühnsten Träumen nicht vorstellen können.

Sie blieben jedoch nicht lange Coach der U17.

Hoffmann: Ich habe sie für den Rest der damals laufenden und der anschließenden Saison betreut. Dabei merkte ich, wie groß der Unterschied zwischen Cheftrainer und Co-Trainer wirklich ist. Ich bin ins kalte Wasser gesprungen und konnte keine Kopie von Peter sein, sondern musste mich selbst erst einmal weiterentwickeln. Wir entschieden dann, dass die U17 vielleicht etwas zu ambitioniert ist und ich das in den unteren Jahrgängen besser hinkriege. Daraufhin wechselte ich für fünf Jahre zur U14 und U15 und bin mit den jeweiligen Jahrgängen mitgegangen. Dort habe ich als Trainer zu mir selbst und meiner eigenen Identität gefunden.

2015 bestanden Sie Ihren Fußballlehrer, wurden Meister mit der U14 und bekamen anschließend wieder die U17, mit der Sie auf Anhieb Vizemeister wurden. Wie sah es denn zwischenzeitlich aus, hatten Sie auch Angebote für einen Cheftrainerposten im Seniorenbereich?

Hoffmann: Lustigerweise nicht - und wenn, dann waren es unseriöse. Ich bekam einmal einen Anruf von Dynamo Kiew, aber das war so komisch, dass ich nicht glaubte, das könne ernst gemeint sein. Bei Hannes Wolf, der immer den Jahrgang über mir hatte und dreimal in Folge Meister wurde, war es ähnlich. Wir waren aber ohnehin glücklich und wussten, dass der BVB langfristig plant und man dort kontinuierlich arbeiten kann.

Nach einer Saison bei der U17 übernahmen Sie die U19 und erlebten dort drei sehr erfolgreiche Jahre: Meister 2017, Halbfinale 2018, Meister 2019. Muss denn jemand wie Sie, der im Nachwuchsbereich nachweislich gute Arbeit leistet, vom Verein unbedingt dort gehalten werden oder sollte ein Trainer mit diesen Erfolgen nach Höherem streben?

Hoffmann: Um langfristig ein guter Jugendtrainer zu sein, benötigt man erst einmal einen gewissen Erfahrungsschatz. Der Norbert Elgert, der 1996 bei Schalke anfing, ist ja nicht mit dem heutigen zu vergleichen und hatte auch nicht gleich einen starken Jahrgang nach dem anderen. Doch diese Geduld bringen die Vereine aus meiner Sicht oft nicht mehr auf. Das sieht man auch an meiner Person, wo trotz der Erfolge beim BVB Kritik innerhalb des Vereins entstanden ist und man einen Trainer wollte, der bekannter ist. Man kann aber nicht immer beides haben - höchstens dann, wenn man einen langen Atem beweist.

Benjamin Hoffmann: Seine Karriere als Trainer im Überblick

VereinZeitraum
Borussia Dortmund U17 (Co-Trainer)2002-2009
Borussia Dortmund U17 (Cheftrainer)2009-2010
Borussia Dortmund U14/U152010-2015
Borussia Dortmund U172015-2016
Borussia Dortmund U192016-2019
1. FSV Mainz 05 U19seit 2019
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